Karl Hartung ‚Äď Figur und Form - Bronzeplastiken 1938 - 1965

(Kurztext zur Ausstellung A84 vom 28.3. bis 25.7.2009)

1908 in Hamburg geboren, starb Karl Hartung 1967 in Berlin - fr√ľh in seinem Bildhauerleben von hoher Konsequenz. Geburts- und Sterbeort markieren auch die geographischen Zentren seines Lebens: An der Kunstgewerbeschule in Hamburg ausgebildet zog es ihn 1929-32 zu Studienaufenthalten nach Paris und Florenz. Er setzte sich intensiv mit Rodin, Despiau, Bourdelle und schliesslich vor allem Maillol auseinander und in Italien beeindruckte ihn besonders die etruskische Plastik.

Noch in Hamburg schuf er 1935 seine erste abstrakte Plastik. 1936 ging er nach Berlin, ausgerechnet in die Hochburg der gegen seine Kunst gerichteten Kr√§fte. Nach seinem Milit√§rdienst 1939-45, w√§hrend dessen er 1943 in Paris die Zeit findet, Brancusi, Arp und Laurens zu begegnen, deren Werke den von ihm eingeschlagenen Weg best√§tigen, beginnt f√ľr ihn mit der ersten Ausstellung in der Galerie Gerd Rosen in Berlin 1946 die √Ėffnung zum wieder normalisierten Kunstleben. Mitglied der Gruppen "Zone 5", "Neue Berliner Gruppe", "Zen 49" und des Deutschen K√ľnstlerbundes ist er seit 1951 Professor f√ľr Bildhauerei an der Hochschule f√ľr bildende K√ľnste in Berlin. Es folgen √∂ffentliche Auftr√§ge, Retrospektiven, wie die in der Kestner-Gesellschaft 1953, Preise und Ehrungen.

Bis auf ein Detail unterscheidet sich dieser Lebensweg kaum von dem vieler Zeitgenossen. Im Gegensatz zu diesen wandte Karl Hartung sich n√§mlich nicht erst im Jahr der allgemeinen Wende zur "abstrakten Weltsprache", 1948, dieser zu, sondern bereits 1935. Dies zudem nicht als einer der vielen nicht mehr in Deutschland, vorzugsweise in Frankreich oder Italien lebenden K√ľnstler seiner Generation, sondern in Hamburg und Berlin in einer Sonderform innerer Emigration. Wiewohl ihm die Mitgliedschaft in der Reichskammer der bildenden K√ľnste ab 1934 und die immer zahlreicher werdenden Auftr√§ge der neuen Machthaber an die Bildhauer zuvor kaum gekannte M√∂glichkeiten er√∂ffneten ‚Äď und die von anderen Kollegen in Berlin intensiv wahrgenommen wurden, h√§lt er sich zur√ľck, beteiligt sich kaum an Ausstellungen, verheimlicht seine abstrakten Plastiken. Seine Frau Ilse Quast und er halten sich mit Auftragswerken und Anfertigung von M√∂beln √ľber Wasser.

Nach den Ans√§tzen der vorausgehenden Generation wie bei Rudolf Belling und Otto Freundlich ist Karl Hartung der fr√ľheste deutsche Bildhauer der Abstraktion. Allerdings n√§hert er sich √ľber diesen Weg einer vom Gegenstand gel√∂sten absoluten Formensprache doch immer wieder der Figur, vor allem dem Menschen, generell dem ‚ÄěVegetativen", wie er es in Titeln nennt, letztlich also dem Leben, der Natur. Markus Krause gab daher seiner Monographie mit Werkverzeichnis im Jahre 1998 √ľber Karl Hartung den Untertitel ‚ÄěMetamorphosen von Mensch und Natur" und wir dieser Ausstellung ‚ÄěFigur und Form". Das eine ist mit dem anderen im Werk von Hartung untrennbar verbunden, ist weder Gegensatz noch Zeichen von Unsicherheit oder mangelnder Konsequenz. Die Figur des Menschen und der Natur wird von ihm mit reiner Form durchdrungen und umgekehrt wirken in jede seiner abstrakten Formen die Natur und die Figur hinein.

