Fritz Winter - von Klee zu Kirchner, Werke 1928 bis 1934

(Text zur Ausstellung A51 vom 17.5. bis 23.8.03)

Fritz Winter wurde 1905 in Altenbögge bei Hamm im Ruhrgebiet geboren und starb 1976 in Herrsching am Ammersee bei MĂŒnchen. Wie das Leben gleichaltriger KĂŒnstler Mitteleuropas verlief auch sein Leben in prĂ€zise durch die parallele Geschichte vorgezeichneten Bahnen:

Als Bergarbeiterkind erlernte auch er zunĂ€chst diesen Beruf. Als politisch Engagiertem gelang ihm mit neunzehn Jahren der Sprung in die Freiheit des in den 20er Jahren kulturell bedeutenden internationalen Vagabundentums und schliesslich in die Kunst. Nach raschem Erarbeiten der stilistischen Entwicklung der Kunst seit 1880 (vgl. Fig. 1 - 7) drang er tiefer in deren jĂŒngste Entwicklung durch ein Studium am Bauhaus ein, von 1927 bis 1930 bei Kandinsky, Klee und Schlemmer, sowie durch Zusammenarbeit mit Kirchner in Davos in den Jahren 1929 bis 1932. Ein Jahr zuvor entschied er sich bereits fĂŒr die Abstraktion, die er bis zu seinem Tode unermĂŒdlich erprobte. Nach hoffnungsvollen kĂŒnstlerischen AnfĂ€ngen, verbunden mit LehrtĂ€tigkeiten in Berlin, wo er dem Werk und der Persönlichkeit des Plastikers Naum Gabo begegnete, und in Halle in den Jahren 1931-33 tauchte er bereits in eben diesem Jahr in Allach bei MĂŒnchen mit seiner LebensgefĂ€hrtin in innerer Emigration unter, die er selbst sogleich als "Exil" verstand und malte "auf Lager", wie er es nannte. TrĂŒgerische Hoffnung keimte noch 1936 durch die beantragte und - wohl irrtĂŒmlich, denn jede kĂŒnstlerische Konzession lag ihm fern - bewilligte Aufnahme in die Reichskulturkammer, der 1937 endgĂŒltiges Malverbot folgte. Fritz Winter arbeitete weiter, wurde aber im August 1939 zum MilitĂ€rdienst eingezogen und musste - von wenigen Urlauben und Lazarettaufenthalten nach Verwundungen unterbrochen - das ganze Drama des zweiten Weltkrieges bis zum Mai 1945 miterleben, als er in russische Gefangenschaft geriet, aus der er erst im Mai 1949 entlassen wurde.

Er begann sofort wieder zu arbeiten und seine Werke erregten schon 1950 auf der Biennale in Venedig internationales Aufsehen. Als Protagonist war er erfolgreich an der in den folgenden Jahren heftigen "Abstraktions-Debatte" beteiligt und erlebte mit zahlreichen Ausstellungen und Anerkennungen in der zweiten HĂ€lfte der 50er Jahre den Zenit seines Erfolges, welcher im Kunstbetrieb der 60er Jahre jedoch rasch ĂŒberlagert wurde durch anders gerichtete Kunsttendenzen, die es in ihrer grossformatigen schreienden Schlichtheit einfacher hatten, erfolgreich zu sein (das Zeitalter der Markenzeichen war angebrochen). Fritz Winter erlebte in dieser Zeit der Anerkennung wirtschaftlichen Erfolg, langjĂ€hrige LehrtĂ€tigkeit in Kassel, hohe Ehrungen und eine Reihe von Katalogen und monographischen Publikationen. Jedoch wie seine Generationsgenossen erlebte auch er die Publikation einer umfassenden Monographie zu Leben und Werk und umfassende Retrospektiven nicht mehr. Die Monographie mit dem Katalog der GemĂ€lde von Gabriele Lohberg erschien 1986, Retrospektiven gab es inzwischen auch eine ganze Reihe, zuletzt die umfassendste in Stuttgart 1990, als dort die Sammlung des ZĂŒrcher Sammlers Konrad Knöpfel gezeigt wurde. Dieser Sammler sammelte ĂŒbrigens praktisch nur einen KĂŒnstler, nĂ€mlich Fritz Winter, jedoch hunderte seiner Werke, die er inzwischen der Stadt Stuttgart als Stiftung ĂŒbergeben hat.

