Als die Politik verstummte und die Abstraktion zur Weltsprache wurde

(Kurztext zur Ausstellung A13 vom 12.9. bis 9.11.1996)

Der frankophile in diversen L√§ndern Europas t√§tige Vater nannte Ernst Bott (geb. 1904 in Frankfurt am Main) Francis und liess ihn in franz√∂sischsprachigen Internaten erziehen. Den Sohn zog es jedoch nach Ende des ersten Weltkrieges in das K√∂ln der "Progressiven" und zum kulturell, politisch und sozial engagierten internationalen Vagabundentum der 20er Jahre. Er lernte die Avantgarde in Berlin, Frankfurt, Dresden und Wien kennen, wurde wegen politischer T√§tigkeiten als Mitglied der KPD zu Festungshaft verurteilt, floh und musste 1933 nach Prag gehen. Dort bemerkte Kokoschka die Qualit√§ten der zun√§chst als reiner Broterwerb von Bott ge√ľbten Malerei, die ihm 1937 in Paris durch die Begegnung mit dem Surrealismus Berufung wurde. Forum war ihm dort der ins Exil gegangene "Freie Deutsche K√ľnstlerbund", f√ľr den er 1938 in Paris die Gegenausstellung zur Schandausstellung "Entartete Kunst" organisierte. Den Krieg und die Besetzung √ľberstand er im Untergrund in S√ľdfrankreich. Bereits im November 1944 kehrte er nach Paris zur√ľck. Er hatte erste Ausstellungen, wandte sich aber nach Bretons und Duchamps Bestandsaufnahme des Surrealismus im Jahre 1947 in der Galerie Maegt von diesem ab und der neuen "Weltsprache", der Abstraktion, zu, wie um 1948 die K√ľnstler weltweit, wenn sie es nicht bereits im Zuge der "abstraction-cr√©ation" der 30er Jahre getan hatten oder gar zu ihren Begr√ľndern um 1910 geh√∂rten.

Der Wahnsinn des Erlebten, Geahnten, nach der Befreiung zur Gewissheit gewordenen und nunmehr durch neuerliche Konfrontation der Weltm√§chte nochmals gesteigert wieder M√∂glichen war mit figuralen Mitteln der Kunst nicht mehr zu bew√§ltigen. Bott stimmte wie seine Leidens- und Altersgenossen ein Lied an, in welchem nacheinander Themen von grosser Tragf√§higkeit gefunden und - oft √ľber viele Jahre und mit Unterbrechungen - in zahlreichen Beispielen durchgef√ľhrt wurden. Bott, der durch die Ergeignisse gebrochene politisch und sozial Engagierte, war ein drittes Mal in den Untergrund in die Illegalt√§t gegangen, schuf die Subversion der Abstrakten Kunst, die in den 50er Jahren durchaus als solche angesehen und heftig bek√§mpft wurde.

Botts Bilder entstanden in Serien. Diese Serien waren Variationen auf ein abstraktes Thema. Hier in dieser Ausstellung sind notwendigerweise jeweils nur wenige Beispiele oder gar nur eines aus diesen verschiedenen Variationen auf ein Thema, aus solchen "Untersuchungsreihen einer Bildidee", gezeigt. Daher sollte man sich jeweils weitere Variationen neben den Einzelst√ľcken vorstellen, vielleicht auch mit Hilfe des vorliegenden Verzeichnisses des Gesamtwerkes. Bott blieb n√§mlich im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen, vor allem Pariser Kollegen, nicht bei einem einmal gefundenen und ergiebigen abstrakten Bildvorwurf, bei einer Bildidee stehen, die dann unendlich
durchvariiert wurde. Nein, er wandte sich, wenn eine "Untersuchungsreihe" ihm erschöpft schien, jeweils einem neuen Thema, einer neuen Bildidee zu.

Solche "Themen" waren "√Čcriture Arabe", "La Ville Gothique", "Confluences", "Les Galeries de Pierre", "Monument", "Ailes", "Mur", Espaces concert√©s", "Cath√©drale" oder die h√∂chst wandlungsf√§hige "Paysage". Augenerlebnisse des K√ľnstlers werden hier zu Augenerlebnissen des Betrachters, gestaltet und gesehen in v√∂lliger Freiheit. Einer Freiheit, die erreicht wurde durch die Erkenntnis von 1948, dass die Wirklichkeit, das Erlebte in vergangenem Krieg und beginnendem Kalten Krieg mit den hergebrachten Mitteln der Kunst - Dix und Grosz konnten das noch nach dem ersten Weltkrieg - nicht mehr darstellbar war. Einer Freiheit, die jedoch eine Befreiung war, welche zum Wesentlichen der Kunst f√ľhrte:

N√§mlich ihrer F√§higkeit, in symbolischen Formen den Geist einer Epoche der Menscheit einzufangen und auszudr√ľcken, befreit nun von jeglichem naturalistischem Vorwand, der so oft mit der Kunst selbst verwechselt wurde. Aufgrund der Vorarbeiten von Kandinsky, Picabia (des Freundes und Mentors von Bott in Paris) und Magnelli war eine direkte Ausdrucksform gefunden.

Offensichtlich entstand doch im Vakuum des Krisenjahres 1948 etwas v√∂llig Neues: vergleichbar einem "Urknall" als Anwort auf den Atompilz, der die Politik, die Bem√ľhungen, nach einem schrecklichen Krieg endlich zu einer dauerhaften Friedensordnung zu kommen, verstummen machte, ein "Urknall", aus dessen zun√§chst relativ einf√∂rmiger und √ľbersichtlicher Universalsprache sich nicht linear sondern exponentiell der heutige kaum noch √ľberschaubare Kosmos von Welten unterschiedlichster Kunststr√∂mungen und -M√∂glichkeiten entwickelte. Francis Bott hat diese Aufgabe der Kunst nach 1948 begriffen und schuf konsequenterweise kein statisches Werk sondern ein dynamisch sich wandelndes. Nach 1968 erstarren seine Themen in reinen Farbfl√§chen und geraden Linien zu astralen, imagin√§ren R√§umen, in die er ab 1976 sogar die fr√ľhen surrealistischen Figuren zur√ľckkehren l√§sst, er zieht eine Summe aller Erfahrungen.

Bott ist schwerer verst√§ndlich als einige Zeitgenossen, deren j√ľngstes Werk dem ersten typischen zum Verwechseln √§hnlich ist, aber wir erleben mehr und intensiveres vor und mit seinen Bildern, die eben Fragen stellen und keine Scheinantworten geben.

Die Galerie Henze & Ketterer zeigt in mehr als 80 Beispielen einen umfassenden √úberblick √ľber dieses Werk. Die meisten der gezeigten Werke stammen bereits aus in den fr√ľhen 50er Jahren zusammengestellten franz√∂sischen, englischen, deutschen und Schweizer Sammlungen, darunter so illustren wie der von Alix de Rothschild Paris und Anton Zwemmer, London, dem Begr√ľnder des Skira-Verlages, oder Olaf Hudtwalcker, Frankfurt am Main.

Wolfgang Henze

Galerie Henze & Ketterer
Kirchstrasse 26, CH 3114 Wichtrach
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Galerie Henze & Ketterer & Triebold
Wettsteinstrasse 4, CH 4125 Riehen
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