Darío Basso: Le voyage de l’argonaute

(Kurztext zur Ausstellung A85 vom 12.9. bis 14.11.2009)

Die Malerei in den romanischen LĂ€ndern – und zu diesem Kulturraum gehört auch ganz SĂŒd- und Mittelamerika, vielleicht Einiges darĂŒber hinaus – prĂ€sentiert sich (wie immer abgesehen von den sprichwörtlichen Ausnahmen) auf allen Ebenen farbiger, feuriger, direkter, pathetischer, bisweilen aber auch leichtfĂŒssiger, freudiger und freier als die der germanischen, slawischen, nordischen oder wie auch immer man den nichtromanischen Kulturraum Europas bezeichnen will. Das festzustellen genĂŒgt ein Blick in ĂŒbergreifende Ausstellungen und Publikationen oder in die Zeitschriften all dieser LĂ€nder des so riesigen und immer lebendiger und stĂ€rker werdenden romanischen Kulturraumes. Diese anderen Voraussetzungen gilt es bei einem Blick in diesen zu berĂŒcksichtigen, auch bei dieser Ausstellung einiger bedeutender Werkgruppen von Dario Basso, die einen solchen Blick in die Gegenwartskunst Spaniens und seines Kulturraumes erlaubt.

DarĂ­o Álvarez Basso wurde 1966 in Caracas geboren, wuchs teilweise dort und teilweise im galizischen Vigo in Spanien, umgeben von einer intellektuellen Familie mit starken Neigungen zu Malerei und Literatur auf. Nach einem kurzen Zwischenspiel in der Rock- und Comic-Szene war er 1984 fĂŒr drei Monate an der Schule der Schönen KĂŒnste in Madrid und stiess zu den Talleres de Arte Actual im Circulo de Bellas Artes. Dario Villalba, Eduardo Arroyo und Frederic Amat weckten dort seine Berufung und fĂŒhrten ihn in Kunst und Kunstbetrieb ein.

Der ZwanzigjĂ€hrige begann ohne weitere Ausbildung sogleich ein bis heute rastloses Werk, das er dem „Libreta", dem stĂ€ndig begleitenden Skizzenbuch, alle erste Idee und Information anvertraut. Was dort in zartesten Strichen und lavierenden Tönen angelegt ist, kann auf den bis zu fĂŒnf Meter hohen LeinwĂ€nden zu heftigsten und schweren Kompositionen in Zentimeter-dicker Farbe oder Teer mit vielfĂ€ltigen Collage-EinschlĂŒssen sich entwickeln. Hierzu bedient sich der Autodidakt völlig unkonventioneller Mittel, malt, ja giesst seine Bilder oft im Freien in der Natur waagerecht auf dem Boden, bezieht die Umgebung und auch das Wetter sowie direkte oder indirekte Naturgewalten oder auch den genius loci in Mythos oder Geschichte mit ein. Auf viele Werke hat es geregnet oder gehagelt, manche wusch er in FlĂŒssen.

Auch inhaltlich ist das Werk Bassos von grosser Vielfalt und enormer geo-kultur-politischer UniversalitĂ€t. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Kulturen in Vergangenheit und Gegenwart, in Geschichte, Mythos, Religion, Legende, Literatur, Philosophie aber auch Naturwissenschaft zu verschmelzen, insbesondere den Osten mit dem Westen. 2004 konnte der AchtunddreissigjĂ€hrige eine umfassende Wanderausstellung seines Werkes mit Hilfe des in dieser Hinsicht vorbildlich aktiven spanischen „Ministeriums fĂŒr Ă€ussere Angelegenheiten und Zusammenarbeit" und seinen Unterorganisationen in vielen LĂ€ndern SĂŒdamerikas mit begleitendem opulenten Katalog zeigen. Zur Zeit wandert Bassos Installation „Algorithmi dixit", bestehend aus 23 im Hochformat bemalten WĂŒstenzeltplanen von 4,3 x 2,5 m, Paraphrasen arabischer Ornamentik, durch die HauptstĂ€dte des Mittleren Ostens. Ausgestellt und gesammelt wird das Werk von Basso vor allem in Spanien, Portugal, Venezuela, USA, Deutschland und der Schweiz, fĂŒr die Othmar Triebold diesen Maler bereits sehr frĂŒh entdeckte und 1990 in seiner Galerie in Basel das erste Mal ausstellte.

