Vom Geist und der Poesie in den Bildern von Max Peiffer Watenphul

(Text zur Ausstellung A76 vom 6.9. bis 29.11.2008)

Der Maler Max Peiffer Watenphul geh├Ârt sicher zu den extravaganten K├╝nstlern des vergangenen Jahrhunderts. Den Geist in den Dingen der fr├╝hen Landschaften und Stilleben beschrieb schon Alfred Salmony 1921 mit jenem ÔÇ×Sonderdasein, spielerisch und doch symbolhaft verkn├╝pft, irgendwie l├Ąngst vertraut und doch neu"1. Anverwandte Stile lassen sich in seinen Bildern feststellen, man kann das Werk ordnen, man kann es sicher stilistisch benennen oder zumindest n├Ąher beschreiben, aber ÔÇô unabh├Ąngig von einer stilistischen Pr├Ązisierung ÔÇô lassen die Motive keinen Zweifel ├╝ber die zutiefst menschliche Intention, die Max Peiffer Watenphul ├╝ber die vielen Jahre seines Schaffens hinweg verfolgte: eine seltene Gemeinsamkeit von Geist und Poesie. Peiffer Watenphul entwickelte in seiner Malerei gewisse Chiffren, vergleichbar mit Erkennungsmelodien, die seine Werke so unverwechselbar machen: n├Ąmlich eine gewisse edle Dekadenz die eben zuweilen durch einen Grad von Manieriertheit best├Ąrkt wird. Sein Werk spiegelt eine k├╝nstlerische Individualit├Ąt und die Unabh├Ąngigkeit von intellektuellen Zw├Ąngen.

Dies hat nat├╝rlich etwas mit dem Umfeld der Person Max Peiffer Watenpuhl und seiner gutb├╝rgerlichen Herkunft zu tun, in die der K├╝nstler am 1. September 1896 in Weferlingen bei Helmstedt hinein geboren wurde. Sein Vater war Apotheker, seine Mutter stammte aus einer Hugenottenfamilie. 1903 verstarb sein Vater und die Mutter heiratete ein zweites Mal den Gymnasiallehrer Dr. phil. Heinrich Watenphul, der zum Schuldirektor bef├Ârdert nach Hattingen versetzt wurde; so entstand der Doppelname Peiffer Watenphul. Der junge Max Peiffer Watenphul wuchs in humanistisch gebildetem Umfeld auf und es lag deshalb nahe, dass er sich einem klassischen Studium zuwenden sollte. Auf Wunsch seiner Eltern, begann er 1914 Medizin zu studieren, wechselte als bald zur juristischen Fakult├Ąt und studierte bis 1918 in Stra├čburg, M├╝nchen, Bonn, W├╝rzburg und schlie├člich in Frankfurt am Main. 1918 wurde er mit einer Dissertation ├╝ber Kirchenrecht promoviert. Doch - so wird berichtet - hat er besonders in M├╝nchen mehr Zeit in den Sammlungen der Pinakotheken verbracht, die dort ausgestellte Kunst studiert und sich mit K├╝nstlern angefreundet. Unter anderem hat er auch die Bekanntschaft mit Paul Klee gemacht, dessen Urteil ├╝ber die zeichnerische Begabung des angehenden Juristen, den Wunsch zur bildenden Kunst zu wechseln, wohl verst├Ąrkte. (Siehe die Auswahl fr├╝her Aquarelle in diesem Katalog, die w├Ąhrend des Studiums entstanden) Nachdem Klee nicht dem Wunsch Peiffer Watenpuhls entsprechen wollte, ihn zu unterrichten ÔÇô ÔÇ×er sei doch kein Lehrer" ÔÇô empfahl dessen Frau, Lily Klee, Max Peiffer Watenphul noch 1919 nach Weimar, wo im Oktober des Jahres das Bauhaus unter Walter Gropius seine Pforten ge├Âffnet hatte. Gropius suchte das Bauhaus zu einer zukunftsorientierten Schmiede f├╝r Gestaltung zu entwickeln und damit eine tragende Verbindung zwischen Kunst und Industrie zu etablieren: Funktionalit├Ąt, Design auch in den freien K├╝nsten waren die Schlagworte. Der Universalismus, den schon die Gruppe ÔÇ×De Stijl" seit ihrer Gr├╝ndung 1917 propagierte, sollte Einfluss auf alle k├╝nstlerischen wie gesellschaftlichen Bereiche nehmen. Peiffer Watenphul, von dieser Idee fasziniert, geht nach Weimar und wird Sch├╝ler von Johannes Itten, von Walter Gropius aus Wien an das Bauhaus berufen. Auch seinen ÔÇÜWunschlehrerÔÇÖ, Paul Klee, wird Peiffer Watenphul im Januar 1921 als zuk├╝nftigen Meister in Weimar wieder treffen.

