Wichtrach/Bern

 

FRAUEN
Grandes Dames - Petites Fleurs

18. Mai - 16. November 2013

Minikatalog (PDF)   Ausstellungsplan (PDF)

  • Kirchner 1928 1G G0926 Spielende Badende 07

    Ernst Ludwig Kirchner
    Spielende Badende.
    Öl auf Leinwand 1928.
    Gordon 926. Signiert, datiert und monogrammiert. 92 x 73 cm.
    Verso mit Nachlass-Stempel
    Obj. Id. 66673

  • Hartung 1948 8PL K400 Sitzende 04

    Karl Hartung
    Sitzende.
    Bronze 1948. Krause 400.
    Mit Signatur- und Nachlass-Stempel. Höhe 52/51 cm..
    Obj. Id: 76719

  • Schultze 1971 8PL Mannequin-Migof m zerstoertem Fluegel 04

    Bernard Schultze
    Mannequin-Migof mit zerstörtem Flügel.
    Schaufensterpuppe, Öl, Draht, Textilien, Plastikmasse 1971.
    Signiert und datiert. 195 x 85 x 90 cm-
    Obj. Id: 66636

  • Heckel 1919 5H D322 b A.N. Portait Asta Nielsen  03

    Erich Heckel
    A. N. (Portrait Asta Nielsen).
    Holzschnitt 1919. Dube H 322 B.
    Signiert und datiert. 46,3 x 30,3 auf 61,3 x 51,5 cm
    Obj.Id: 76414

  • Eble 1924 1G Zwei Modelle 04

    Theo Eble
    Zwei Modelle.
    Öl auf Leinwand 1924.
    Signiert. 89 x 78 cm. Rückseite Landschaft.
    Obj.Id.  67147

  • Nolde 1907 6R SM087 Fraeulein Dr. Sch 03

    Emil Nolde
    Fräulein Dr. Sch (Rosa Schapire).
    Radierung (Strichätzung) 1907. Schiefler-Moser R87.
    Auf Kupferdruckkarton. Signiert. 30,8 x 23,8 auf 62 x 41,4 cm
    Obj.Id. 67440

 

FRAUEN
Grandes Dames - Petites Fleurs


Der Präsident der Vereinigten Staaten, Barack Obama, sah sich kürzlich zu einer öffentlichen Entschuldigung veranlasst, weil er in einer Rede eine Dame für ihre beruflichen Leistungen enorm gelobt hatte jedoch anschliessend noch ergänzte, sie sei zudem noch eine besonders gut aussehende Frau. Tatsächlich ist es auch heute noch schwer vorstellbar, dass umgekehrt z. B. die deutsche Bundeskanzlerin, die derzeit mächtigste unter den Frauen der Welt, das Umgekehrte bezüglich eines Mannes tun könnte. Für uns stellt sich aber die Frage, ob es nicht wünschenswert sein könnte, dass Frau Merkel über das gute Aussehen eines Mannes auch mal eine Zwischenbemerkung machen könnte. Kämen wir nämlich zu dem Schluss, eine solche Randbemerkung dürfe weder aus männlichem noch aus weiblichem Mund kommen, dann hätten wir in der Kunst der Menschheit ein Problem - von der Venus von Willendorf bis heute.

Nun ist auch die ebenmässige Schönheit des männlichen Körpers durchaus Thema der bildenden Künste gewesen, spätestens seit den Kuroi des alten Griechenland, jedoch beherrschte der Mann die Darstellung in den Künsten eher (bekleidet) als Mächtiger in Politik, Religion und Krieg, Gebiete, in welchen die Frau nur selten in den Vordergrund trat. Dagegen wurde die Frau zum Inbild körperlicher Schönheit, eben von der Venus von Willendorf bis heute und dies keineswegs allein in erotischem Sinn. Sie war (und ist ?) in der Kunst und für die (zumeist immer noch) Künstler Modell, Muse, aber auch (früher vereinzelt und heute immer mehr) auch Malerin. Alle drei "M" zugleich sein, das erreichten und das erlitten nur wenige Frauen. Die parallel zu dieser thematischen Ausstellung bei uns gezeigte Ausstellung zu Ursula (Schultze-Bluhm) bezeugt einen solchen Fall von Modell, Muse und Malerin, einer "Grande Dame" der Kunst.

Beginnen wir also bei den selteneren und jüngeren Beispielen, den Malerinnen, den Künstlerinnen, etwa bei Gabriele Münter, Marianne von Werefkin, Giorgia O'Keeffe. Schon bei Lee Krasner tritt aber wieder das "Pollock" im Namen hinzu wie bei Ursula das "Schultze" vor ihrem Mädchennamen "Bluhm". Und auch die beiden erstgenannten ordnen sich sogleich die Namen Kandinsky und Jawlensky zu. Unter diesem "Schicksal" soll heute Isa Genzken leiden, wie kürzlich im "Spiegel" berichtet. Den ihr zugeordneten männlichen Namen nenne ich hier nicht, wusste ich doch davon auch gar nicht, als ich z. B. ihren Beitrag im deutschen Pavillon der Biennale vor Jahren sah. Uninformiertheit kann sehr heilsam sein und das Gerede "Schüler/in von dem und dem" oder "Frau von dem und dem" hat im Netzwerk des Kunstbetriebes seinen (oft auch fatalen) Stellenwert wie jedes Gerede. Für die Kunst bedeutet es gar nichts. Alle genannten Künstlerinnen schufen und schaffen Kunst von höchster Qualität und Eigenart auf voller Augenhöhe mit ihren jeweiligen männlichen Kollegen, machen also keine "Frauenkunst", eine schreckliche Un-Wortschöpfung - ich glaube - der Akademie Düsseldorf. Männlichen Künstlernamen ordnen sich uns doch auch bisweilen unwillkürlich andere Namen zu wie etwa Raphael bei Michelangelo, ohne dass das irgendwelche wertenden Konsequenzen hätte. Was zählt, ist allein das Werk, das künstlerische Werk, das sowieso über den Schöpfer hinausweist, aber keineswegs geschlechtslos sein muss oder sollte, ganz und gar nicht.

