Berthold M├╝ller-Oerlinghausen

(Text 2005)

Dem 1893 geborenen Sohn eines Leinenweberei-Besitzers in Oerlinghausen im Teutoburgerwald war zum K├╝nstler nicht mehr mitgegeben als das allgemeine jedoch starke Interesse einer wohlhabenden Provinz-Familie der Jahrhundertwende an den K├╝nsten und - allerdings - ein unb├Ąndiger Drang, mit seinen H├Ąnden Tiere und Menschen plastisch zu formen. Noch w├Ąhrend seiner Gymnasialzeit in Bielefeld wird dieser ihm zum Beruf an der dortigen Kunstgewerbeschule unter Hans Perathoner. Diesem 1872 geborenen s├╝dtiroler Bildhauer mit M├╝nchner-Akademie-Ausbildung folgte BMO nach dem Abitur 1914 an die Kunstgewerbeschule Charlottenburg nach Berlin. Figur und religi├Âse Inhalte verdankt BMO ihm. Ein erstes Mal wird das K├╝nstlerleben am Beginn seines dritten Jahrzehntes gebrochen: Kriegsdienst in Ru├čland und Frankreich bis 1918.

Ver├Ąndert in einer ver├Ąnderten Welt versucht BMO die verlorenen Studienjahren ab 1919 in Berlin nachzuholen. Erste Bem├╝hungen, den eigenen Weg in der Gegenwart zwischen der Welt der Figuren von Lehmbruck, Kolbe und Barlach auf der einen und der Welt der reinen Form von Archipenko und Brancusi auf der anderen Seite zu bestimmen, werden bald aufgegeben. Den Zweifeln seiner, der "verlorenen" Generation setzen BMO und seine Kollegin Jenny Wiegmann (1895 Spandau - Berlin 1969), die im folgenden Jahr heiraten, die Wahrheiten der ├Âstlichen und westlichen Religionen entgegen. Reisen in das fr├╝he Christentum nach Rom und Ravenna sowie in das m├Ânchische Leben nach Ettal und Maria Laach f├╝hren f├╝r das junge Bildhauer-Ehepaar 1921 zur Konversion zum katholischen Glauben und in den folgenden Jahren zur gemeinsamen Errichtung und Ausstattung einer ersten kleinen katholischen Kirche im Geburtsort von BMO.

BMO und Jenny Wiegmann versuchten die Erneuerung der katholisch-kirchlichen Kunst aus dem Geist der fr├╝hchristlich-sp├Ątantiken Formen, mit denen sie ihre Antonius-Kapelle in Oerlinghausen ausstatten und die auch in der Fassadengestaltung von St. Elisabeth in Essen im Jahre 1926 noch wirksam sind. Die lebensgro├če Kreuzigungs-Gruppe des folgenden Jahres f├╝r Dominikus B├Âhms Bibliothek in der katholischen Sonderschau der Pressa in K├Âln zeigt jedoch eine souver├Ąn beherrschte Expressivit├Ąt unserer Moderne, welche BMO zu Ende der 20er Jahre lyrisch zu verfeinern imstande ist. Unter den zahlreichen Kirchenausstattungen dieser Jahre, oft einschlie├člich farbiger Glasfenster, mu├č vor allem das sieben Meter hohe Kruzifix f├╝r Hans Herkommers St. Antonius-Kirche in Schneidem├╝hl im Jahre 1929 hervorgehoben werden. Das christliche Thema bleibt zentrales Anliegen und Aufgabengebiet im Werk von BMO, das Portr├Ąt - zun├Ąchst und besonders - tritt hinzu, dann auch der Akt und der griechische Mythos sowie literarische Themen und Szenen des t├Ąglichen Lebens.

Neben den ├╝blichen Techniken des Bildhauers widmet sich BMO gegen Ende der 20er Jahre zunehmend dem getriebenen Relief in Kupfer und Messing, in dem er Altar-Antependien und -Retabel aber auch, zylindrisch gerundet, eine lange Reihe von Osterleuchtern gestaltet. Sp├Ąter wird das Relief wieder in Bronze gegossen, bleibt aber von besonderer Bedeutung im Werk in den genannten Aufgaben und erlebt H├Âhepunkte in den Portalen von St. Michael in Oerlinghausen 1960 und den Mythos und Musik gewidmeten gro├čen Reliefs des Konzerthauses in Bad Salzuflen 1963.