Basso ist nicht nur in kosmopolitischer Familie in zwei StĂ€dten, zwei LĂ€ndern und zwei Kontinenten aufgewachsen, er zog auch weiter als Wanderer zwischen den Welten und dies ebenfalls kĂŒnstlerisch zwischen Abstraktion und Figuration bis heute. Bis 1987 malte er in Madrid heftige dunkle Gestalten vor hellem Grund durchaus im „Geiste der Zeit". Dann zog es ihn fĂŒr zwei Jahre nach Paris. Dort beherrschen eher konkrete exakt voneinander abgesetzte Formen wie SĂ€ge- oder KreissĂ€geblĂ€tter, die er wĂ€hrend eines kurzen Marokko-Aufenthaltes zuvor vielleicht dort hat rosten sehen, seine Malereien auf unregelmĂ€ssigen irgendwo vorgefundenen LeinwĂ€nden mit allerdings sehr konkreten Titeln und arabischen Inschriften. 

Noch in Paris gelangte er in der Erinnerung an den mohammedanisch-christlichen Konflikt im mittelalterlichen Spanien an den Ă€hnlichen noch frĂŒheren zwischen Karthago und Rom, der ebenfalls in Spanien mit dem Ausgangsort Hannibals sein kritisches Zentrum hatte. Immerhin war Hannibal der Einzige, der den Aufstieg des römischen Weltreiches ĂŒberhaupt ernstlich hĂ€tte gefĂ€hrden können. Auch dieser zĂ€he und keineswegs eindeutige oder kurze Machtkampf war bereits ein Kampf zwischen Ost und West gewesen, ein Kampf der Kulturen, kam die Karthagos doch aus dem Osten und ist das römische Reich doch direkter und allenthalben noch spĂŒrbarer VorlĂ€ufer unserer heutigen sog. westlichen Kultur. Das Stipendium in der Spanischen Akademie in Rom 1989/90 und ein Foto der halben Decke des Pantheon fĂŒhrten zu den nun werkbegleitenden Kompositionen der Hannibal-Thematik.

1990/91 war er wieder in Paris und beschĂ€ftigte sich mit politischen und sozialen Fragen der Welt, malte ihre Kontinente. 1991/92 nach einem Senegal-Aufenthalt arbeitete er wiederum in Italien, im kleinen umbrischen Pissigano in einer aufgelassenen Kirche. Die dort noch sichtbaren Fresken gemahnten Basso tĂ€glich an die gesamte dortige Kunstgeschichte vor allem jedoch an die ihr zugrunde liegende SpiritualitĂ€t Diese regte ihn zu „sehenden" Bildern an, welche den Betrachter anschauen.

Ein Fulbright-Stipendium brachte ihn 1992-94 nach New York, in die Gegenwart und zum Menschen, der in den „Libretas" gĂ€nzlich behandelt, in den grösseren Arbeiten allerdings auf eine mittlere „WirbelsĂ€ule" reduziert wurde. Von 1995 bis 1998 war Basso wieder in Madrid. Er zog eine erste Summe, ging den St. Jakobs-Weg, auf dem ihn besonders die Knochenfunde von Vorfahren der Neandertaler in Atapuerca beeindruckten, und stellte zum ersten Male ganze WĂ€nde von einem halben Hundert seiner Arbeiten, seiner Fotografien und Reproduktionen ihn inspirierender GegenstĂ€nde, Ansichten und Ausschnitte zu „Antropogeografias" zusammen.

Dabei mehrten sich Collagen, in die er auch BlĂ€tter aus der Natur aufnahm, was 1999 bis 2001 zu „Freiluftateliers" im Regenwald von Venezuela und den WĂ€ldern der Dominikanischen Republik fĂŒhrte. Vor allem begeisterten ihn die riesigen BlĂ€tter der Bananenstauden und der Palmen, einzeln hochformatig vor allem in der Serie „Humboldt" oder sternförmig als „Flowers to Andy". In den Jahren 2002 bis 2004 zog er in Madrid wieder eine Summe aus diesen diversen Erfahrungen, beschĂ€ftigte sich immer stĂ€rker mit der Fotografie, auch der Unterwasserfotografie, die er ĂŒberarbeitete und in langen Serien durchdeklinierte.

Wir zeigen in unserer Ausstellung jeweils eine Werkgruppe der „WirbelsĂ€ulenbilder" von 1994, der hochformatigen Einzelblattbilder „Humboldt", des Hannibal-Pantheon-Motives, des Motives „Flowers to Andy", eine Serie neuerer quadratischer (1x1m) Bilder vegetabiler Motive und schliesslich die neuesten Ă€usserst farbintensiven „gegossenen" expressiv abstrakten Farbreliefs grösseren Formates von 2008 sowie zwei Serien-VorschlĂ€ge fĂŒr Bassos Foto-Arbeiten, zusammengestellt wie er es in seinen „Antropogeografias" tat.