Unsere Galerie hatte und hat das GlĂŒck, auf die reichen BestĂ€nde an Werken von Fritz Winter, welche die ehemalige Berner Galerie Marbach in den 50er Jahren - vielleicht auch im Hinblick auf die Nachbarschaft der Paul-Klee-Stiftung - zusammentrug, und auf einen Teil des Nachlasses von Fritz Winter zurĂŒckgreifen zu können. Als erster in einer Reihe von Spezialkatalogen zu seinem Werk erscheint der vorliegende zu seinem FrĂŒhwerk. In diesem fĂŒhrte Fritz Winter völlig gegensĂ€tzliche kĂŒnstlerische Möglichkeiten zur Synthese: die spirituellen Tendenzen der Abstraktion des Bauhauses vertreten durch Kandinsky, Klee, Gabo u. a. einerseits und die körperliche MĂ€chtigkeit der Bildsprache Braques, Picassos und vor allem Kirchners in den spĂ€ten 20er Jahren andererseits, eine kĂŒnstlerische "Quadratur des Kreises", deren GegensĂ€tze sich auch in den höchst unterschiedlichen Formaten ausdrĂŒcken, geeint im besonderen, sehr dunklen Kolorit dieser Jahre. Braun, Grau und Schwarz dominieren. Selten glĂ€nzen Lichter in Rot und Weiß. Dieses besondere Kolorit Winters, das sich bei nĂ€herem und lĂ€ngerem Hinschauen jedoch als sehr differenziert entpuppt, mag mit seiner Herkunft aus dem Land der Kohlengruben, sein Ursprung mag aber auch in den zunehmend dunkleren ZeitumstĂ€nden zu suchen sein.

Die Geschichte dieser Werke ist eine besondere: Fritz Winter malte zu Beginn der 30er Jahre auf Papier, zumeist Packpapier, denn LeinwĂ€nde konnte er sich nicht leisten, schon gar nicht in der Menge, die er fĂŒr seine jeweils zahlreichen Variationen auf ein einmal gefundenes abstraktes "Thema" benötigte. Da er nach 1933 nicht mehr ausstellen durfte, stapelten sich diese Arbeiten in Öl auf Papier in seinem Atelier in Diessen am Ammersee. Nach dem Malverbot 1937 vermauerte er diese Arbeiten, um sie vor eventueller Konfiskation zu schĂŒtzen. Erst nach seiner RĂŒckkehr aus der Gefangenschaft 1949 holte er sie wieder aus dem Versteck hervor und zog sie in den 50er Jahren nach und nach auf Leinwand auf. Erst 1964, auf der dritten Documenta in Kassel, konnten diese GemĂ€lde zum ersten Male gezeigt werden, wie z. B. das hochformatige sehr grosse Ineinander betitelte Werk (Kat. 50), in dem die Formen der Naturwissenschaft, ihre Gesetze, sich aus einem umschriebenen amorphen Farbraum heraus zunĂ€chst noch unförmig und unbeholfen aber schließlich nach vorn prĂ€zise herausentwickeln, uns entgegen. Oder sind es bereits ganz andere und konkrete "Gitterstrukturen"? Wir schreiben das Jahr 1933 und weder die Kunst noch ihre Interpretation sind eindimensional.

Wie dem auch sei, diese Werke entstanden noch in einer „anderen Zeit“, vor den Jahren 1939 bis 1945, die den „totalen Krieg“, 60 Millionen Tote, völlige Zerstörung aller StĂ€dte einer grossen Kulturnation, im „Holocaust“ den Genozid eines grossen Volkes und am Ende den ersten Atomkrieg brachten, wenige aber derart grauenhafte Jahre, dass sie noch immer unseren Blick auf die Zeit davor verstellen. Diese Werke entstanden, bevor Fritz Winter die Kriegesjahre von ihren AnfĂ€ngen bis zum bitteren Ende gĂ€nzlich als Soldat miterleben musste einschliesslich einer noch bis 1949 dauernden Gefangenschaft in Russland.

