| O Mensch! Kopf und Körper vom Expressionismus bis heute
Bach, Bargheer, Baselitz, Brodwolf, Eble, Grosz, Hartung, Heckel, Hüppi, Kirchner, Manfredini, Middendorf, Mueller, Nolde, Panayotidis, Pechstein, Peiffer Watenphul, Purrmann, Rohlfs, Salomé, Scherer, Schmidt-Rottluff, Schultze, Spoerri, Ursula, Winter
Was ist der Mensch? Was zeichnet ihn aus? Was bewegt ihn? Fragen, die auch und gerade in der Kunst immer wieder aufs Neue behandelt und gestaltet werden. Die Ausstellung O Mensch! umfasst Werke, die in einem Zeitraum von 100 Jahren vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis heute geschaffen wurden. Auf höchst unterschiedliche Weise nähern sich die Künstler mit Mitteln der Malerei, der Skulptur und Installation sowie in druckgrafischen Arbeiten dem komplexen Thema.
Der Mensch, seine Gedanken, Sehnsüchte und Emotionen waren das zentrale Thema der Expressionisten. Radikal und subjektiv kehrten sie mit Farbe und Form das Innerste nach aussen. Nicht die realistische Darstellung, sondern der expressiv gesteigerte, subjektive Ausdruck stand im Mittelpunkt ihrer Kunst. Unmittelbar, roh und unverfälscht wandten sie sich gegen die Zwänge der Zivilisation. Der nackte Mensch in freier Natur entsprach ihrem Selbstverständnis. Die Aufbruchstimmung, mit der die Expressionisten Anfang des 20. Jahrhunderts die Geburt eines neuen Zeitalters feierten, fand in der expressionistischen O-Mensch-Dichtung seine Entsprechung. Mit der Zeile „Mein einziger Wunsch ist, Dir, o Mensch, verwandt zu sein" begann Franz Werfel 1911 sein Gedicht „An den Leser". Voller Euphorie wurde hier die Überwindung sämtlicher Grenzen hin zu einer Verbrüderung aller Menschen heraufbeschworen. Doch schon vier Jahre später machte der Ausbruch des Ersten Weltkrieges die hymnische Aufbruchstimmung zunichte. Statt als Brüder fanden sich auch die Künstler als Gegner im Schützengraben wieder. Die Erschütterungen des Ersten Weltkrieges führten auch zu einem Umbruch in der Kunst: Dada, Surrealismus, Neue Sachlichkeit, Abstraktion und auch Expressionismus entstanden oder entwickelten sich weiter. Die Expressionisten reagierten mit der ihnen eigenen Radikalität auf die Schrecknisse des Krieges, schilderten seine dramatischen Folgen bis in die Gestaltung des scheinbar Alltäglichen. Aber auch sie suchten nach neuen Ausdrucksformen, einem „Neuen Stil". Ernst Ludwig Kirchner gestaltete in seinen Davoser Jahren aus Fläche, Farbe und Rhythmus seine eigene Form der Abstraktion, die jedoch immer im Figurativen letztlich in der Gestaltung des Menschen verankert blieb.
All dies änderte sich durch die nationalsozialistische Herrschaft, deren Kunstauffassung die Moderne, und den Expressionismus als „entartet" diffamierte. 1938, ein Jahr vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, jagte sich Ernst Ludwig Kirchner in seinem Davoser Exil eine Kugel ins Herz. Die Zerstörungen der folgenden Jahre erschütterten jedoch nicht nur die Kunst, sondern das Menschenbild überhaupt. Nichts war mehr wie zuvor. Holocaust, Zweiter Weltkrieg und das Schweigen der Massen führten zu einer Sprachlosigkeit in allen Bereichen des Ausdrucks.
Die Nachkriegskunst war bestimmt durch abstrakte, informelle Kunst. Eine besondere Stellung in dieser Zeit nimmt das bildhauerische Werk des 1908 geborenen Karl Hartung ein. Zunächst beeinflusst von etruskischer Kunst und der Gestaltung Maillols, wandte sich Hartung bereits ab 1935 einer organisch abstrahierenden Formensprache zu, die der in Hamburg lebende Künstler jedoch bis Kriegsende weitgehend heimlich betrieb. In den fünfziger Jahren bricht Hartung mit schroffen Brüchen und Torsionen seine geschlossene Oberflächenstruktur auf. Ausgangspunkt bleibt für ihn jedoch eine Gestaltung parallel zur Natur, mit dem er sich den Metamorphosen des Lebendigen, auch des Figürlichen, des Menschlichen, auf sinnliche Weise nähert.
Künstler, die sich in dieser Zeit neu mit der Figur des Menschen auseinandersetzten, taten dies tastend, nach eigenen Formen ringend. Bernard Schultze gestaltete aus der Abstraktion seine eigentümlichen Monsterwesen, seine wuchernden „Migofs". Die Werke seiner Partnerin Ursula sind von vielfarbigen, ihren Alpträumen entstiegenen Wesen, bevölkert. Jürgen Brodwolf fand über die ausgedrückte Tube zur Figur und Daniel Spoerri nutzte die Reste, Relikte und Spuren des Menschen um sein Bild desselben zusammenzusetzen.
Erst in den 80er Jahren widmeten sich die „Neuen Wilden" wieder mit scheinbar ungebrochener Wucht und expressivem Gestus der Darstellung des Menschen. In Berlin gestalten Helmut Middendorf, Salomé und Elvira Bach unbefangen ihre farbintensiven, grossformatigen Figurenbilder. Schon zuvor hatte Georg Baselitz, der 1958 wegen „staatsbürgerlicher Unreife" von Ost- nach Westberlin umsiedeln musste, mit gestischen Figurenmalerei provoziert. Zwar stellte Baselitz sie dann doch meist auf den Kopf, aber in der Kunst war er wieder gesellschaftsfähig – der Mensch.
Zu zeitgenössischen Positionen, die in der Ausstellung zu sehen sind, zählen unter anderem Werke des in Bern lebenden Griechen Nakis Panayotidis. Schrift und Materie sind seine zentralen Mittel für die, auch in Leuchtstoffröhren versinnbildlichte, Erleuchtung des Menschen. Aus dem Dunkel des russgefirnissten Grundes tauchen dagegen die Körperabdrücke des Italieners Giovanni Manfredini auf. Sein existentieller Umgang mit Hell und Dunkel thematisiert den ewigen Kreislauf von Leben und Tod.
Die Ausstellung O Mensch! führt mit überraschenden Dialogen, Konfrontationen und Assoziationen all diese Bilder und Bildnisse zusammen. Sie ist nicht nur eine Reflexion des Menschenbildes in der Kunst der letzten 100 Jahre, sondern beleuchtet auch einen zentralen Schwerpunkt der Galerie Henze & Ketterer.
Andrea Schmidt M.A.
O Mensch! Gib acht!
O Mensch! Gib acht!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
"Ich schlief, ich schlief -,
Aus tiefem Traum bin ich erwacht: -
Die Welt ist tief,
Und tiefer als der Tag gedacht,
Tief ist ihr Weh -,
Lust - tiefer noch als Herzeleid:
Weh spricht: Vergeh!
Doch alle Lust will Ewigkeit -,
will tiefe, tiefe Ewigkeit!"
Friedrich Nietzsche, aus: Also sprach Zarathustra IV / Das Nachtwandler-Lied 12, 1885
Text zur 96. Ausstellung in der Galerie Henze & Ketterer, Wichtrach/Bern, vom 14. Januar bis zum 5. April 2012,
kuratiert von Andrea Schmidt M.A.
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