RIEHEN / BASEL

Expressionisten der "Brücke" und die Natur

4. Mai - 9. September 2013


Mini-Katalog (PDF)

  • Kirchner 1919 1G G0582 Bergwald

    Ernst Ludwig Kirchner
    Waldinneres (Bergwald).
    Öl auf Leinwand 1919/1920.
    Gordon 582.  119,4 x 90,5 cm.
    Signiert und datiert.
    Rückseitig mit Nachlass-Stempel.
    Obj. Id: 66847

  • Mueller 1925 1G VLP244 Waldstueck mit Blumen und Teich

    Otto Mueller
    Waldstück mit Blumen und Teich.
    Leimfarbe auf Juge um 1925.
    Von Lüttichau/Pirsig 244. Monogrammiert. 106,5 x 77 cm.  Rückseitig signiert.
    Obj. Id: 75086

  • Heckel-19221GGebirgslandschaft 01

    Erich Heckel
    Gebirgslandschaft.
    Öl auf Leinwand 1922.
    Signiert und datiert. 83 x 96,5 cm.
    Obj. Id: 67906

 

Expressionisten der "Brücke" und die Natur

4. Mai - 24. August 2013


Die reine Darstellung der Landschaft und der Natur - sowohl die idealisierte als auch die realistische - ist eine vergleichsweise junge Disziplin der Künste. In Europa hat sie keine kontinuierliche Tradition. Erhalten sind lediglich einzelne Beispiele reiner Landschaftsdarstellungen in den Fresken der spätrömischen Antike, in den folgenden Jahrhunderten des Mittelalters wurde die Landschaft nur noch als Hintergrund von, oder im Zusammenhang mit religiösen, symbolischen, allegorischen und mythologischen Darstellungen eingesetzt, sie wurde im Zusammenhang mit Lebewesen, seien es Menschen oder Tiere, mit Gebäuden, Ruinen oder sonst vom Menschen Geschaffenem gezeichnet, geschnitten, gestochen und gemalt.


Ein verändertes Naturempfinden in der Kunst entwickelte sich zu Beginn des 16. Jahrhunderts in der Donauschule, die Natur erhielt eigenständigen Rang, es entstanden Studien zu Wäldern und Bergen. In den Niederlanden kam es Mitte des Jahrhunderts zu einer ersten Blüte der Landschaftsmalerei, in welcher die Menschen der dargestellten Szenen zu Staffagefiguren reduziert wurden, aber selbst bei Adam Elsheimer, Nicolas Poussin oder Claude Lorrain, den Grossen der Landschaftsmalerei, wurde nicht gänzlich auf sie verzichtet, sie gaben den Gemälden nach wie vor den Titel.

Die frühesten ausschliesslich der Natur gewidmeten Gemälde finden wir wohl bei William Turner, John Constable oder Caspar David Friedrich im 19. Jahrhundert. Aber erst in der Schule von Barbizon und bei den von dieser angeregten Impressionisten erhielten Himmel, Berge, Hügel, Wälder, Bäume, Wiesen und Blumen unmittelbaren Einzug in die Malerei. Gemälde und nicht nur Skizzen und Arbeiten auf Papier wurden nun direkt vor der Natur im Freien gemalt. Vor dem Hintergrund dieser erstaunlicherweise doch sehr jungen Tradition sind die Werke unserer kommenden Ausstellung zu sehen.

Als Ernst Ludwig Kirchner 1917 erstmals nach Davos kam, übernahm er sogleich die neue Umgebung in sein Bildrepertoire. Er widmete sich in allen zur Verfügung stehenden Techniken, Skizze, Zeichnung, Aquarell, Druckgraphik und im grossen Gemälde der Landschaft mit Wäldern und Bergen. Zunächst in seinem nervösen Pinselduktus, später in seinem mehr und mehr flächiger werdenden Stil, hielt er auf Papier und Leinwand Ausschnitte aus seiner Umgebung fest, die ihn ebenso stark beeindruckte wie zuvor das Grossstadtleben in Berlin.

Ebenso fasziniert von Bergen und Dünen, von Meer und Flüssen schuf Erich Heckel einen veritablen Orbis pictus von Landschaften, der auf seinen häufigen Reisen entstand. Diese und weitere Darstellungen der Natur von Otto Mueller, Karl Schmidt-Rottluff und Hermann Max Pechstein können Sie in unserer neuen Ausstellung betrachten und geniessen. Die Künstler der "Brücke", deren beliebtes Motiv in frühen Jahren Badende an Seen und am Meer war, liessen sich später von der reinen Natur zu wunderbaren Werken inspirieren. Gänzlich auf den Menschen oder dessen Werke verzichtend, erhoben diese Künstler die Natur allein zu einem Schwerpunkt ihres Schaffens und blieben hiermit nicht ohne Nachfolge.

Alexandra Henze Triebold

 

 

GEDANKEN DER EXPRESSIONISTEN ÜBER DIE NATUR

 

ERNST LUDWIG KIRCHNER

Die Farben waren heute manchmal in der Natur...Freundlich problematische Natur.

