Geschichte der Galerie

Die 1946 von Roman Norbert Ketterer begonnene kunsthändlerische Tätigkeit wird heute bereits in der dritten Generation der Familie und im siebten Jahrzehnt weitergefĂĽhrt. Am 29. Juni 1946, dem Tag der von ihm erwählten Schutzpatrone Peter und Paul, grĂĽndete der damals noch in Eislingen lebende und in anderem Beruf tätige Roman Norbert Ketterer (Bräunlingen 1911 - 2002 Lugano) das Stuttgarter Kunstkabinett und legte damit die Grundlage fĂĽr nunmehr 65 Jahre Tätigkeit der Firmen: Stuttgarter Kunstkabinett 1946-1962, Galerie Roman Norbert Ketterer in Campione d'ltalia 1962-1988, Galleria Henze in Campione d'ltalia 1970-1993, Galerie Henze & Ketterer in Wichtrach/Bern seit 1993 mit der Zweigstelle Galerie Henze & Ketterer & Triebold in Riehen/Basel seit 2001.
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1946 entdeckte Roman Norbert Ketterer den zuvor verfemten und daher ihm verborgenen Expressionismus als die wahre Kunst seiner Generation und gründete sein Stuttgarter Kunstkabinett, um dieser Kunst neue Geltung zu verschaffen. Mit dem Mittel von Spezialauktionen, die sich von 1946 bis 1962 in Umfang, Qualität, Preisniveau und schliesslich Weltgeltung steigerten, brachte er den Expressionismus wieder in das Licht der Öffentlichkeit, in Privatsammlungen und in die von den Nazis geplünderten Museen zurück. In Stuttgart wurden damals die Grundsteine für Sammlungen wie die von Heinrich von Thyssen-Bornemisza oder Bernhard Sprengel gelegt, aus denen bedeutende Museen hervorgingen. Seit 1954 war Roman Norbert Ketterer auch Verwalter des Nachlasses von Ernst Ludwig Kirchner. Daher konnten 1992 er und seine Frau Rosemarie Ketterer den Bau und die Sammlung des Kirchner Museum Davos stiften. Von 1962 bis 1988 war R. N. Ketterer dann als Spezialist für den Expressionismus in Campione d’Italia tätig.

Dort gründeten 1970 seine Tochter Ingeborg Henze-Ketterer und sein Schwiegersohn Wolfgang Henze, Sohn des Kunstkritikers in Münster und Rom Anton Henze, eine eigene Firma. Diese spezialisierte sich auf Druckgraphik des Expressionismus, die Abstraktion der 50er Jahre und jüngere Künstler wie Jürgen Brodwolf, Alfonso Hüppi und später Nakis Panayotidis und Daniel Spoerri. Diese Tätigkeit setzen sie seit 1993 in Wichtrach/Bern erweitert fort, betreuten weitere Nachlässe wie den von Fritz Winter, errichteten Archive zu Künstler-Gesamtwerken wie das für Ernst Ludwig Kirchner. Dessen Nachlass wird seit dem Tode von Roman Norbert Ketterer 2002 durch seine Kinder Ingeborg Henze-Ketterer und Günther Ketterer in der Galerie verwaltet. Die Galerie arbeitet in der Berner Vorortlage Wichtrach in einem weitläufigen zwischen 1920 und 1964 entstandenen Gebäudekomplex. 2004 wurde daneben das KUNST-DEPOT von Gigon + Gujer errichtet, welche die Familie beim Bau des Kirchner Museum Davos entdeckte. Das KUNST-DEPOT gehört inzwischen zu den am meisten ausgestellten und publizierten Architekturen des 21. Jahrhunderts.

Seit 2001 ist die dritte Generation der Familie in diesen Arbeitsgebieten tätig. Seitdem besteht in Riehen, zuerst als Galerie Triebold, dann als Galerie Henze & Ketterer & Triebold, eine zweite Galerie in Form einer Zweigstelle, die durch Dr. Alexandra Henze Triebold (Tochter von Ingeborg Henze-Ketterer und Dr. Wolfgang Henze) und Marc Triebold (Sohn des Galeristen Othmar Triebold) gegrĂĽndet wurde und heute noch geleitet wird. Sie zeigt ebenso Ausstellungen des Expressionismus und der Abstraktion, aber auch der jĂĽngeren KĂĽnstler der vormaligen Galerie Triebold wie Dario Basso, Pizzi Cannella, Robert KlĂĽmpen, Nunzio, Paolo Serra u. A.

