BERNARD SCHULTZE ZUM 85. GEBURTSTAG - Arbeiten auf Papier und Plastik 1954 - 2000

(Kurztext zur Ausstellung vom 9.12.2000 bis 3.3.2001)

Die Galerie Henze & Ketterer, Bern/Wichtrach, zeigt Studioausstellung „Blickpunkt Informel" Zeichnungen und Aquarelle sowie ausgewählte plastische Arbeiten des Malers Bernard Schultze von der legendären verformten und bemalten Schaufensterpuppe „Migof" und frühen Farbzeichnungen der 50er Jahre bis heute.

Bernard Schultze gehört zu den wenigen noch lebenden Protagonisten der ab 1948 in der ganzen Welt sich rasant ausbreitenden Abstraktion, spezieller: des Informel. Mit seiner 1999 verstorbenen Frau Ursula war er Mitglied der legendären Künstlergruppe „Quadriga" in Frankfurt. Beide lebten und arbeiteten jedoch seit 1968 in Köln, wo er am 31. Mai seinen 85. Geburtstag feiern konnte. Zahlreiche Ausstellungen in Museen und Galerien wurden ihm daher in diesem Jahr gewidmet, u. a. eine Ausstellung seiner Plastik „Innerer Monolog" im Städelschen Kunstinstitut in Frankfurt am Main und „schwarz weiss - Zeichnungen und Gedichte" im Museum Folkwang Essen. Diesen beiden neben seiner Malerei gleichwertigen Disziplinen seiner Kunst widmet die Galerie Henze & Ketterer die letzte Ausstellung im Geburtstagsjahr.

Das Figurativ-Gegenständliche Gestalten wurde 1948 aufgegeben, „Figur" blieb Bernard Schultze jedoch immer erhalten. Das zeigt vor allem die Zeichnung, die uns immer schon die hinter der Malerei liegenden Strukturen deutlich machte. „Figur" drängt aber unweigerlich in die Dreidimensionalität, zunächst ĂĽber die Collage in das Relief.  Das ermöglichte es Schultze 1961, mit seinen bearbeiteten Schaufensterpuppen, den „Migofs", auf den „Nouveau RĂ©alisme" kĂĽnstlerisch zu reagieren. Der weltoffene pictor doctus, der auch dichtet, schuf zwar ein Werk von ganz ähnlicher Konsequenz und Koherenz wie z. B. Emil Schumacher, K. O. Götz oder Pierre Soulages, durch seine ungegenständliche „Figur", die immer in dem Augenblick wieder flĂĽchtig sich auflöst, wenn man ihrer visuell habhaft zu sein glaubt, gelingt es Schultze aber, sich doch mit der Zeit und ihrem wechselnden Geist in seinem Werk auseinanderzusetzen. Das ist das besondere seiner Kunst, bis heute ungebrochen und äusserst produktiv, besonders in den jĂĽngsten Zeichnungen und Aquarellen erkennbar.


URSULA & BERNARD SCHULTZE - Fünf Jahrzehnte Kunst-Duett - Gemälde und Arbeiten auf Papier der Jahre 1992 - 1997

(Kurztext zur Ausstellung vom 25.4. bis 8.8.1998)

Die Galleria Henze zeigte 1990 und 1991 in Campione d’Italia Retrospektiven von Bernard Schultze und Ursula. Die am 25. April 1998 eröffnete Doppelausstellung in der Galerie Henze & Ketterer in Wichtrach/Bern gibt einen Überblick über das seitdem entstandene Werk.

Diese bei einer 77jährigen und einem 83jährigen vielleicht erstaunende Konzentration auf das jüngste Schaffen ist durch dessen hohe Intensität nicht nur möglich, sie führt zudem zu zwei Ausstellungen von hoher visueller Kohärenz. Bernard Schultze hatte, als er 75 wurde, sogar die geradezu das Schicksal herausfordernde Idee, jetzt seine Ausstellung zum 80sten zu malen. Jeder andere ist froh über eine umfassende und gelungene Retrospektive, er aber malte seine Jubiläums-Ausstellung und das auch noch in neuen übergrossen Dimensionen. Hieraus entstand die Ausstellung „Das Grosse Format", welche 1994 und 1995 im Museum Ludwig in Köln und dann in weiteren Museen Europas gezeigt wurde. Seit der letzten Ausstellung in der Galleria Henze erschien auch der umfassende Band von Lothar Romain und Rolf Wedewer zum Werk von Bernard Schultze. Ursula zeigte ebenso kurz nach der Ausstellung von 1991 ihr Lebenswerk im Von der Heydt-Museum in Wuppertal, im Stadtmuseum Köln und in der Kunsthalle Bremen. Über das jeweilige Gesamtwerk informieren die Kataloge dieser Ausstellungen und das erwähnte Buch, sämtlich opulent vom Hirmer-Verlag ausgestattet. (Diese und weitere Literatur zu beiden Künstlern liegen in der Kunst-Buchhandlung der Galerie aus.) Die Doppel-Ausstellung zeigt einen neuerlichen Höhepunkt im Schaffen beider Künstler, die „Summe" zweier Lebenswerke, die beide um 1950 einsetzten.

