Giovanni Manfredini – DALL’INFERNO ALL’INFINITO

(5. September – 19. Dezember 2009)

Die Einzelausstellung Gennaio zum Werk von Giovanni Manfredini in der Kunsthalle La Lune en Parachute in Epinal (FR) zu Beginn dieses Jahres, die in enger Zusammenarbeit mit unserer Galerie erarbeitet wurde, ist auf erstaunliches Interesse gestossen. Zum ersten Mal wurden neben Ölzeichnungen des Künstlers Werke aus den Serien Tentativo di Esistenza – Abdrücke seines Körpers – und Estasi – kreisrunde, teils umnebelte weisse Scheiben auf schwarzem Grund – dem dortigen sehr aufgeschlossenen Publikum gezeigt. Über 200 Besucher sahen die Ausstellung allein am Eröffnungsabend.

Giovanni Manfredini versteht sich als Maler. Er gestaltet sein Werk aus einer Mischtechnik, in der der Künstlerkörper zum Pinsel auf einem Russgrund wird und durch die der ganze Körper des Künstlers in Erscheinung tritt. Der Bildträger aus einer Holzplatte wird mit einer Schicht aus gemahlenen weissen Muscheln, mit Harz abgebunden, grundiert. Diese gleissend helle, glänzende und lichte Basis wird, sobald sie getrocknet ist, mit einer Russfackel geschwärzt. Anschliessend presst Manfredini seinen kompletten Körper oder gleich einem Torso nur Teile davon gegen das Bild. Ein Abdruck entsteht, indem die dagegen gepressten Partien den Russ absorbieren und helle Flächen mit dem Muschelmehl freilegen. Nicht eine Absonderung, also das Hinzufügen von Material wie man es von herkömmlichen Druckverfahren kennt, lässt ein Abbild entstehen, sondern die Wegnahme von Substanz. Es scheint, das Bild sei bereits zuvor angelegt gewesen. Erst die Berührung bringt Aufklärung in die totale Finsternis und zeigt erstaunlich viele Details im Bild des Künstlers: Haare, Falten, Poren, gar Blutgefässe. Mit einer Schicht gefirnisst und gefasst in einem massiven rostpatinierten oder schwarz lackierten Eisenrahmen weicht alle Körperlichkeit einer harten, stabilen Fläche, die den Abdruck für immer konserviert.

In jüngeren Arbeiten ersetzt er den menschlichen Körper durch eine kreisrunde Schablone. Stand bis dahin das Selbstbildnis und die Frage nach der eigenen Existenz im Mittelpunkt seiner Gemälde weicht nun alles Figürliche einer von grellem Licht beleuchteten, sich vom tiefschwarzen Grund abhebenden Scheibe. Mal mehr mal weniger von sphärischen Nebeln verschattet wird der Bildraum in ein Sfumato getaucht, mit dem der Künstler neben den Chiaroscuro-Effekten, auf eine weitere traditionelle, kunsthistorisch verankerte Bildsprache verweist. Der Titel dieser Werkgruppe Estasi (Extase) umschreibt sehr zutreffend diese schwebenden, strahlenden Gebilde, die aus einer anderen Dimension zu kommen scheinen. Wie auch immer sie zu deuten sind, sie werden zum Traumbild, das die Phantasie jedes Betrachters beflügelt.

Als Kind im Alter von zwei Jahren erlitt Manfredini schwerste Verbrennungen. Nach mehreren schmerzhaften Hauttransplantationen, die seine eigene Haut ersetzen und erneuern sollten, wurde ihm sein Leiden unerträglich und er war nicht mehr bereit, sich weiteren Operationen zu unterziehen. Diesen Häutungsprozess, der im Feuer seinen Ursprung hatte, überträgt der Künstler auf die Haut des Bildes. Unter dem Titel Dall’Inferno all’Infinito zeigt Giovanni Manfredini nun neue Werke aus der Werkgruppe der Estasi. Die unterschiedlich grossen Werke vom Format in Pocketgrösse bis hin zu monumentalen Bildern und einem grossen Tondo tauchen die Galerie in einen schwarz-weissen Kosmos. Der Titel verweist einmal mehr auf die Poesie und die Idee des Künstlers, seine im Ursprung des Feuers und des Schmerzes entstandenen Bilder für die Ewigkeit zu bannen.