Zu verschiedenen Gelegenheiten, nicht nur in den Briefen an Maria Cyrenius, einer nach Salzburg gewechselten Mitsch├╝lerin bei Itten, hat sich Max Peiffer Watenphul  ├╝ber sein abwechslungsreiches Dasein in Weimar ge├Ąu├čert und damit auch teilweise merkw├╝rdig anmutende Einblicke in seine Zeit am Bauhaus ├╝berliefert wie beispielsweise folgender Bericht: ÔÇ×Jene um die Meister gescharten Sch├╝lergruppen des Bauhauses waren nach Alter, Herkunft und Begabung sehr verschieden zusammengesetzt. Am gegens├Ątzlichsten war der Kreis um den immer noch jugendbewegten Itten, der haupts├Ąchlich aus jungen Wiener Intellektuellen, sonstigen Schwarmgeistern und Juden bestand. Es gab oft erhitzte Auseinandersetzungen, weil alle gegen die ├╝berkommenen Begriffe rebellierten und st├Ąndig Neues suchten. Man war arm, n├Ąhrte sich von d├╝rftiger Kost und fror in den ungeheizten Ateliers. Aber mit gro├čem Elan versuchte man, mit den Querelen und Freuden des Lebens fertig zu werden und darauf eine beinahe religi├Âs zu nennende Weltanschauung  zu formen. Wir kleideten uns in billige Fetzen, die wir malerisch drapierten. Manche von uns bemalten sich Tag f├╝r Tag die Schuhe mit einer anderen Farbe oder trugen Russenkittel, die mit gro├čen, an Halsketten h├Ąngenden Brustkreuzen geschm├╝ckt waren. Die vielen Feste, bei denen zur Musik der Bauhauskapelle barfu├č getanzt wurde, hatten oft einen geradezu kultischen Einschlag." ÔÇ×Der Unterricht war nicht fest umrissen, sondern sehr beweglich", so Max Peiffer Watenphul an anderer Stelle. ÔÇ×Es wurde experimentiert und die Umwelt in den Unterricht einbezogen. Beispielsweise kochte man nach Mazdaznan ÔÇô ein Lebensf├╝hrungssystem [von Johannes Itten propagiert], das die Weisheit Zarathustras erneuern will und in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg viele Anh├Ąnger hatte ÔÇô, trieb Gymnastik, um vor dem Aktzeichnen beweglich zu sein und h├Ârte die Lehre von Gertrud Grunow2 zur St├Ąrkung der produktiven Kr├Ąfte des Menschen. Wanderprediger traten auf, wurden verh├Âhnt oder schlugen einige in ihren Bann, die dann mitwanderten oder ins Kloster gingen. Im Sommer fanden stimmungsvolle Laternenfeste statt, und bei Mondschein badeten wir nackt in der Ilm. Das waren romantisch-harmlose Vergn├╝gen, die aber von den B├╝rgern Weimars als tollste Ausschweifungen der schon sattsam bekannten und ber├╝chtigten Bauh├Ąusler angesehen wurden. ... Anregend, kurzweilig und mitunter aufregend fanden wir die Abendveranstaltungen ÔÇô Vortr├Ąge, Aussprachen oder Konzerte ÔÇô, zu denen Dichter, Philosophen und K├╝nstler von Rang und Ruf aus Deutschland, ├ľsterreich und der Schweiz kamen. Ich erinnere mich noch genau an die Lesung der Else Lasker-Sch├╝ler. Die Wiener Gruppe [gemeint sind die Sch├╝ler von Johannes Itten, die er nach Weimar mitgebracht hatte] hatte den Saal mit Gebetsteppichen und j├╝dischen Leuchtern geschm├╝ckt. Die kleine Dichterin mit dem zigeunerhaften Gesicht trat h├Âchst w├╝rdevoll auf und sprach ihre Gedichte, die uns tief ersch├╝tterten. Auch ihr Freund Theodor D├Ąubler las aus seinen gedankenschweren, von vision├Ąren Geschichten erf├╝llten Dichtungen vor. Franz Werfel kam, gefolgt von seiner Gattin Alma Mahler, der Witwe des Komponisten, die uns interessierte, war sie doch von Kokoschka gemalt und sehr ber├╝hmt. Die Tage in Weimar waren jedenfalls immer bunt, bewegt und nie langweilig."3