Unsere Galerie-Tätigkeit verstehen wir als nachhaltigen Einsatz fĂĽr die von uns betreuten kĂĽnstlerischen Werke und Gebiete mit jeweils grossen eigenen Beständen an Kunstwerken oder ganzen Nachlässen, Archiven zu den einzelnen KĂĽnstlern sowie einer auf Vollständigkeit ausgerichteten Bibliothek.

Dergestalt hat sich die Galerie in den vergangenen Jahrzehnten, insbesondere aber seit dem Umzug in die Schweiz 1993 zu einem international gefragten Kompetenzzentrum fĂĽr die betreuten KĂĽnstler und Gebiete entwickelt. Zahlreiche Museumsausstellungen und Publikationen in der ganzen Welt entstanden hier, wurden durch uns betreut oder mitbetreut. Besonders zu erwähnen ist die enge Zusammenarbeit unseres Ernst-Ludwig-Kirchner-Archives in Wichtrach/Bern mit dem von Roman Norbert Ketterer gestifteten Kirchner Museum Davos.

Seit den frühen siebziger Jahren nimmt die Galerie an internationalen Kunstmessen teil, wie Art Basel, Art Cologne, FIAC Paris, Art Karlsruhe und TEFAF Maastricht. Wir zeigen dort in Einzel- und Gruppenausstellungen von höchster Qualität unsere Künstler und die von uns vorzugsweise betreuten Bereiche der Kunst, insbesondere den Expressionismus, der so auf diesen Messen jeweils beispielhaft vertreten ist.

In ihren Räumen in Riehen/Basel in unmittelbarer Nähe des Beyeler-Museums und in ihren ca. 900 qm grossen Ausstellungsräumen in Wichtrach zeigt die Galerie vier bis sechs Ausstellung pro Jahr und pro Standort. In Wichtrach wird in einer Spezial-Buchhandlung die Literatur zu unseren Künstlern und künstlerischen Gebieten für unsere Kunden bereit gehalten, lieferbare und auch nicht mehr lieferbare. Der Kirchner-Shop wird ebenfalls von der Galerie-Buchhandlung betreut. In Wichtrach wurde das Gelände um die Gebäude soeben neu in einen auch für schwere Werke leicht bespielbaren SKULPTUREN-GARTEN umgestaltet, in welchem ab jetzt regelmässig Skulpturen-Ausstellungen parallel zu den Ausstellungen in der Galerie gezeigt werden.


TEXTE ZUR GESCHICHTE DER GALERIE

Text: Wolfgang Henze, erschienen in „Ernst Ludwig Kirchner, Der Frühe Holzschnitt 1904 bis 1908“, Katalog 70 Galerie Henze & Ketterer,
Wichtrach/Bern 2003, S. 5-9.

geschichte

in memoriam

Roman Norbert Ketterer

6. Februar 1911 in Bräunlingen - 19. Juni 2002 in Lugano

Einundneunzig Jahre sind wenig, wenn man feststellt, wie rasch diese vergangen sind. Einundneunzig Jahre sind aber sehr viel, wenn man bedenkt, dass dieser Zeitraum seit Christi Geburt lediglich zweiundzwanzig Mal verstrichen ist, und wenn man sich vergegenwärtigt, was in dieser einen Zeitraumeinheit des Lebens von Roman Norbert Ketterer alles geschehen ist, nämlich von 1911 bis 2002, und noch viel mehr in den lediglich zweiundzwanzig Einheiten der beiden zurückliegenden Jahrtausende, welche Höhen und Tiefen, welche überraschenden und völlig unvorhersehbaren Entwicklungen und Gegenentwicklungen!

Als Roman Norbert Ketterer 1960 eine Titelgeschichte im deutschen Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" gewidmet wurde, schien es, als habe der damals Neunundvierzigjährige den Höhepunkt seines beruflichen Lebensweges erreicht. Es sollten jedoch noch deren mehrere folgen, für welche die Ursachen bereits in der Vergangenheit angelegt waren.