Einen Blick in das Atelier des Künstlers und eine aufschlussreiche Dokumentation der Arbeitsweise Manfredinis bietet der Film "L’Arte del Pugile". Es handelt sich um ein Künstlerportrait, in dem nicht nur der Künstler sondern auch der Mensch Darstellung finden. Diesen Videofilm können Sie über uns beziehen.


Giovanni Manfredini: Estasi, 2006

(Text zur Ausstellung)

Unter dem Titel „Estasi" stellt der aus Italien stammende Künstler Giovanni Manfredini neue Werke vor, in denen eine konsequente Weiterentwicklung seiner künstlerischen Tätigkeit erkennbar ist.

Abdrücke seines eigenen Körpers auf einer zuvor mit Russ geschwärzten Fläche bilden weiterhin einen zentralen Beschäftigungsbereich. Diese neuen Erscheinungen haben aber etwas von ihrer Körperhaftigkeit aufgegeben. Die Binnenzeichnung ist nur noch erahnbar, das charakteristische Sfumato der früheren Ausführungen kaum noch erkennbar. Dafür wird der Kontrast zwischen dem hellen Hintergrund aus Muschelmehl und den mit Russ bedeckten schwarzen Bereichen um so stärker. Durch die auf diese Weise erfahrene Abstrahierung, wird die Aufmerksamkeit vom Detail auf die Gesamterscheinung verlagert. Kaum noch erkennbar sind Einzelheiten wie Körperbehaarung, Hautbeschaffenheit oder einzelne Körperteile.

Unter Einsatz der selben Technik sind nun auch Werke entstanden, in denen Bücher mitverarbeitet werden. Diese werden aufgeschlagen auf der mit Muschelmehl behandelten Fläche befestigt und dann mit Russ geschwärzt. Bei den verwendeten Büchern handelt es sich um Publikationen zum Werk des italienischen Künstlers Michelangelo Merisi, gen. Caravaggio (1571-1610). Abbildungen seiner Kunstwerke erscheinen durch eine Schicht von Russ und durchsichtigem Lack. Dass es sich bei dieser Werkgruppe um eine Hommage an den grossen Künstler des Chiaroscuro handelt zeigt sich nicht nur in der Anwendung derartiger Kontraste, im Einsatz von Reproduktionen der Kunstwerke des barocken Malers, sondern ganz besonders im Bildaufbau. Die für Caravaggio charakteristische Lichtführung, bei der Licht in scharfer und künstlicher Ausleuchtung in tiefe Finsternis eindringt und so die Einzelheiten eindringlich, pointiert und grell herausholt scheint Manfredini in seinen Werken übernommen zu haben.

Ebenfalls von einem schrillen Licht beleuchtet scheinen die kreisrunden, hellen Formen zu sein, die sich stark vom dunklen Grund abheben. Ob es sich um sphärische Gebilde im All, um die Darstellung einer kleinen Öffnung in einer dunklen Kammer oder um eine weisse Scheibe vor einem schwarzen Hintergrund handelt, kann nicht bestimmt werden. Der Titel dieser Werkgruppe „Estasi" – Extase – umschreibt sehr zutreffend diese schwebenden strahlenden Gebilde, die aus einer anderen Dimension zu kommen scheinen. Im Gegensatz zu den bislang geschaffenen Werken des Künstlers stellen diese perfekten Formen nichts greifbares dar.

Wie in den Körperbildern und in den Caravaggio-Hommagen verwendet der Künstler auch in den „Estasi" ausgeprägte Chiaroscuro-Effekte. Die Motive erscheinen dabei in schwebendem Zustand, da keine Standflächen auszumachen sind und die starke Beleuchtung den Eindruck einer Erscheinung weckt.

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