Unter den wenigen f├╝r die Weimarer Zeit gesicherten Gem├Ąlden Peiffer Watenphuls sind die Stilleben im Atelier und der Blick in das Atelier und aus dem Fenster dominierend und auffallend. Das Fenster wird allem Anschein nach zum Fluchtpunkt einer nicht n├Ąher zu beschreibenden Sehnsucht, sich in einer Landschaft zu verlieren oder geistig ├╝ber den Meeren zu wandeln, etwa mit dem festgehaltenen ÔÇ×Blick auf das Tyrrhenische Meer". Ein Verlangen scheint den K├╝nstler zu ergreifen, aus der Enge seines Ateliers auszubrechen aber zugleich auch den Ort, an dem er vor der Staffelei sitzt, mit einzubeziehen. Ein fl├╝chtiger Augenblick verdichtet sich zu einem kleinen, zarten Gem├Ąlde - und als w├Ąre dies noch nicht ausreichend, kopiert der K├╝nstler die Szenerie des Augenblicks nochmals als Bild im Bild zu einem Stilleben. Bisweilen auch unbenommen von der Realit├Ąt, so scheint es, an ihr offensichtlich v├Âllig desinteressiert, malt der K├╝nstler seine Vorstellung von Gesehenem. Es sind nur wenige Details, dann auch allenfalls nur Zitate einer Wirklichkeit, die mit wenigen Linien nachgezogen auf der Leinwand erscheinen, etwa ein Tisch mit Blumenvase, aufgezogene und geraffte Spitzengardinen oder der Blick aus dem dunklen Diesseits in eine von Licht durchflutete Landschaft. Und zahlreiche Damenportr├Ąts oder Portr├Ątstudien mit auffallenden H├╝ten, einer Modistinnen Kollektion entliehen, haben sich aus dem Anfang der 20er Jahre in bunten Aquarellfarben ├╝ber zartem Bleistift erhalten.

K├╝nstlerisch lie├če sich Max Peiffer Watenphul am ehesten von Henri Rousseau ableiten, in dessen Werk eine neue ÔÇ×Innigkeit und Weltliebe" ihre Erf├╝llung noch im 19. Jahrhundert gefunden hat. In der Einfachheit seines Kleinb├╝rgertums konnte Rousseau in genialer Weise romantische Sehnsucht mit m├Ąrchenhaft Geheimnisvollem zu besonderen und gro├čen  Kunstwerken vereinen, von deren sp├Ąterer Bedeutung und Wertsch├Ątzung er kaum dunkle Ahnung hatte. Max Peiffer Watenphul darf wohl kaum jene naive Unber├╝hrtheit und Unbeschwertheit eines Rousseau f├╝r sich in Anspruch nehmen, seine Bilder entstanden in bewusstem Gestalten, absichtsvoll, wenngleich ein zartes und beh├╝tetes Lebensgef├╝hl bewahrend.

Die Bilder des jungen, literarisch wie kunsthistorisch gebildeten Bauh├Ąuslers Peiffer Watenpuhl jedoch als nur naiv zu sehen, w├╝rde die raffiniert inszenierte Malerei verkennen, da sie sich im ├╝bertragenen Sinn weniger an eine vorgeschobene, durchaus glaubhafte Realit├Ąt h├Ąlt, sondern vielmehr davon geleitet ist, das Gesehene aus einer intensiven Erinnerung wiederzugeben, eine Mischung aus nobilitierter und trivialer Bilderwelt darzustellen, ganz gleichg├╝ltig ob in den Frauenportr├Ąts mit den exaltierten H├╝ten, den viel geliebten Blicken aus dem Atelierfenster in Weimar oder einem der verwunschenen, poetisch arrangierten Stilleben.