Noch war das grosse Selbstbewusstsein, welches Fritz Winter von Mitstudenten am Bauhaus attestiert wurde, ungebrochen. Er kritisierte offen die Bestrebungen einiger Bauhauslehrer, setzte sich fĂŒr die völlige Freiheit und UnabhĂ€ngigkeit der Malerei ein. Er nahm sich auch die Freiheit offensichtlicher Übernahmen von Arp, Braque, Gabo, Kandinsky, vor allem Klee und auch Kirchner, welche er dem Eigenen derartig integrierte, dass Roland Scotti kĂŒrzlich schrieb: „Den heutigen Betrachter begeistert vor allem die Freiheit und SouverĂ€nitĂ€t, mit welcher der KĂŒnstler [...] die EinflĂŒsse [...] kombinierte und seinem eigenen Kunstwollen anglich.“1

Die Beziehungen Fritz Winters zu Klee und Kirchner sind in den letzten Jahren vielfach in Ausstellung und Publikation untersucht worden.2 KĂŒrzlich erschien auch der Band des Werkverzeichnisses von Paul Klee, der eben jene Werke komplett abbildet, deren Entstehung Fritz Winter wĂ€hrend seiner Jahre am Bauhaus 1927-30 miterleben konnte.3 1999 war zudem das bisher kaum bekannte - eher verkannte - spĂ€te abstrahierende Werk von Kirchner in einer Ausstellung mit begleitendem Katalog erstmals prĂ€sentiert worden.4 Obwohl Winter in den Jahren von 1929 bis 1932 jeweils zu mehrwöchigen Arbeits-Aufenthalten in Davos war und wir den unausweichlichen Einfluss Kirchners auf alle in seiner NĂ€he arbeitenden KĂŒnstler kennen, betitelte Roland Scotti dennoch seinen Aufsatz im Katalog der Ausstellung „Klee - Winter - Kirchner, 1927 - 1934“ von 2001 mit „Fritz Winter und Ernst Ludwig Kirchner, Eine Freundschaft ohne Einfluss“. Alle Autoren, auch er, weisen lediglich auf einen indirekten durch Kirchners Arbeiten vermittelten Einfluss „primitiver Kunst“ hin, vor allem in den wenigen in Davos geschaffenen Holzskulpturen Winters. (Die ĂŒberbordende Primitivismus-Forschung und -Darstellung der vergangenen Jahrzehnte zeigte ihre Folgen.)

Kirchner selbst schrieb allerdings schon am 7. August 1929 ĂŒber Winter: „Meine Arbeit hat einen sehr starken Einfluss in seiner Arbeit hinterlassen, natĂŒrlich umgeformt. So ist es auch mit Klee und Kandinsky gegangen bei ihm. Das eigentlich Eigene ist da, aber noch als zartes junges PflĂ€nzchen [...]. Vieles ist heute an ihm gut und echt und einfach.“5 Scotti berichtete ĂŒber die Freundschaft und die Übereinstimmungen der beiden KĂŒnstler in theoretischen Fragen. Er ging dabei von den Werken aus, welche Winter unmittelbar wĂ€hrend seiner Aufenthalte in der Schweiz geschaffen hatte und die heute im Kirchner Museum Davos bewahrt werden.6 Könnte es aber vielleicht sein, dass sich der Einfluss Kirchners erst in den folgenden Jahren voll auswirkte?

Die in diesem Katalog vorgestellten Werke zeigen - bedingt durch den Zufall ihrer VerkĂ€uflichkeit - nur einen Ausschnitt aus dem FrĂŒhwerk Fritz Winters vor 1939. Nicht alle der von Gabriele Lohberg beobachteten Werkgruppen dieser Jahre sind vertreten.7 Dennoch werden schon in dieser Auswahl die vielgestaltigen Möglichkeiten seiner Arbeit in diesen Jahren erkennbar. Nicht nur die Bandbreite stilististischer Übernahmen und Möglichkeiten ist in diesen Jahren in Winters Werk enorm. Es ist dies auch die AusdrucksintensitĂ€t seiner Werke, welche von sensibelster Frottage bis zu pastos mit dem Spachtel in riesigen FlĂ€chen aufgetragener Farbe variieren kann. Die Formate sind ebenso extrem vom kleinsten bis zum grössten möglich. SĂ€mtliche nur denkbaren Techniken werden von ihm angewandt und in immer neuen Kombinationen erprobt: Ölfarbzeichnung, Frottage, Collage, Schablone, Wachsmalerei auf geknautschtem Papier (Enkaustik), Einbrennrelief in Holz und viele vielleicht noch unerkannte. Sein Wille und seine Kraft waren wohl denen von Kirchner nicht unĂ€hnlich. Das verband beide, musste sie aber auch trennen.