Seine Reife erlang BMO nach einem l├Ąngeren Arbeitsaufenthalt in Avignon im Jahre 1930. Noch einmal nahm der S├╝den dort seinen Einflu├č auf ihn, diesmal in sensueller voller Weiblichkeit, in s├╝dlicher Leichtigkeit liebend gesehen. Nach Berlin zur├╝ckgekehrt entstehend die realistischen Darstellungen des Aktes in "Nudi", des gro├čen Zweifels in "Christi Angst am ├ľlberg", des menschlich-religi├Âsen Dramas in "Joseph und Potiphars Weib"  sowie in "Loth und seine T├Âchter", die das gro├če Unverst├Ąndliche disputierenden beiden "J├╝nger auf dem Wege nach Emmaus", die f├╝r die sich wohlverhaltenden so schwer zu ertragende und doch so notwendige gro├če Vers├Âhnung in "Der Verlorene Sohn". Vor der Machtergreifung ergab sich noch eine umfassende Kirchen-Ausstattung in der Heilig-Geist-Kirche in Berlin, die 1933 ausgef├╝hrt aber im Sinne der ver├Ąnderten politisch-kulturellen Situation schon bald von den Steyler Patres zerst├Ârt und durch Kitsch ersetzt wurde.

BMO war vom B├Âsen unserer Zeit erreicht worden, jedoch sogleich als ihr Opfer. Obwohl durchaus mit genehmen stilistischen Mitteln arbeitend erlag er der gro├čen Versuchung der enormen neuen Aufgaben f├╝r die Bildhauer im Dritten Reich, die an seine Berliner Kollegen vergeben wurden, nicht, zu ehrlich war seine Kunst als da├č Sie sich h├Ątte hohlem Pathos verschreiben k├Ânnen. Im Gegenteil, die realistische Analyse der K├Âpfe seiner Zeit setzt BMO in seinen Portr├Ąts fort, thematisch flieht er - von der Kirche entt├Ąuscht - in den griechischen Mythos, dorthin, wo seine geliebte Musik wirksam war: Orpheus und Eurydike gehen ihrem unerbittlichen und doch selbstverschuldeten Schicksal entgegen (1938), nur die Leier bleibt tr├Âstlich und ewig. Auf "Orpheus und die Tiere" folgt dann 1941 "Orpheus Klage", letzte M├Âglichkeit einer Aussage f├╝r BMO. 1939 hatte er in der "Harmonie" und den Akten der folgende Jahre sich k├╝nstlerisch bereits in die Sch├Ânheit des weibliche K├Ârpers bei gl├Ątter und abstrakter werdenden Oberfl├Ąchen gefl├╝chtet, beruflich schuf er sich - weil weder Kirche noch Staat als Auftraggeber mehr f├╝r ihn in Frage kamen - einen Ausweg in einer gro├čen Mosaikwerkst├Ątte, die er nach 1945 in Kressbronn wiederaufbaute. Sie f├╝hrte Mosaiken aus, nur selten nach den Entw├╝rfen BMO's meist nach Entw├╝rfen anderer K├╝nstler. 1940 ├╝bersiedelt BMO nach Kressbronn am Bodensee. Das beibehaltene  Atelier in Berlin wird 1944 mit zahlreichen Werken und Modellen v├Âllig zerst├Ârt. Das K├╝nstlerleben war auf seinem H├Âhepunkt ein zweites Mal gebrochen.

Nach Kriegsende 1945 widmet sich BMO mit gro├čem Engagement dem kulturellen Wiederaufbau in S├╝dwestdeutschland, organisiert zahlreiche Ausstellungen. Trotz Material-Mangels entstehen erste neue Skulpturen. Notgedrungen greift er wieder auf seine fr├╝heste Technik, die Holzskulptur zur├╝ck so in "Flucht aus der brennenden Stadt", wohl unter dem Eindruck der Zerst├Ârung Dresdens 1945 konzipiert. Neben der beruflichen T├Ątigkeit in den Mosaikwerkst├Ątten entsteht in den 50er und 60er Jahren ein freies bildhauerisches Werk und zahlreiche bedeutende Auftrags-Arbeiten, in denen BMO die Summe aus seinen Erfahrungen zieht. Der gerade erstellte Werkkatalog umfa├čt mehr als 550 Nummern. Er soll im kommenden Jahr im Zusammenhang einer gro├čen Monographie publiziert werden. Er zeigt, da├č BMO auch der letzten gro├čen Versuchung - wie so vielen zuvor - dejenigen der Abstraktion in den 50er Jahren widerstand, immer dem Menschen treu und seinem Bild verpflichtet.

Wolfgang Henze

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