Max Peiffer Watenphuls Zeit am Bauhaus in Weimar kann eigentlich nur als ÔÇśinoffizieller StudienaufenthaltÔÇÖ bezeichnet werden, wenngleich er den Vorkurs von Johannes Itten erfolgreich abschloss, in verschiedenen Werkst├Ątten hospitierte, unter anderem in der T├Âpferei und Weberei, und sich zudem dort intensiv f├╝r das Medium der Photographie zu interessieren begann. Die Bauhausleitung gew├Ąhrte dem promovierten Juristen unter den vielen jungen Sch├╝lern am Institut Sonderstatus. Peiffer Watenphul hatte die M├Âglichkeit, an allen Veranstaltungen teilzunehmen und dar├╝ber hinaus das Privileg, ein eigenes Atelier bewohnen zu k├Ânnen. Nur so ist dieses von den Lehren des Bauhauses eher unber├╝hrte Fr├╝hwerk zu verstehen, dessen Besonderheit schon der umtriebige Kunsth├Ąndler Alfred Flechtheim sehr wohl erkannte und der deshalb den K├╝nstler schon fr├╝h vertraglich an seine Galerie zu binden suchte. Auch die gesellschaftlichen Beziehungen zu damals bekannten Sammlern, Dichtern, Sch├Ângeistern und Lebensk├╝nstlern zwischen Berlin, D├╝sseldorf, M├╝nchen, Rom und Paris zeigen nicht den origin├Ąren Bauhaussch├╝ler, sondern einen jungen Intellektuellen, dem die Atmosph├Ąre des k├╝nstlerischen Aufbruchs und die Gegenwart der ersten Bauhausmeister entgegenkam.

1922 besuchte er Maria Cyrenius, seine ehemalige Kommilitonin bei Johannes Itten, in Salzburg, eine Stadt, die ihn auch Jahre sp├Ąter, vergleichbar mit Venedig, nicht mehr loslassen wird. Hier entstehen schon erste typische Veduten und Stadtlandschaften, deren weitere stilistische Verfeinerung in Richtung sp├Ąteren Peiffer Watenphul erst einmal durch die Reise nach Mexiko quasi unterbrochen wird. Sein Stil wird sich in dem mittelamerikanischen Land von der bildhaften Strenge der ÔÇ×Neuen Sachlichkeit" l├Âsen und sich zu einer emotional expressiven Malerei entwickeln. Vor allem seine Farbpalette wird sich in Mexiko deutlich ver├Ąndern; von Licht durchflutet  und malerisch bunt erz├Ąhlt Peiffer Watenpuhl von seinen Erlebnissen in dem s├╝damerikanischen Land. Seine Begabung, sich mit der illustrierten Malerei auch auf die Temperamente der L├Ąnder einzustellen, wird von nun an seine besondere St├Ąrke ausmachen.

So kehrt Peiffer Watenphul etwa bei den Werken, die in Hattingen entstehen werden, als er 1927 an die soeben gegr├╝ndete ÔÇ×Folkwangschule f├╝r Gestaltung" in Essen berufen wird, um dort bis 1931 ÔÇ×allgemeinen k├╝nstlerischen Entwurf" zu lehren, vom temperamentvollen Flair Mexikos ├╝ber die s├╝dlich mediterranen Landschaften um Dubrovnik mit Blick auf das Meer bei Ragusa in die damals triste und graue Industrielandschaft an Rhein und Ruhr zur├╝ck. Das Umfeld, eben auch W├Ąrme und K├Ąlte der von Kohle und Stahl gezeichneten Industrieregion nehmen deutlichen Einfluss auf seine Malerei, dr├╝ckt sich auch davon abh├Ąngig in den Motiven seiner Gem├Ąlde aus. Jede freie Zeit nutzt Peiffer Watenphul in s├╝dliche Gefilde zu reisen, an die jugoslawische Mittelmeerk├╝ste, an die franz├Âsische Riviera ÔÇô und immer wieder f├Ąhrt der K├╝nstler nach Italien, nach Ischia, Cefal├╣, Venedig und Rom.