1946 gründete der immer Kunst- und Musik-begeisterte Leiter einer Eislinger Firma für Spezialöle in Stuttgart sein "Stuttgarter Kunstkabinett". Das grosse Erlebnis dieser Jahre nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus und der Befreiung war für Roman Norbert Ketterer die Begegnung mit der zuvor in Deutschland für seine Generation unbekannten, weil "entarteten" Kunst und das Erkennen, dass die Auktion sein Medium war, mit welchem er die Museumsleute und Sammler in spannender Inszenierung faszinieren konnte um die verachtete, verkannte und in deutschen öffentlichen Sammlungen nicht mehr vorhandene Kunst der Moderne zu neuer Wert-Schätzung zu führen. Und alle, alle kamen, nicht nur die Kenner, Sammler, Kritiker und Museumsleute, auch die Grossen und Reichen wie David Rockefeller, Stavros Niarchos oder Heinrich von Thyssen-Bornemisza, die durch ihn erst zu Sammlern der Moderne wurden.

Mit seinen sich von 1947 bis 1962 von Mal zu Mal in Angebot, Inszenierung und Katalog-Aufwand steigernden 37 Auktionen hatte Roman Norbert Ketterer die Rückführung der Moderne in die Museen und Sammlungen Mitteleuropas sowie ihre volle Rehabilitierung erreicht, eine aussergewöhnliche Leistung, für welche er später höchste Auszeichnungen der Bundesrepublik Deutschland erhielt. Dieses für die Museums- und Sammlungslandschaft wie für die Kunst so bedeutende Ziel erreichte er mit dem Mittel seiner sehr persönlichen Form der Auktion, welche dementsprechend auch zu einem gewaltigen wirtschaftlichen Erfolg wurde. 1961 z. B. erzielte eine Auktion ca. 7 Millionen DM Umsatz, was einer heutigen Kaufkraft von ca. 27 Millionen (ca. 13,5 Mio Euro) entspräche. Wenn jedoch dieselben Kunstwerke heute versteigert würden und Roman Norbert Ketterer wie damals dazu Nelken vergäbe, wäre der mögliche Umsatz kaum noch zu errechnen.

Zur Seite stand ihm - vor allem in seinem früheren Hauptberuf als Betriebsleiter der Firma Südöl - seine Frau Thea Ketterer. Seine 1940 geborene Tochter Ingeborg und sein 1949 geborener Sohn Günther durften dann schon bei den Auktionen helfen während der an Begegnungen und Fachgesprächen so reichen Vorbesichtigungen oder sie durften Kunstwerke während der Auktion vorführen, vor allem aber die so begehrten weissen Nelken verteilen, die als Siegespreis im Falle sehr hoher Ergebnisse dem Käufer im Saal gebracht wurden. Da er selbst während seiner Auktionen ebenfalls immer eine weisse Nelke im Knopfloch trug, hiess Roman Norbert Ketterer schiesslich "Der Mann mit der weissen Nelke".

Zur Seite standen ihm im Stuttgarter Kunstkabinett auch eine Reihe hervorragender Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, über welche Roman Norbert Ketterer in seinen Lebenserinnerungen "Dialoge" 1988 und in "Legenden am Auktionspult" 1999 berichtete. Auch diese Erinnerungen sind Sonderformen der Autobiographie: Die erste eine distanziertere in Form von Dialogen, welche er mit ehemaligen Mitarbeitern, Freunden, Sammlern, Museumsleuten und Künstlern führte, die zweite eine höchst persönliche und intime ganz subjektive, 1998 während seines in den Jahren üblichen Sommeraufenthaltes in Davos im Hotel von Hand ohne weitere Hilfe auf 8 Schreibblöcke geschrieben - im Alter von immerhin 87 Jahren.

Unter den Mitarbeitern sind vor allem jene zu nennen, welche das Know-how des "Stuttgarter Kunstkabinettes" weitertrugen. Als erster der Bruder Wolfgang Ketterer ab 1948, der sich 1953 zunächst in Stuttgart als Kunsthändler selbständig machte und 1966 nach München in die Villa Stuck ging, wo er seit 1968 Kunstauktionen veranstaltete, später im Karolinenpalais an der Brienner Strasse. Heute leitet dessen Sohn Robert die Ketterer-Kunst in München, Hamburg und Berlin. Dann der kenntnisreiche Wilhelm F. Arntz, der später im Kunsthaus Lempertz in Köln die immer erfolgreichere Abteilung der Moderne aufbaute. Sein berühmtes Kunstarchiv befindet sich heute im Getty-Center in Los Angeles. Schliesslich der engagierte und temperamentvolle Ewald Rathke, später Leiter des Kunstvereines in Frankfurt und anschliessend dort selbständiger Kunsthändler und -berater.