(Tagebucheintrag vom 18. Juli 1919)

Oh, endlich einmal Natur in freier Natur machen, das muß schön sein. Vielleicht geht es noch diesen Sommer.
(Tagebucheintrag vom 4. August 1919)

Es stehen vor mir Farben der Phantasie, und doch muß ich ganz nahe an der Natur arbeiten.
(Tagebucheintrag vom 30. August 1919)

Das unmittelbare Schaffen aus Erlebnis und Natur habe ich doch allein, das packt die Jungen, die gesund empfinden.
(Tagebucheintrag vom 9. Dezember 1926)

EMIL NOLDE

Ahnte ich den weiten Weg von der äußerlich gesehenen abschreibenden Naturfreude - wie bisher meine landschaftlichen Aquarelle alle entstanden waren - zu der von innen kommenden, künstlerisch freien Gestaltung? Diesen gefährlichen, himmelwärtsstrebenden Weg zwischen Nebel und Wolken, mit seiner dynamischen Kraft im Werk, soll nur derjenige Künstler gehen, dem Naturgedächtnis und die Gabe produktiver Phantasie gegeben sind; glücklich bleibe jeder andere bei eingehender Wiedergabe der Natur. Blühende Phantasie ist weltgewinnend und bezwingend, erkünstelte hohle Täuschung. Als 1892...ich nach der Schweiz übersiedeln konnte, meldete sich schon nach wenigen Monaten das Verlangen nach bescheidener künstlerische Betätigung, und die bewegte herrliche Natur um mich gab ihre Anregung...Man findet hier noch die Natur in ihrer Ursprünglichkeit, ungekünstelt und mächtig.
(Aus: Das eigene Leben)

Ich malte das Moos der Bäume so überzeugend, daß es als wirkliches Moos angefaßt werden konnte, und ein Büschel, ins Gemalte hineingesetzt, war nicht als solches erkennbar. Aber das kleine Werk war kein Kunstwerk, höchstens nur ein Kunststück, und in meiner denkenden Unruhe kam ich zu der Fassung, daß "je weiter man sich von der Natur entfernt und doch natürlich bleibt, um so größer ist die Kunst". Vordem aber schon hatte ich die Naturwiedergabe, anstatt mit hunderten Strichelchen, mit wenigen Strichen hingesetzt und bei dieser technischen Umwertung den Eindruck von Kunst, so gut, als damals ich es eben machen konnte, empfunden. Die Natur kann man fassen in ihrer Kleinheit und in ihrer Größe; weil ich die Größe liebte, suchte ich nach dieser. (Aus: Das eigene Leben)

Ich hatte zu dieser Zeit schon unendlich viele Gesichte, wohin ich schaute, die Natur war belebt, der Himmel, die Wolken, auf jedem Stein und zwischen den Zweigen der Bäume, überall regten und lebten in stillem oder wildem lebendigen Leben meine Gestalten, die mich in Begeisterung versetzten und auch plagend nach Verbildlichung riefen...Zuweilen auch an Markttagen ging ich zeichnend und ringend auf Spuren realer Natur.
(Aus: Jahre der Kämpfe)

Es war auf Alsen mitten im Sommer. Die Farben der Blumen zogen mich unwiderstehlich an, und fast plötzlich war ich beim Malen, Es entstanden meine ersten kleinen Gartenbilder. Die blühenden Farben der Blume und die Reinheit dieser Farben, ich liebte sie. Ich liebte die Blumen in ihrem Schicksal: emporsprießend, blühend, leuchtend, glühend, beglückend, sich neigend, verwelkend, verworfen in der Grube endend.
(Aus: Jahre der Kämpfe)

Die Natur war oft herrlich groß, der Himmel mit seinem Gewölk unvergleichlich schön und so seltsam weitspannen und großmächtig, wie vor- oder nachher ich es nie gesehen habe.
(Aus: Welt und Heimat)

Vor der Natur waren meistens die vollen, satten Farbenklänge meine Freude. Doch auch zuweilen bewegten mich die zarten und zartesten Vorgänge...Wer sieht die Welt wie sie ist? Wer schaut sie als Traum und Bild? Natur und Kunst sind zweierlei. Der hohe Geist und Schöpfer aller Welten und Herrlichkeiten, er bildet jede Kunst, aber die Natur gestaltet er in Kraft und Feinheit unendlich wunderbar. Kunst zu bilden ist uns Menschen gegeben. Sie ist unsere bescheidene Tat. Wo schön sie ist, erfüllt sie uns ganz und inniglich,
wir lieben sie.
(Aus: Reisen)

MAX PECHSTEIN

In Ruhe und Ausgeglichenheit folgte ein Tag dem anderen...So klar und einfach wie es war, war auch die Natur, die mich umgab. In ungebrochenen, reinen Farben bot sie sich mir in ebenso einfachen und großen Formen dar. Es drängte mich, in dem wundervollen Teakholz zu schnitzen, das sich in frischem Zustand herrlich bearbeiten läßt.
(Aus: Palau)

Arme und Beine hochgestemmt, versunken in die Schwingungen, welche er seiner Flöte entlockt. Er gibt wie die ihn umgebenden Bäume dieser Natur, unbekümmert und rückhaltlos. Gewahrt nicht, daß wir seine Früchte genießen. Bloßgelegt und eins sind Mensch, Luft, Bäume, Welt! Gesunder Sinne Bedürfnis ist gestillt vom Überschwang dieser Einheit.
(Eintrag vom 29. Juli 1914)

So tastete ich mich allmählich in vielen Skizzen an die Natur, die gewaltigen Wanderdünen, an das Haff heran, und so erlebte ich zum erstenmal den mich berauschenden, ewigen Rhythmus des Meeres...Ich sog mich voll Licht und Farbe in der von den Menschen nicht verdorbenen Natur.
(Aus: Erinnerungen)

Eine Natur von unerhörter Pracht umgibt mich, Üppigkeit des Wachstums ohnegleichen breitet sich aus, niegesehene Pflanzen erheben sich, Palmen und Brotfruchtbäume, Bambus und Zuckerrohr. Traumhaft ist der Urwald mit seinen Lianen, Orchideen, Kallas und hohen Farnwedeln. In diesem Grün flattern die großen, buntfarbigen Schmetterlinge - man könnte beinahe sagen, sie ersetzen die Blumen.
(Aus: Erinnerungen)

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