Wichtrach/Bern


DRUCKGRAPHIK

Künstler der "Brücke"

14. Dezember 2013 - 22. Februar 2014

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  • Mueller-1924-7L-K152-Waldlandschaft

    Otto Mueller
    Waldlandschaft.
    Farblithographie um 1924.
    Signiert. 25,2 x 17,1 auf 34,5 x 24,5 cm.
    Obj. Id. 66773

  • Schmidt-Rottluff-1918-5H-S213-Christus-flucht-dem-Feigenbaum

    Karl Schmidt-Rottluff
    Christus flucht den Feigenbaum.
    Holzschnitt 1918.
    Signiert. 50 x 39 auf 66,5 x 50,8 cm.
    Obj. Id. 67634

  • Kirchner-1918-5H-D361-Absalom-und-seine-Ratgeber

    Ernst Ludwig Kirchner
    Absalom und seine Ratgeber.
    Holzschnitt 1918.
    Nachlasstempel. 40 x 37 auf 52,5 x 42,5 cm.
    Obj. Id. 65549

  • Heckel-1915-5H-D287-Gerader-Kanal

    Erich Heckel
    Gerader Kanal.
    Holzschnitt 1915.
    Signiert. 37,1 x 27,1 auf 67 x 50 cm.
    Obj.Id. 75348

  • Nolde-1910-6R-SM137-Hamburg-Freihafen

    Emil Nolde
    Hamburg, Freihafen.
    Radierung 1910.
    Signiert. 31,2 x 41 auf 46,3 x 57,5 cm.
    Obj.Id. 67528

  • Schmidt-Rottluff-1914-5H-S143-Frau--in-den-Duenen

    Karl Schmidt-Rottluff
    Frau in den Dünen.
    Holzschnitt 1914.
    Signiert. 39,2 x 50 auf 56 x 70,7 cm.
    Obj.Id. 75011

 

Druckgraphik
Künstler der "Brücke"

 

Wie in der parallelen Ausstellung zum Stilleben scheint auch der Gegenstand dieser Ausstellung nicht gerade im Mittelpunkt des Interesses im gegenwärtigen Kunstbetrieb zu stehen. Aber auch das ist bei näherem Hinsehen keineswegs so. Sehr viele der heutigen auch sehr bekannten Künstlerinnen und Künstler nutzen die spezifischen und in anderen Techniken nicht realisierbaren Ausdrucksmöglichkeiten der drei druckgraphischen Techniken, für welche die Künstler Holz-, Metall- oder Steinplatten bearbeiten, von denen sie oder ein Drucker Abzüge auf Papier anfertigen (Baselitz, Gert und Uwe Tobias, Avigdor Arikha etc.).

Den Holz-Stempeldruck für Stoffe gab es bereits in der Antike. Erst durch das Papier kam es Ende des 14. Jahrhunderts zu Bilddrucken, den sog. Einblattdrucken in Mitteleuropa, dessen starke Form und Farbe „Brücke“ um 1905 zum Vorbild wurde. Der Holzschnitt führte schliesslich zum weltverändernden Buchdruck, während der um die Mitte des 15. Jahrhunderts erfundene Kupferstich bis zur Erfindung der Fotografie die einzige Vervielfältigungsmöglichkeit von Abbildungen war. Er reproduzierte die Bildwelten der Kunst (daher: abgekupfert) und brachte sie in die Kupferstichkabinette der Welt. Durch Ätz- anstelle von Stich-Verfahren wurde diese Technik zu höchstem Nuancenreichtum verfeinert und nicht nur von den Reproduktions-Kupferstechern sondern wegen ihrer besonderen Ausdrucksmöglichkeiten auch von den bedeutendsten Künstlern genutzt (Goya), von Nolde bereits 1898. Auch die späteste der drei Techniken, die 1796-98 in München von Aloys Senefelder erfundene Lithographie sollte ursprünglich reiner Reproduktion dienen, wurde aber ebenfalls sehr bald von Künstlern für ihre Zwecke genutzt und z. B. von Toulouse-Lautrec in seinen Farblithographien Ende des 19. Jhs. zu einer Sternstunde der Kunst entwickelt.

Im Gegensatz zum auch geübten in das harte Stirnholz geschnittenen Holzstich eignet sich der üblicherweise in das weiche Längsholz geschnittene Holzschnitt weniger für feine und kleinteilige Darstellungen, drucken doch bei diesem sog. „Hochdruck“ die erhabenen rings ausgeschnittenen stehen bleibenden Flächen. Er kam aber gerade den „Brücke“-Künstlern für ihre grossflächigen Kompositionen, dann auch in Farbe, entgegen. Diese gemeinsame Arbeit im Holzschnitt von Heckel, Kirchner, Pechstein und Schmidt-Rottluff führte um 1910 zum gemeinsamen sog. „Brücke“-Stil, in welchem sich ihre Kunst am nächsten kam, bisweilen zum Verwechseln. Die Technik des Holzschnittes wirkte also in diesem Fall unbedingt stilbildend, ist also nicht Ergebnis oder gar Vervielfältigung einer bereits erfolgten künstlerischen Entwicklung sondern deren zentrales Ereignis.