Die AnfĂ€nge Fritz Winters am Bauhaus sind in den Zeichnungen, Ölfarbzeichnungen, Frottagen und Monotypien zu Beginn des Kataloges exemplarisch erkennbar. In zarten Linien und behutsam modellierten FlĂ€chen löst sich Winter vom Gegenstand, tastet sich aber immer wieder an die menschliche Figur heran. Diese Suche nach dem Menschen in der Kunst - trotz der Abstraktionstendenzen des Bauhauses und der Zeit allgemein z. B. in der Pariser abstraction-crĂ©ation - brachte Winter nach Davos zu Kirchner, welcher immer und bis zum Schluss mit der Gestalt des Menschen rang, obwohl auch dieser sich den Forderungen der Gegenwart stellte. Über „biomorphe Ovale“, „Tektonische Varianten der Elementarformen“, „Geometrische Kompositionen“, „Offene Winkelkonstruktionen“ weisen die Werke dieses Kataloges dann bis hin zur „Auflösung des Formbestandes“ in den Monotypien (Kat. 56).

Doch unmittelbar zuvor wachsen die Werke, welche im ĂŒblichen Format einer Zeichnung begannen, zu Übergrössen von mehr als zwei Meter Höhe oder Breite. Die BewĂ€ltigung solcher Formate konnte Fritz Winter am Bauhaus vielleicht bei Oskar Schlemmer beobachtet haben, der in diesen Jahren an seinem Folkwang-Zyklus arbeitete. Aber wohl noch intensiver mĂŒssen Winter die Zwei-Meter-GemĂ€lde Kirchners in Davos beeindruckt haben, welche dieser dort in gĂ€nzlich anderer Umgebung, jedoch im Hinblick auf eben denselben Auftraggeber, das Museum Folkwang in Essen, schuf (vgl. Fig. 8 - 13). Wenn wir versuchen, Kirchners grosse Kompositionen einmal „gegenstandslos“ zu sehen, allein die Formen, dann werden die Übereinstimmungen der von geschwungenen Linien eingefassten FlĂ€chen, ihre Akzentuierung durch parallele Streifen, ihr In- und Umeinander, schlicht: die Ähnlichkeit der formalen Melodie wird offensichtlich, ganz besonders im GemĂ€lde Der Grosse Bau (Kat. 55). Fritz Winter entschied sich im Gegensatz zu Kirchner fĂŒr die Abstraktion. Er verzichtete auch auf dessen starke Farbe. Er durchmass aber in den Jahren 1928 bis 1934 die gesamte Distanz von Klee bis Kirchner, vom Bauhaus nach Davos, von spiritueller SensibilitĂ€t zu körperlicher MĂ€chtigkeit, integrierte diese Positionen in seinem Werk und schuf so einen gĂŒltigen Beitrag zur abstraction-crĂ©ation. Auch er baute an dieser BrĂŒcke fĂŒr die Abstraktion von ihren AnfĂ€ngen um 1910 zu ihrer weltweiten „DurchfĂŒhrung“ nach 1948, an welcher Fritz Winter dann hervorragend beteiligt sein sollte.

Wolfgang Henze

__________

1 Bibliographie Nr. 96, S. 63f.
2 Vgl. Bibliographie Nr. 11, 49, 54, 92, 96.
3 Catalogue raisonné Paul Klee, Band 5, Bern 2001.
4 Ausstellungsbeteiligung B 129.
5 Gertrud Knoblauch, Ernst Ludwig Kirchner. Briefwechsel mit einem jungen Ehepaar, Elfriede DĂŒmmler und Hansgeorg Knoblauch, Bern 1989, S. 89.
6 Vgl. Bibliographie 95.
7 Vgl. Bibliographie 53, S. 36-64.

Galerie Henze & Ketterer
Kirchstrasse 26, CH 3114 Wichtrach
Tel. +41 (0)31 781 06 01
Galerie Henze & Ketterer & Triebold
Wettsteinstrasse 4, CH 4125 Riehen
Tel. +41 (0)61 641 77 77