Dario Basso wĂ€hlte als Titel fĂŒr diese Ausstellung „Die Reise des Argonauten". Es ist seine, die oben kurz skizzierte Reise und was er zeigt, ist das Goldene Vlies, das er mitbrachte, abenteuerlich, mit hohem Einsatz und nicht ohne KĂ€mpfe erbeutet. Vielleicht sind seine letzten grossen Farbreliefs am Ende dieser Ausstellung als eben dieses „Goldene Vlies" anzusehen. Ihre Strahlkraft legt solches nahe. Wir können in der hohen Halle des Projekt-Raumes unseres Kunst-Depots auf dessen WĂ€nden wechselnder Höhe diese Reise Episode fĂŒr Episode nachvollziehen, aber auch die teilweise bis zu drei Meter hohen oder breiten farbfeurigen Werke in freier Umgebung als Einzelwerke eingehend betrachten.

Ingeborg Henze-Ketterer und Wolfgang Henze


DarĂ­o Basso - AZIMUT

(Text zur Ausstellung 8. November 2008 – 31. Januar 2009)

Starke, leuchtende und kontrastreiche Farbe sowie Dynamik zeichnen die neuen Werke des spanischen KĂŒnstlers DarĂ­o Basso aus, welche unter dem Titel „Azimut" ab dem 8. November in unserer Galerie in Riehen gezeigt werden. Dabei handelt es sich um Kombinationen und ZusammenfĂŒhrungen aus seinem bisherigen Schaffen, aber auch Entwicklungen neuartiger kĂŒnstlerischer Fragestellungen.

Der fĂŒr ihn typischen MaterialĂ€sthetik treu bleibend setzt der KĂŒnstler nicht nur stark pastos Acryl- und Ölfarbe ein, sondern auch getrocknete BlĂ€tter, die fĂŒr ein Ă€usserst plastisches reliefartiges Erscheinungsbild sorgen. Die aufgerauten, zum Teil zerfurchten OberflĂ€chen werden in ihrer Wirkung durch den Einsatz von Marmorsand verstĂ€rkt.

Formal greift der KĂŒnstler auf Motive wie die in Farbe eingebetteten getrockneten Palmen- und BananenblĂ€tter, das Pantheon-Motiv aus der Werkreihe „Annibale contro Roma" zurĂŒck und kombiniert diese auf eine sehr legere Art. Weiterentwicklungen der Serie „Flowers to Andy" bezeugen ebenfalls einen freieren Umgang mit dem Motiv. Die sternförmig angeordneten BlĂ€tter entfalten sich schlanker und krĂŒmmen und biegen sich, wodurch diese unglaublich an Dynamik gewinnen. Die Blumen scheinen sich hier in Seesterne verwandelt zu haben, deren bewegliche Arme sogar ĂŒber den Bildrand hinausragen.

Anders geartet sind die jĂŒngst entstandenen Werke, die durch klar voneinander abgegrenzte, stark leuchtende Farben charakterisiert werden. Wenn in den ersten AusfĂŒhrungen, wie wir sie in der letzen Ausstellung 2005 zeigen konnten, die breit angelegten Farbstreifen von oben herunter rinnend oder von unten heraufragend wie Stalagmiten und Stalaktiten gerade verliefen, so haben sich diese in den neuen Werken zu floralen Motiven zusammengebĂŒndelt oder sind halbkreisförmig angeordnet.

Der Titel der Ausstellung „Azimut" bezieht sich auf den direkten und indirekten Einfluss der Natur auf die im Freien entstandenen GemĂ€lde. Den natĂŒrlichen EinflĂŒssen auf diese Weise ausgesetzt, sind sie Ergebnis einer Zusammenarbeit zwischen KĂŒnstler- und Fremdeinwirkung: Tiere, Wind, Regen und Sonneneinstrahlung haben ebenso wie Pinsel und Spachtel ihre Spuren auf den LeinwĂ€nden hinterlassen. „Azimut" weist auf den wetterbestimmenden Norden hin, woher Wind und Regen auf das „Aussen-Atelier" des KĂŒnstlers zumeist kommen.

Allgemein bezeugen diese Werke eine weitere kĂŒnstlerische Entwicklung Bassos, der sein bisheriges Werk zusammenfassend in eine neuartige, freiere und dynamischere Form umsetzt. Der KĂŒnstler greift auf Vergangenes zurĂŒck, kombiniert und komponiert es neu unter Einsatz einer erweiterten Farbpalette. Diese dominiert dann in der jĂŒngst hervorgebrachten Serie, in welcher Farbe und Form sich immer mehr verselbstĂ€ndigen.

Alexandra Michaela Henze

Galerie Henze & Ketterer
Kirchstrasse 26, CH 3114 Wichtrach
Tel. +41 (0)31 781 06 01
Galerie Henze & Ketterer & Triebold
Wettsteinstrasse 4, CH 4125 Riehen
Tel. +41 (0)61 641 77 77