K√ľnstlerwerkverzeichnisse sind von schonungsloser Offenheit. Im Gegensatz zu den zumeist Harmonie und konsequente Werkentwicklung vermittelnden Auswahl-Publikationen zeigen Werkverzeichnisse auch die Nebenwege sowie die toten Arme eines Werkes und zudem die Gefahren, denen es im Laufe seiner Geschichte ausgesetzt war. Das Jahr 1935 d√ľrfte f√ľr Karl Hartung ein besonders kritisches gewesen sein: Bis zur Werkverzeichnis-Nummer 148 entwickelt sich die Symbiose von draller Maillolscher K√∂rperform und pathetischer W√ľrde etruskischer Grabterrakotta in eine Richtung, die durchaus in den grossen Auftr√§gen der damaligen neuen Machthaber in Deutschland h√§tte Verwendung finden k√∂nnen. Karl Hartung jedoch widerstand der Versuchung. Statt f√ľr L√ľge und Betrug wie andere entschied er sich f√ľr Wahrheit und Ehrlichkeit. Den Misserfolg nahm er in Kauf. Auf zwei gegen√ľberliegenden Seiten im Werkverzeichnis wird diese Z√§sur √ľberdeutlich: Links teilweise lebensgrosse Figuren und K√∂pfe aus Terrakotta, Zement oder Marmor, rechts abstrahierende Tiere und K√∂pfe. Zwischen beiden Gruppen v√∂llig Abstrakt die ‚ÄěDurchl√∂cherte" oder ‚ÄěAbstrakte Form", eine Summe der Formm√∂glichkeiten von Arp, Moore und auch Gabo oder schlicht formgewordene abstraction-cr√©ation.

Schon in dieser grundlegenden zweiundvierzig Zentimeter hohen Plastik sind die Grundz√ľge des nun folgenden Hauptwerkes von Karl Hartung angelegt: Die schwellenden K√∂rperformen des verehrten Maillol hauchen der gegenstandslosen toten Materie nat√ľrliches Leben ein, geben den Weg frei f√ľr die immerw√§hrende Ambivalenz von Materie und Leben in Hartungs Werk. Die Titel sind dementsprechend: ‚ÄěVegetative", ‚ÄěOrganische" und ‚ÄěZwillingsform" oder ‚ÄěGelenkge√§st". Immer dr√§ngen die Formen unter h√∂chst gespannter, glatter Oberfl√§che nach aussen wie wuchernde, quellende Vegetation. Alles ist organisch, auch die anorganische reine Materie, selbst in purer Abstraktion.

Zu den gr√∂ssten Erlebnissen eines Kunstbeflissenen geh√∂rt es, wenn sich uns in einem vermeintlich wohlbekannten k√ľnstlerischen Werk pl√∂tzlich neue Welten, ganze bisher unbekannte Werkgruppen √∂ffnen, die das Werk und unsere Sicht auf dieses in ungeahnter Weise komplettieren. Solches geschah in den letzten Jahren mit der Wiederentdeckung und Aufbereitung des zeichnerischen Werkes von Karl Hartung. 2008 wurde es in der Kunsthalle Erfurt erstmals in gr√∂sserem Umfang und 2008/09 im Museum Moderne Kunst W√∂rlen in Passau ausschliesslich gezeigt sowie, von Christa Lichtenstern eingeleitet, ausf√ľhrlich und grossformatig publiziert. Es handelt sich um Bildhauerzeichnungen par excellence, jeder Strich dr√§ngt in die dritte Dimension, be- und umschreibt ein Volumen. Dennoch sind sie von h√∂chster Eigenst√§ndigkeit, keineswegs lediglich ‚Äď und das tats√§chlich nur in den seltensten F√§llen ‚Äď Entwurfszeichnungen. Sie sind bildm√§chtig wie die Plastik selbst und sie begr√ľnden die Notwendigkeit des Soseins der Plastik von Karl Hartung. Was im plastischen Werk allein betrachtet bisher vielleicht auch einmal zuf√§llig erscheinen konnte, findet seine k√ľnstlerische Legitimation in den Zeichnungen. Zu einem vollst√§ndigen Verstehen des Werkes ist die baldige Publikation auch eines Werkverzeichnisses der Zeichnung √§usserst w√ľnschenswert.

Wir freuen uns sehr, dass wir nach einer eindringlichen Einzelausstellung w√§hrend der art cologne 1993 und diversen kleineren Pr√§sentationen in unserer Galerie in Wichtrach jetzt eine gr√∂ssere Einzelausstellung von 21 Bronzeplastiken und einigen Zeichnungen w√§hrend der art KARLSRUHE 2009 und den Sommer √ľber in unserer Galerie in Wichtrach zeigen k√∂nnen. Hierf√ľr geb√ľhrt ein herzlicher Dank der Tochter und Nachlassverwalterin Hanne Hartung-Schneede.

Ingeborg Henze-Ketterer und Wolfgang Henze

Galerie Henze & Ketterer
Kirchstrasse 26, CH 3114 Wichtrach
Tel. +41 (0)31 781 06 01
Galerie Henze & Ketterer & Triebold
Wettsteinstrasse 4, CH 4125 Riehen
Tel. +41 (0)61 641 77 77