Da also nicht Abbildung und Vervielfältigung der Grund für die Übung der druckgraphischen Techniken durch die „Brücke“-Künstler war, sondern die ständig neue Erprobung der spezifischen Ausdruckmöglichkeiten dieser Techniken, die so in keiner anderen erzielt werden konnten, war die nur natürliche Konsequenz, dass von diesen Druckgraphiken keine Auflagen gedruckt wurden, schon gar nicht durch Drucker, sondern die Künstler von einem selbst abgezogenen Druck zum anderen sich zu immer neuen Ergebnissen vortasteten, zumindest vor 1910. Danach wurden auch Auflagen, meist jedoch nur kleine, von einigen damaligen Druckern für die Künstler gedruckt. Bei Kirchner blieb das jedoch die Ausnahme, er experimentierte mit der Druckgraphik bis in die 30er Jahre und rang vor allem dem Farbholzschnitt immer neue Möglichkeiten ab.

Nolde, der älteste in dieser Künstlerrunde, schuf zwar vor 1905 einige wenige Radierungen und Lithographien, also die Techniken, welche von den Künstlern des ausgehenden 19. Jhs. allgemein geübt wurden, der völlig ungewöhnlichen und neuen Wiederaufnahme des spätmittelalterlichen Einblattholzschnittes wandte aber auch er sich erst durch seine kurze Mitgliedschaft in der Künstlergruppe „Brücke“ 1906/07 zu. Auch für ihn führte die Arbeit in dieser Technik in seiner Malerei von einer Art grosszügigem Divisionismus zu mehr flächiger Malerei ebenfalls um 1910.

Die Radierung, ob nun die farbführenden Rillen in die Metallplatte mit dem Stichel geritzt oder mit Hilfe von Wachsritzung geätzt, ist die zurückhaltendere Variante der Druckgraphik, die intimere, feinere, nuanciertere auch zumeist in kleinerem Format. Grosse Säurebäder waren technisch aufwendig. Zudem lebt die Radierung vom feinen Strich der in die Metallplatte geritzten oder geätzten mit Druckerschwärze gefüllten Rille (Tiefdruck), nicht von der grossen Fläche, wenn auch Flächenätzungen, um diese mitdrucken zu lassen, vor allem von Nolde und Kirchner vielfach eingesetzt wurden. Farbige Drucke von Radierungen kommen im Werk der „Brücke“-Künstler vor, reguläre Farbradierungen sind jedoch im Gegensatz zum Farbholzschnitt oder der Farblithographie die Ausnahme.

Die Lithographie ist ein Flachdruck von einer körnigen Steinplatte, welcher auf der Abstossung von Fett und Wasser beruht. Der Künstler zeichnet auf die trockene Steinplatte entweder mit Lithokreide oder Lithotusche, beide fetthaltig. Dann wird der Stein gänzlich befeuchtet. Wenn er jetzt mit Druckerschwärze eingefärbt wird, bleiben die unbezeichneten Stellen wegen der Nässe frei von dieser, während die bezeichneten fetten Teile die Druckerschwärze annehmen. Wenn hiervon auf Papier gedruckt wird, ersteht auf dem Papier die Zeichnung und kann in diesem Fall in sehr hoher Auflage gedruckt werden, da in diesem Flachdruckverfahren praktisch keine Abnutzung des Druckträgers erfolgt, im Gegensatz zum Holzschnitt und besonders zur Radierung, die nur 50 bis 100 Abzüge ohne Verluste zulässt. Das Erscheinungsbild der Lithographie ist dem einer Originalzeichnung äusserst ähnlich, wie vor allem die Lithographien von Otto Mueller in dieser Ausstellung zeigen, der sich praktisch ausschliesslich mit dieser Technik beschäftigte.

Die Druckgraphik der „Brücke“-Künstler gehört zu den grundlegenden Phänomenen der Moderne und steht nicht nur wegen ihrer besonderen Qualitäten, ihres grossen Einflusses auf die Malerei und Plastik des Expressionismus, ihrer bildprägenden Ausdruckstärke für unser kulturelles Gedächtnis einzigartig dar, auch an Umfang ist dies Phänomen singulär. Die Druckgraphiken von Mueller mit 172, Schmidt-Rottluff mit 367 und auch Nolde mit 511 halten sich noch in den üblichen Grenzen der druckgraphischen Werke von Malern, die von Pechstein mit 998, von Heckel mit 1.063 oder gar Kirchner mit 2.097 erreichen aber bereits Dimensionen der Werke reiner Druckgraphiker. Sie schufen jedoch auch im Bereich Gemälde, Aquarell und Zeichnung immense Werke. Der Furor expressiven Schaffens entfaltete sich also nicht nur qualitativ in der Intensität der Übersteigerung von Form, Farbe und Gebärde, er explodierte auch in der Quantität.

Wir zeigen in unserer Ausstellung aus den Beständen der Galerie eine Auswahl aus dem druckgraphischen Schaffen dieser sechs Künstler in allen Techniken, um unsere Besucher wieder einmal auf diese wesentliche und aussergewöhnliche Leistung der Kunst vor rund hundert Jahren hinzuweisen.

Wolfgang Henze

Text zur 104. Ausstellung in der Galerie Henze & Ketterer, Wichtrach/Bern

Galerie Henze & Ketterer
Kirchstrasse 26, CH 3114 Wichtrach
Tel. +41 (0)31 781 06 01
Galerie Henze & Ketterer & Triebold
Wettsteinstrasse 4, CH 4125 Riehen
Tel. +41 (0)61 641 77 77