Da hier von der Frau in der Kunst die Rede ist, kommen wir jetzt zur "Muse" zur inspirierenden Begleiterin des Malers, die ihn mit ihrer Persönlichkeit und Weiblichkeit an- und erregt und zur Darstellung in allen Möglichkeiten drängt: Vom distanzierten Gegenüber im Porträt bis zur innigen Vereinigung im Liebes-Akt. Das Porträt als Kopfstück oder in ganzer Gestalt hat in gleicher Weise, ob männlich oder weiblich, seinen Ursprung in der Darstellung, in der Charakterisierung von Göttinnen und Göttern, von Heldinnen und Helden, von Heiligen beiderlei Geschlechts, von Herrscherinnen und Herrschern, denen die Künstler (meist waren sie eben männlich, bisher) unterschiedlich nahe, jedoch im Laufe der Zeit, sowohl in der Antike wie in der Neuzeit immer näher kamen, bis zum Porträt der Gefährtin in Leben und Kunst, der Muse, wie die von uns hier gezeigten Porträts von Max Beckmann oder Theo Eble, den Porträts von Künstlerinnen wie Heckels Asta Nielsen oder Kirchners "Sängerin am Piano". Beide setzten sich ein Leben lang in ihrer Kunst mit ihren Lebensgefährtinnen Siddi und Erna auseinander, eine unendliche Version der Maler-und-Modell-Situation vom Porträtkopf bis zum Akt.

Im Akt wird auch die Muse zum Modell. Hier vollzieht sich die so eigenartige und bis heute rätselhafte Umsetzung von erotischer in künstlerische Energie, wie ich das zunächst einmal etwas salopp formulieren möchte. Zweifellos ist dies aber die nachhaltigste Energiequelle der Künste an der Schnittstelle von Sublimierung des Animalischen und Fixierung des Flüchtigen. Nicht erst der alternde Picasso hat gegen seine verrinnende Zeit in immer neuen Maler-und-Modell-Szenen angemalt, das haben alle anderen Künstler und Künstlerinnen schon immer getan. So entstanden unendliche Hymnen an den schönen Körper eben bei Kirchner aber auch in Jürgen Brodwolfs Tubenfigur, die aus frühen Akt-Darstellungen seiner ersten Frau und Muse erstand. Sublimierte reine Erotik und Fixierung ihrer und des Lebens Flüchtigkeit war auch bereits der Beginn von Allem, die Venus von Willendorf.

Wir haben nun die Frauen in der Kunst von heutiger Künstlerin, Malerin, in völliger Gleichstellung mit dem Künstler, dem Maler, rückwärts bis zur Venus von Willendorf kurz betrachtet. Von diesen frühen Figürchen wissen wir übrigens nicht, ob sie ein Mann oder eine Frau geschaffen hat. In frühen matriarchalischen Zeiten könnte dies doch durchaus auch eine Frau gewesen sein, oder? Die Männer mussten doch jagen und die Frauen hüteten Herd und Familie, hatten vielleicht mehr Musse. Möge diese kleine Ausstellung, die ja nicht frei aus dem Gesamtfundus der Kunst ausgewählt werden konnte, sondern den Zufälligkeiten der uns zur Verfügung stehenden verkäuflichen Werke ihre Zusammenstellung verdankt, doch zu einigem Nachdenken und Überdenken der Situation der Frau in der Kunst und im Kunstbetrieb anregen.

Ich plädiere - um zur eingangs gestellten Frage zurückzukommen - also bezüglich Frau und Mann (und das hoffentlich nicht nur, weil ich die Frage notwendigerweise aus der Sicht des Mannes sehe) gegen eine verengende und für eine erweiternde Gleichberechtigung, in der es möglich ist, dass Alle auch über die Schönheit eine Bemerkung fallen lassen dürfen, wie ich überhaupt für eine stärkere Berücksichtigung ästhetischer Fragen in unserem gesamten Leben plädiere, das doch arg in uns umgebender Architektur (wenn man die überhaupt so nennen darf) in Wohnungseinrichtung (vor allem an den Wänden) und in Kleidung (vermeintliche Freizeit-) von einer oft deprimierenden optischen Umweltverschmutzung heimgesucht wird, weil deren Ästhetik nicht thematisiert wird, sie also "ungestaltet" ist. Wir können aber nur in einer (von uns) gestalteten Umgebung glücklich und erfüllt leben.

Wolfgang Henze

Text zur 100. Ausstellung in der Galerie Henze & Ketterer, Wichtrach/Bern

Galerie Henze & Ketterer
Kirchstrasse 26, CH 3114 Wichtrach
Tel. +41 (0)31 781 06 01
modernart (at) henze-ketterer.com
Galerie Henze & Ketterer & Triebold
Wettsteinstrasse 4, CH 4125 Riehen
Tel. +41 (0)61 641 77 77
ghkt (at) artgalleries.ch