Kubach-Wilmsen

(Text zur Ausstellung A39 vom 14.3 bis 15.6.02)

Anna und Wolfgang Kubach-Wilmsen schlagen seit 1969 Variationen von zwei Urbildern aus dem Stein der gesamten Erde und bearbeiten den Stein gleichzeitig dergestalt, dass er sein Inneres offenbart. Da ist zunächst das Urbild des Trägers der Materie, die Säule in allen ihren Spielarten, und dann das Urbild des Trägers des Geistes, Buch, Papierblatt, Monitor, alles, wo Worte geschrieben sind. Ihr Material, den Stein, nutzen Kubach-Wilmsens jedoch keineswegs allein als Medium, sie öffnen ihn vielmehr für unsere Augen durch feinsten Schliff. Gleichsam seziert, blicken wir in sein Inneres, in seine Geschichte. In diesem spannungsvollen Verhältnis von Thema und Form einerseits sowie Materie und Handwerk andererseits ereignet sich die Kunst dieses Künstler-Ehe-Paares.

Die Säule war im Anfang aus Holz. Der Stamm des Baumes trug das schützende Dach. Doch schon bald, wo immer die wachsende Kenntnis dies ermöglichten, wurde der Holzstamm durch Stein ersetzt. Die sich nach oben verjüngende Form des Holzstammes wurde beibehalten und die Furchen der Rinde stilisiert in den Kanneluren nachempfunden. Dieser Urtypus der Steinsäule, die dorische Griechenlands, wurde um 1969 zum Ausgangspunkt des gemeinsamen Werkes von Anna und Wolfgang Kubach-Wilmsen und ist bis heute eines ihrer beiden formalen Generalthemen. Die kannelierte Säule erlebte unter ihren Händen zahlreiche Metamorphosen, die Kanneluren drehten und wanden sich. Sie wuchs organisch direkt aus der Erde, ohne Basis, und konnte nach zweimaliger Wende in die Erde zurückkehren. Sie rundete sich an beiden Enden, verpuppte sich, oder kehrte nach vier Wendungen in sich selbst zurück als endlose Form. Sie konnte sich verknoten oder zur Form einer auf dem Kopf stehenden Amphore mutieren.

Mit dem Steinbuch entdeckten Anna und Wolfgang Kubach-Wilmsen um 1976 ihr zweites General-Thema. Es sollte sich als noch tragfähiger und Variations-reicher erweisen. Zunächst gab es das Buch in allen Grössen, Arten und Zuständen, auch die Buchrolle, das heruntergefallene oder geworfene Buch, das wie „Ikarus" unsanft gelandet war, das Buch aufgestapelt zum Buchturm und schliesslich auch die Buchruine. Es ging aber auch um den Inhalt des Buches, das Wort, ob geschrieben oder gedruckt, denn es folgten die weiteren Träger des Wortes, die Zeitung, das einzelne Blatt, die Tafel, der „Support des Rèves", ein zusammengesunkener Papierstapel, der Brief und schlussendlich der Monitor, der neben dem Wort, wie alle zuvor genannten Medien, auch das Bild tragen kann: „L’image de Pierre".

Der Stein wurde von Bildhauern noch nie so ernst genommen wie von den Kubach-Wilmsens. Sie vollenden eine Entwicklung, welche mit einem Irrtum der Renaissance begann: Nach der Kunsttheorie der Renaissance, welche von der Malerei täuschende Ähnlichkeit forderte, hätte deren Plastik folgerichtig ebenfalls täuschend ähnlich farbig gefasst sein müssen. Die wieder aufgefundenen Marmorstatuen der Antike zeigten jedoch fast ausschliesslich die weisse Oberfläche makellosen Marmors. Dies wurde - und blieb bis auf Ausnahmen und bis in die jüngste Zeit - das Ideal des Bildhauers. Von der Tatsache der ursprünglichen farbigen Fassung der antiken Statuen erfuhr man erst viel später. Die Form gestaltete sich so ähnlich wie möglich, die Oberfläche zeigte sich von der Form und der Darstellung völlig unabhängig als monochromer, also in seinem Eigenleben sehr zurückgenommener, Stein. Dieser seit der Renaissance bestehende Widerspruch von Kunsttheorie und Oberflächengestaltung in der Plastik wurde erst nach 1968 in zwei Richtungen aufgelöst. Die Urknall-ähnlich aufbrechende Vielfalt der Kunst der Gegenwart machte dies möglich. Einerseits schufen Künstler wie etwa Duane Hanson die Plastik perfekter Illusion, durch welche nicht nur die Vögel - wie in der Malerei der Renaissance - sondern nachweislich viele Menschen getäuscht wurden. Andererseits wurde von Anna und Wolfgang Kubach-Wilmsen in der reinen Oberfläche des Steines dieser selbst zum ersten Male voll zur Kenntnis genommen und in ihn hineingeschaut. Seine spröde Oberfläche wurde durch einen besonders feinen Schliff transparent. Wir lesen im Stein, wenn wir auf eines Ihrer Bücher oder Blätter schauen, und begreifen im wahrsten Sinne des Wortes, wie wir auch den Sinn der Säule begreifen, die nämlich ursprünglich tatsächlich direkt aus der Erde wuchs.

Ingeborg Henze-Ketterer + Wolfgang Henze

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