1931 erh├Ąlt Peiffer Watenphul den begehrten Rom-Preis, damals die h├Âchste Auszeichnung f├╝r junge K├╝nstler - und dies obwohl Peiffer Watenphul bereits 35 Jahre alt und erfolgreich als Lehrer an der ÔÇ×Folkwangschule f├╝r Gestaltung" t├Ątig war.

Der Rom-Preis bedeutete ein Jahr Aufenthalt an der Deutschen Akademie in der Villa Massimo in Rom. ÔÇ×Habe also vier R├Ąume plus Atelier und Terrasse. Alles herrlich. Der Park ist eine h├Âchst vornehme, alte Anlage mit alten Plastiken, Zypressen etc. Alles sehr gro├čartig, zehn Leute sind hier. Alle sehr nett. ... Will morgen anfangen zu malen. ... Montag machten wir alle einen Ausflug in die Etruskerst├Ądte Norma und Cori, hoch im Gebirge. Auch herrlich. Ein Blick bis nach Neapel. Seit einer Woche ist das herrlichste strahlende Sommerwetter, das Du Dir denken kannst. Die Luft ist voller Vogelsang und alles gr├╝nt und die Blumen bl├╝hen. Vollkommen also. Dazu habe ich schon viele Leute kennengelernt. ... Die Freiheit ist so herrlich sch├Ân. Niemand sagt einem etwas. Ich genie├če aber auch jede Stunde, denn es wird nie wieder so werden. Hoffentlich komme ich nun mit der Arbeit hier weiter. Vorl├Ąufig nehme ich erst einmal auf und gebe mich so ganz aus."4

Dieser Romaufenthalt wurde schicksalhaft f├╝r den K├╝nstler, hier entscheidet sich in gewisser Weise seine Zukunft nicht nur auf dem Gebiet der Malerei sondern auch privat. Sein Malstil wird sich in Rom festigen, die Garten- und Stadtlandschaften, eine Kombination von Natur und Ruinen, wirken geheimnisvoll, eher surreal ├╝bersteigert, manieriert gepaart mit offensichtlichen Klassizismen, spielerisch verwandt mit de Chiricos ÔÇ×pittura metafisica", jenes erz├Ąhlerisches Zusammentreffen von r├Ątselhaften Dingen.

Seit 1933 lebt Max Peiffer Watenphul ÔÇô gepr├Ągt vom Ruhrgebiet, gepr├Ągt vom Bauhaus und von der Folkwangschule ÔÇô, mehr oder weniger in Italien, in Rom, Ischia und Positano, wo sich damals einige deutsche K├╝nstler wie Eduard Bargheer, Werner Gilles, Rudolf Levy, Karli Sohn-Rethel, Hans Purrmann, Karl R├Âssing, sowie Schriftsteller, Philosophen und andere Intellektuelle sich niedergelassen hatten. In Italien findet Max Peiffer Watenphul zu einem verfeinerten Stil. Die Ischia- und Cefal├╣-Landschaften Mitte der 30er Jahre und besonders die gleichzeitig entstehenden Blumenstilleben zeigen einen Lebensfreude spiegelnden K├╝nstler, der die Helligkeit des s├╝dlichen Lichts f├╝r seine leichte und luftige Malerei zu nutzen wei├č. Besonders deutlich sichtbar wird dies bei den Blumenstilleben der 30er Jahre; sie sind in ihrem Reichtum und unverwechselbaren Zusammenstellung etwas ganz au├čergew├Âhnliches. F├╝r ein Mohnblumenbild hatte Peiffer Watenphul 1932 den begehrten Preis der Carnegie Hall in Pittsburgh erhalten; mit dem selben Gem├Ąlde war der K├╝nstler bis 1937 im Kronprinzen-Palais der Nationalgalerie in Berlin vertreten. Die Nationalsozialisten mochten diese Poesie nicht leiden und lie├čen unter anderen des K├╝nstlers auch dieses Werk beschlagnahmen; es hing in der ber├╝hmt-ber├╝chtigten Ausstellung ÔÇ×Entartete Kunst" in M├╝nchen.