1962 war das Ziel der Neuverteilung der Moderne (heute: Klassische Moderne) und ihrer neuen Wert-Schätzung erreicht. Das ausschliesslich diesem Zweck gewidmete "Stuttgarter Kunstkabinett" konnte seine Leistungen nicht mehr steigern. Der Höhepunkt war erreicht, jenseits dessen nur ein Weniger zu erwarten war. Hinzu trat eine persönlich bedingte Situation, in welcher die Steuern im damaligen Deutschland die für Reinvestitionen notwendigen Gewinne unerträglich reduzierten. Privat ergab sich eine bedauerliche aber unvermeidbare Auflösung seiner Ehe. Für Roman Norbert Ketterer gab es nur Eines: Auf zu neuen Ufern!

Nicht immer gelingt solches im ersten Anlauf: Eine weitere Zusammenarbeit mit dem Mailänder Auktionshaus Finarte war nach einer ersten gemeinsamen Auktion im Herbst 1962 nicht mehr möglich. Für ein zuvor erworbenes Ferienhaus im Tessin wurde die Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis nicht bewilligt. Durch dieses ergab sich jedoch der Hinweis des Freundes Graziano Papa auf Campione d'Italia, damals ein freundliches und fast noch verschlafenes Fischerdörfchen am Luganer See, eine Exklave, italienisches Hoheits- jedoch Schweizer Wirtschaftsgebiet.

Grundlage für den in Campione von Roman Norbert Ketterer aufgebauten Kunsthandel waren die grossen Erfahrungen und weltweiten Verbindungen, welche sich aus der Stuttgarter Tätigkeit ergaben, sowie einige - durchaus erarbeitete aber dennoch - Glücksfälle. Da war einmal die grosse Sammlung Expressionistischer Kunst, die 1960-61 in den Museen von Bremen, Hannover, Köln und Zürich gezeigt wurde. Dann war Roman Norbert Ketterer seit 1954 Verwalter des Nachlasses von Ernst Ludwig Kirchner, einem der bedeutendsten und grössten zusammenhängenden Künstler-Nachlässe der Kunstgeschichte überhaupt. Auch in Campione gelang es ihm, einen treuen wenn auch kleinen Mitarbeiterstab aufzubauen, allen voran die aus Stuttgart Mitgekommenen, der kunsthistorische Berater der letzten Jahre in Stuttgart, der 1975 früh verstorbene Wenzel Nachbaur, und ganz besonders seine spätere zweite Frau Rosemarie Liebert, seit 1951 für die Organisation und die Buchhaltung im Stuttgarter Kunstkabinett verantwortlich.

Die Galerie lag unten am See mehr im Ortsinneren, das Wohnhaus am Ortseingang hoch oben am Hang im Blumenmeer eines grossen Gartens, welchen Roman Norbert Ketterer an jedem Montag mit einer Equipe von fünf Gärtnern selbst pflegte. In Campione entstanden von 1963 bis 1985 dreiundzwanzig Angebotskataloge zur Modernen Kunst und zu einzelnen Künstlern, hochkarätig in Angebot und Präsentation, Masstab-setzend. Ab 1970 erweiterten seine Tochter Ingeborg und sein Schwiegersohn Wolfgang Henze (beide Kunsthistoriker, er Sohn des Kunsthistorikers Anton Henze, Münster/Rom) das Angebot aus Campione in einer selbständigen Galerie, jedoch im gleichen Hause. Ende der 70er Jahre ergaben sich zwischen beiden Galerien mehr und mehr Gebiete der Zusammenarbeit, so bei den Publikationen zu Kirchner, der Verwaltung von dessen Urheberrechten, der Mitorgansation seiner Museumsausstellungen und schliesslich im Laufe der 80er Jahre bei Gestaltung und Bau des Kirchner Museums in Davos.