Ursula und Bernard Schultze erlebten den Niedergang und Zusammenbruch Mitteleuropas hautnah in ihrem prägenden dritten Lebensjahrzehnt. Bernard hatte zuvor einige sterile gleichgeschaltete Akademiejahre in Berlin und Düsseldorf absolviert. Seine Antwort auf das Kriegserlebnis und das seit 1948 wieder möglich erscheinende Menetekel eines dritten Weltmordens war die übliche seiner Generation, nämlich die Hinwendung zur Abstraktion in einem Tachismus und Informel eigener Prägung von vexierbildhaften Überlagerungen. Ursula begegnete als Leiterin der Kulturabteilung des Amerika-Hauses in Frankfurt der Kunst - und eben auch Bernard Schultze. Sie fand Anfang der 50er Jahre allerdings von der flächigen Abstraktion etwa Willi Baumeisters ausgehend zu einer persönlichen Konkretion im Spannungsfeld von art brut und naiver Malerei. Beider Positionen näherten sich - trotz fünfzig Jahren Arbeitens in einem Raum - nie aneinander an, entwickelten sich vielmehr individuell in ständiger Diskussion und Konfrontation. Bernard wurde zu einem der bedeutendsten Repräsentanten des Informel in Europa, Ursula schuf ihre „individuelle Mythologie" als Frau, die sie einsam und gross in ihrer noch völlig vom Mann beherrschten Generation erscheinen lässt.

Beide überschritten schon früh die Grenzen der Malerei. In den späten 50er Jahren wuchern aus Ursulas Bildern phantastische Figuren, gepelzt und gefiedert, die zu raumgrossen Assemblagen wuchsen. Bei Bernard drängt Form und Binnenzeichnung aus dem Bild ins Relief. Mit dem „Migof", einer weiblichen Schaufensterpuppe, aus deren Verletzungen seine Form-Masse quillt, werden seine Vexier-Formen körperlich. Auch sie wuchsen zu raumgreifenden Environments. In bildhaft begleitenden Dichtungen erfährt ihre Kunst eine vierte Dimension.

So naiv oder brut die eine, so abstrakt informel der andere, beide erzählen sie etwas von den Verletzungen des Körpers und der Seele, von erlebten und gesehenen, von den eigenen und denen der anderen.

Bernard malt und zeichnet in gleicher Weise unendliche Bildlandschaften, in denen wir lesen und mit den Augen wandern können. Ständig erkennen wir etwas. Doch bevor es ganz fassbar zu werden scheint, verkehrt es sich ins Gegenteil. Das Vorn und das Hinten, das Hell und das Dunkel, die Form und die Un-Form und ebenso jede Farbe sind bei ihm ambivalent. Groteskes führt er uns vor Augen, das einerseits den Verwesungen der Schlachtfelder des ersten Weltkrieges von Otto Dix, den Reisen in das Selbst eines James Ensor sowie in die Abgründe der Seele eines Alfred Kubin verpflichtet ist und andererseits in das so Heitere der Fresken Tiepolos und in die Leichtigkeit eines Watteau verweist. So malt er denn sein „Kythera"(Diptychon in der Ausstellung), das Kythera der unbeschwerten Liebe der alten Griechen in Gedanken an die berühmte „Einschiffung nach Kythera" von Watteau. Diesem idyllisch-kreativen Prinzip stellt er das Prinzip sinnlosester Zerstörung in seiner „Nonsens-Schlacht" entgegen (grossformatiges Gemälde in der Ausstellung). Es gelingt ihm, diese Gegensätze mit denselben Mitteln gültig darzustellen: durch den „Doppelblick", den Werner Hofmann in seinem Beitrag für den Katalog der gerade laufenden Ausstellung „Bernard Schultze und die Romantik" im Romantikerhaus in Jena als das „entscheidende Strukturmerkmal" der deutschen Romantik bezeichnet. Romantiker ist Schultze auch in seinen Mitteln im Sinne von Friedrich Schlegels Charakterisierung des „Romantischen" als eines Prozesses, als einer steten Annäherungsbewegung auf ein unendliches Ziel hin im „unauflöslichen Widerstreit des Unbedingten und des Bedingten" und im „steten Wechsel von Selbstschöpfung und Selbstvernichtung".

Auch Ursula befreit sich von Obsessionen. Sie malt jedoch Reminiszenzen konkreter Menschen und konkreter Erlebnisse, spiesst diese auf - ihre Assemblagen enthalten im sanften Pelz des öfteren Reisszwecken, Nägel, gar Rasierklingen, man passe also auf. Man passe auf, denn auch bei ihr löst sich ein scheinbares erstes Verstehen bald in Nichts auf. Auch ihre Szenen werden zu bleibenden Bildern, kondensieren zu visuellen Metaphern, wenn sie auch in ihrer heftigen Form und Farbe durchaus das Gemeinte darstellen. So antwortet sie ganz direkt auf Bernards „(Einschiffung nach) Kythera" von 1995 kurz darauf mit ihrer „Eifersucht". So verbirgt sich hinter dem Gemälde „Im Café" die Bewältigung eines für sie lebensbedrohenden Erlebnisses. Inhalt, Form und Farbe führt sie dennoch zu einer Synthese auf einer ganz anderen als der Ausgangsebene, einer Synthese, die jedoch im Gegensatz zu Bernard nicht ambivalent sondern von eindeutiger Hintergründigkeit ist.

Aus dem Leben und fünf Jahrzehnten angestrengten und entbehrungsreichen künstlerischen Arbeitens in langen „Untersuchungsreihen" ist ein drittes Bleibendes entstanden, das Werk der Künstlerin Ursula und des Künstlers Bernard Schultze, unverwechselbar in Form und Aussage, immer wiederzuerkennen, selbst in einer kleinen nebensächlichen Äusserung. Es drängt sich bei deren Betrachtung der Gedanke auf, dass wir bezüglich jüngerer Kunst vielleicht doch wieder nach Stil, innerer Konsequenz und Kohärenz eines künstlerischen Werkes fragen und unser Auge an der Tradition schulen sollten.

Wolfgang Henze

Galerie Henze & Ketterer
Kirchstrasse 26, CH 3114 Wichtrach
Tel. +41 (0)31 781 06 01
Galerie Henze & Ketterer & Triebold
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