Trotz der schwierigen Lebensbedingungen f├╝r in Deutschland als ÔÇ×entartet" erkl├Ąrte K├╝nstler kehrt Peiffer Watenphul 1941 zur├╝ck, um in Krefeld an der Textilfachschule bis 1943 in der Nachfolge von Georg Muche zu unterrichten. Diese Textilfachschule war ÔÇô ├Ąhnlich wie die Farbenfabrik Herberts in Wuppertal ÔÇô eine offiziell bekannte Einrichtung, an der nicht ÔÇ×geliebte" K├╝nstler w├Ąhrend der Zeit der Nationalsozialisten einer geduldeten k├╝nstlerischen Besch├Ąftigung und Lehrt├Ątigkeit nachgehen konnten. Hierzu z├Ąhlten unter anderen Oskar Schlemmer, Johannes Itten, Max Burchartz, Georg Muche und auch Max Peiffer Watenphul. Nach 1943 wechselte Peiffer Watenphul an die Kunstgewerbeschule in Salzburg, wo er das Ende des Krieges unbeschadet erleben durfte.

Von Salzburg machte sich der K├╝nstler auf nach Venedig, wo seine j├╝ngere Halbschwester Grace lebte, seit Mitte der 30er Jahre verheiratet mit einem italienischen Architekten und Ingenieur. In der Stadt an der Lagune ÔÇô in der die klassische Vedute im fr├╝hen 18. Jahrhundert ihre Geburtsstunde feierte ÔÇô, wird auch Peiffer Watenpuhl zum Vedutenmaler in einer ganz besonders charaktervollen Art und Weise. Er l├Âst sich von dem, was wir beispielsweise von Guardi, Bellotto oder Canaletto kennen. Peiffer Watenphul geht es nicht mehr um eine getreue Wiedergabe der malerischen Pl├Ątze, der Schilderung des bunten Treibens auf den Kan├Ąlen und engen Gassen von Venedig, sondern er ist vielmehr an der Stimmung interessiert, die sich ├╝ber die Stadt, ├╝ber die Fassaden der wunderbaren Palastbauten an den Wasserstra├čen ausbreitet, einer Stimmung, die Vitalit├Ąt und Melancholie, die Wehmut und Freude, die Poesie und Geist einer seit Generationen auf unterschiedlichste Weise geliebte und verehrte Stadt widerspiegelt. Stimmungen der Tages- und Jahreszeiten werden von Peiffer Watenpuhl eingefangen und mit dem Charakteristikum dieser Stadt, in einer wohl einzigartigen und unverwechselbaren Weise vereint. ÔÇ×Seit Wochen male ich Bilder von Venedig, die nun anfangen ganz gut zu werden. Aber ich musste erst hineinkommen. Fr├╝her malte ich Landschaften, jetzt Architektur, Wasser und Menschen".5 ÔÇ×Es ist alles so unglaublich oft photographiert worden und auf Postkarten abgebildet worden, dass es einem wirklich davor graut, immer wieder die ├╝bliche Vedute von San Giorgio, der Piazza oder dem Rialto zu sehen. Ich habe mich ein ganzes Jahr bem├╝ht und immer wieder alles, was ich an einem Tag gemalt habe, abends zerst├Ârt, nur weil es mir einfach nicht gelingen wollte, all diese so unglaublich oft abgebildeten Dinge neu zu sehen und eine pers├Ânlich gef├Ąrbte Darstellung von ihnen zu geben."6 Die so gew├╝nschte ├ťberwindung der Postkartenansicht gelang Peiffer Watenpuhl zweifelsfrei mit seiner besonderen Maltechnik, den gew├Ąhlten Ausschnitten und der damit einhergehenden Aufl├Âsung des r├Ąumlichen Kontextes. Ungew├Âhnlich wird auch die Wahl der Formate seiner Leinw├Ąnde. Nicht mehr das klassische Hoch- oder Querformat, sondern der K├╝nstler w├Ąhlt das ├╝berstreckte Hochformate analog der schmalen Pal├Ąste und intendiert mit dem Format bereits die Besonderheit venezianischer Palastarchitektur. Peiffer Watenphul folgt, etwa an dem Gem├Ąlde ÔÇ×Venedig, Blick von der Piazzetta auf San Giorgio" zu beobachten, mit dem Format der Leinwand dem Motiv. Auch die Qualit├Ąt derselben wird sich in Venedig ver├Ąndern, das schon fr├╝her immer mal wieder verwendete gr├Âbere Sackleinen erh├Ąlt nun fortlaufend den Vorzug des K├╝nstlers. Auf ihr malt Peiffer Watenpuhl mit sehr verd├╝nnten Farben, fast in Aquarelltechnik. Seine Werke erscheinen eben nicht in ├╝blicher Ansichtskarten-Apotheose, sondern in einem eigenartigen, wie ich meine nur von Peiffer Watenphul gezeigten, impressionistischen Schwebezustand, in dem die Verfremdung von Sch├Ânheit und Spiritualit├Ąt geleitet ist.