Um dieses bemühte sich auch mehr und mehr der Sohn Günther, Treuhänder und Betriebsberater in Bern, sowie dessen Frau Carola Ertle Ketterer. Da inzwischen die Enkeltöchter Alexandra und Cornelia Henze sowie Carina und Angela Ketterer heranwuchsen, wurden 1993 in Wichtrach bei Bern in einem grösseren Galeriegebäude die Tätigkeiten beider Campioneser Galerien sowie das beraterische Know-how der Firma von Günther und Carola Ketterer in der Galerie Henze & Ketterer vereint, um die Tätigkeiten von Roman Norbert Ketterer ständig neu belebt fortzusetzen. Dieser hatte sich mit seiner Frau Rosemarie 1988 nach Lugano privat zurückgezogen, was seine Initiativen jedoch in keinster Weise bremsen sollte.

Sein Hauptanliegen wurde inzwischen das Kirchner Museum in Davos. Die Struktur des Nachlasses legte es nahe, einen Teil desselben in die Obhut eines Museums zur Aufbewahrung, Aufarbeitung und Präsentation zu geben, vor allem die ca. 160 erhaltenen Skizzenbücher mit fast 10.000 Zeichnungen. Geeignet waren durchaus einige Standorte, jedoch ein eigenes Kirchner Museum schien das Erstrebenswerteste, wünschte sich Kirchner selbst doch schon ein solches, als er 1916 schwer erkrankte. Dessen Freund und Sammler Botho Graef berichtete am 17. Dezember 1916 im Anschluss an eine Unterhaltung mit Kirchner in Berlin an Gustav Schiefler in Hamburg: "Ein Kirchnermuseum, wo die wichtigsten Sachen zusammen sind, würde am meisten seinen Wünschen entsprechen. Vielleicht lässt es sich, wenn auch in bescheidensten Grenzen, später ins Werk setzen."

1980 organisierte der Direktor von Davos Tourismus, Bruno Gerber, eine stilvolle Feier zum 100. Geburtstag von Ernst Ludwig Kirchner in Davos. 1981 schenkte Roman Norbert Ketterer zu seinem 70. Geburtstag der Gemeinde Davos ein bedeutendes spätes und direkt auf Davos bezogenes Gemälde: "500 Jahrfeier des Zehngerichtebundes in Davos". Während des anschliessenden gemeinsamen Abendessens im Davoser Hotel Pöstli wurde spontan beschlossen, einen Kirchner-Verein zwecks Gründung eines Kirchner Museums ins Leben zu rufen. An der Gründungsversammlung im Januar 1982 nahmen bereits 220 Personen teil.

Diese grosse Akzeptanz des Projektes Kirchner Museum, besonders auch in der Bevölkerung von Davos, erklärt sich vor allem aus den höchst verdienstvollen Vorarbeiten für ein solches durch Eberhard W. Kornfeld aus Bern. Er hatte bereits früh das "Haus auf dem Wildboden" erworben, in dem Kirchner von 1923 bis 1938 lebte und arbeitete, hatte es renoviert und dort seine bedeutende Kirchner-Sammlung während der Sommermonate der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt, also die Urzelle eines Kirchner-Museums geschaffen. Kornfeld war es auch, der die Geschicke des 1982 im alten Postgebäude in Davos Platz eröffneten Kirchner Museums für zehn Jahre in die Hand nahm und es trotz seiner geringen Ausmasse zu beträchtlichem Erfolg führte.

Weder die Wünsche Kirchners noch die sich aus der Struktur des Nachlasses ergebenden Notwendigkeiten konnten dort aber voll berücksichtigt werden. Daher erbot sich Roman Norbert Ketterer, ca. 500 Werke Kirchners und die 160 Skizzenbücher aus der Nachlass-Stiftung dem Kirchner Museum Davos als Grundstock einer eigenen grossen Kirchner-Sammlung zu schenken unter der Voraussetzung, dass ein geeigneter Neubau geschaffen würde. Als im Verlauf von dessen Realisierung dann aber Zweifel aufkamen, ob die Gemeinde Davos in einer Volksabstimmung der Finanzierung dieses Neubaus zustimmen würde, entschlossen sich Rosemarie und Roman Norbert Ketterer, auch den Bau durch die Nachlass-Stiftung zu finanzieren, um das Projekt nicht zu gefährden.