1956 siedelt Peiffer Watenpuhl um nach Rom und wohnt in einer Seitengasse in der N├Ąhe der Spanischen Treppe mit Blick auf den Pincio. Sizilien, Ischia und andere Orte der Magna Graeca, wie Positano oder Paestum, sp├Ąter ab 1964 auch die griechische Insel Korfu bleiben seine Lieblingsziele f├╝r Landschaftsmotive, die nun in hell durchflutetem Licht in zarten Farben das wiedergeben, was der Italienkenner gemeinhin mit diesem Land verbindet: h├╝gelige Landschaft, Architektur mit den wei├č gekalkten W├Ąnden, Pinien- und Zypressenb├Ąume, S├Ąulen und Basen vergangener Hochkulturen, Blick auf ewig blaue Meere. Die Melancholie, die bisweilen wie ein Schleier ├╝ber seinen Venedigbildern liegt, scheint im S├╝den in Licht aufzugehen, gen├Ąhrt von gro├čer Empfindsamkeit f├╝r diese mit Pathos getr├Ąnkte Kulturlandschaft.

Peiffer Watenphul wusste nat├╝rlich um die Problematik der Wirklichkeit in seinen Bildern. Durch Verfremdung mit gestischen Kritzeleien, sei es in die nasse Farbe mit dem Pinselstil oder Radiergriffel entzog er seine Bilder der Kritik, etwas Kitschiges an sich zu haben. Mit diesem, die Oberfl├Ąche der Malerei zerst├Ârenden Akt verleiht Peiffer Watenphul seinen Bildern jene Atmosph├Ąre, jenen virtuosen Charakter, der f├╝r seine Arbeiten zur besonderen, unverwechselbaren Kennung wird. Der K├╝nstler versucht gegen die Sch├Ânheit seiner Motive anzugehen, er will sie im wahrsten Sinn verletzen und gewinnt gerade darin eine ├ästhetik, in der die ganze Sensibilit├Ąt des K├╝nstlers und der Sch├Ângeist Peiffer Watenphul innewohnt. In der immer wieder anzutreffenden k├╝nstlerischen Wahrheit und emotionalen Offenheit zugleich liegt auch ein Geheimnis f├╝r die Wirkung seiner Arbeit

Mario-Andreas von L├╝ttichau


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1 Zit. nach Alfred Salmony, Max Peiffer Watenphul, in ÔÇ×Das Kunstblatt", 5. Jg., 1921, S. 272.

2 Gertrud Grunow (1870 - 1944) war Musikp├Ądagogin und als Meisterin f├╝r Formenlehre am Bauhaus; vgl. Cornelius Steckner, in: Ausst.-Kat. Das fr├╝he Bauhaus und Johannes Itten, Weimar (Kunstsammlungen zu Weimar, Bauhaus-Museum)1994, S. 200 ff.

3 Zit. nach Bert Bilzer, Peiffer Watenphul, G├Âttingen 1974, S. 8 und 9.

4 Brief an Maria Cyrenius, Herbst 1931, zit. nach Grace Watenphul Pasqualucci und Alessandra Pasqualucci, Max Peiffer Watenphul, Werkverzeichnis, Band 1, K├Âln 1989, S. 28f.

5 Brief an Maria Cyrenius vom 15. Mai 1947, zit. nach Pasqualucci, wie Anm. 4, S. 48.

6 Zit. nach Max Peiffer Watenpuhl, Ein neues Venedig, zit. nach Pasqualucci, wie Anm. 4, S. 57.

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