Das Kirchner Museum Davos erwies sich für viele als Glücksfall: Für Kirchner und seine Kunst, weil diese ein professionell geführtes und übernational anerkanntes Museum erhielt unter dem Kirchner-Vereinspräsidenten Bruno Gerber, den bisherigen Leitungen der Kuratoren Gabriele Lohberg und Roland Scotti, der Betriebsleiterin Elsbeth Gerber, und der tätigen Mithilfe vieler, vor allem Rosemarie und Roman Norbert Ketterer, Eberhard W. Kornfeld sowie Carola und Günther Ketterer, Ingeborg und Wolfgang Henze-Ketterer und den zahlreichen engagierten Mitarbeiterinnen, den sog. "Kirchner-Frauen" (die auch manchmal Männer sind). Glücksfall aber auch für die Architekten, weil Annette Gigon und Mike Guyer im Kirchner Museum ihren ersten grossen Bau realisieren konnten, der inzwischen zahlreiche museale Folgebauten erfuhr. Dies umgekehrt wieder ein Glücksfall für Davos, weil nicht nur wegen Kirchners Kunst sondern auch wegen der wegweisenden Architektur nach Davos gepilgert wird. Ein weiterer grosser Glücksfall im Leben von Roman Norbert Ketterer.

Am 4. September 1992 wurde der Neubau mit einer Sammlung von bereits 519 Werken Kirchners eröffnet, zu denen sogleich ein von Wolfgang Henze verfasster Bestandskatalog vorlag. Aus dem Nachlass stiftete Roman Norbert Ketterer später auch die zahlreich erhaltenen Negative der Fotografien Kirchners, deren nicht rein der Reproduktion gewidmetem Teil Gabriele Lohberg 1994 den Bestandskatalog Band II widmete. 1994 liess Roman Norbert Ketterer eine weitere Schenkung von ca. 700 Werken aus der Nachlass-Stiftung folgen, welche Roland Scotti 2000 im Bestandskatalog Band III publizierte. Das von Gerd Presler 1996 publizierte Verzeichnis der Skizzenbücher Kirchners ist prinzipiell auch ein Bestandskatalog des Kirchner Museums. Zusammen mit wesentlichen Einzel- und Gruppenschenkungen verfügt das Kirchner Museum Davos inzwischen über eine umfangreiche und substantielle Sammlung von Werken Kirchners, seiner Umgebung und Schüler sowie des Expressionismus im Allgemeinen. Das Museum selbst ist also auch ein Glücksfall. Seine hervorragenden Ausstellungen zählen jährlich ca. 30.000 Besucher. Es ist eines der ganz wenigen privatwirtschaftlich geführten Museen, völlig unabhängig von öffentlichen Zuschüssen.

Roman Norbert Ketterer, der am 6. Februar 2002 noch bei guter Gesundheit (und bestem Appetit) im Kreise seiner Familie in Lugano die Vollendung seines 91. Lebensjahres feiern konnte, durfte stolz und musste glücklich sein, dass er dies alles bewirken und anregen konnte und dass es ihm vergönnt war, die Ergebnisse und Erfolge noch so lange miterleben zu können. Gespür für das Wesentliche und ein unbeirrbarer Wille machten ihm dies alles möglich. In seinem letzten Lebensjahr konnte Roman Norbert Ketterere sogar noch eine weitere Filiation Seiner Tätigkeiten miterleben: Die Neugründung und Weiterführung der Galerie von Othmar Triebold in Riehen/Basel durch seine Enkelin Alexandra und seinen Schwiegerenkel Marc. Seine Enkelin Cornelia studiert ebenfalls Kunstgeschichte und hat schon längere Zeit in Galerien und Museen gearbeitet. Seine Enkelinnen Carina und Angela sind auch bereits in den Startlöchern.

Am 19. Juni 2002 starb Roman Norbert Ketterer umgeben von seiner Familie. Er hatte das Glück, sanft einschlafen zu können. Wir denken, es ist ganz in seinem Sinne und im Sinne seines Lebens, wenn wir mit grossem Dank und Anerkennung, in die wir auch Rosemarie Ketterer voll einschliessen, ihm diesen Katalog widmen, in welchem die Anfänge des grossen Druckgraphikers Ernst Ludwig Kirchner erkennbar werden, des Künstlers, dessen Kunst Roman Norbert Ketterer ganz besonders liebte und förderte.

Galerie Henze & Ketterer
Kirchstrasse 26, CH 3114 Wichtrach
Tel. +41 (0)31 781 06 01
Galerie Henze & Ketterer & Triebold
Wettsteinstrasse 4, CH 4125 Riehen
Tel. +41 (0)61 641 77 77