Vom Geist und der Poesie in den Bildern von Max Peiffer Watenphul

(Text zur Ausstellung A76 vom 6.9. bis 29.11.2008)

Der Maler Max Peiffer Watenphul gehört sicher zu den extravaganten Künstlern des vergangenen Jahrhunderts. Den Geist in den Dingen der frühen Landschaften und Stilleben beschrieb schon Alfred Salmony 1921 mit jenem „Sonderdasein, spielerisch und doch symbolhaft verknüpft, irgendwie längst vertraut und doch neu"1. Anverwandte Stile lassen sich in seinen Bildern feststellen, man kann das Werk ordnen, man kann es sicher stilistisch benennen oder zumindest näher beschreiben, aber – unabhängig von einer stilistischen Präzisierung – lassen die Motive keinen Zweifel über die zutiefst menschliche Intention, die Max Peiffer Watenphul über die vielen Jahre seines Schaffens hinweg verfolgte: eine seltene Gemeinsamkeit von Geist und Poesie. Peiffer Watenphul entwickelte in seiner Malerei gewisse Chiffren, vergleichbar mit Erkennungsmelodien, die seine Werke so unverwechselbar machen: nämlich eine gewisse edle Dekadenz die eben zuweilen durch einen Grad von Manieriertheit bestärkt wird. Sein Werk spiegelt eine künstlerische Individualität und die Unabhängigkeit von intellektuellen Zwängen.

Dies hat natürlich etwas mit dem Umfeld der Person Max Peiffer Watenpuhl und seiner gutbürgerlichen Herkunft zu tun, in die der Künstler am 1. September 1896 in Weferlingen bei Helmstedt hinein geboren wurde. Sein Vater war Apotheker, seine Mutter stammte aus einer Hugenottenfamilie. 1903 verstarb sein Vater und die Mutter heiratete ein zweites Mal den Gymnasiallehrer Dr. phil. Heinrich Watenphul, der zum Schuldirektor befördert nach Hattingen versetzt wurde; so entstand der Doppelname Peiffer Watenphul. Der junge Max Peiffer Watenphul wuchs in humanistisch gebildetem Umfeld auf und es lag deshalb nahe, dass er sich einem klassischen Studium zuwenden sollte. Auf Wunsch seiner Eltern, begann er 1914 Medizin zu studieren, wechselte als bald zur juristischen Fakultät und studierte bis 1918 in Straßburg, München, Bonn, Würzburg und schließlich in Frankfurt am Main. 1918 wurde er mit einer Dissertation über Kirchenrecht promoviert. Doch - so wird berichtet - hat er besonders in München mehr Zeit in den Sammlungen der Pinakotheken verbracht, die dort ausgestellte Kunst studiert und sich mit Künstlern angefreundet. Unter anderem hat er auch die Bekanntschaft mit Paul Klee gemacht, dessen Urteil über die zeichnerische Begabung des angehenden Juristen, den Wunsch zur bildenden Kunst zu wechseln, wohl verstärkte. (Siehe die Auswahl früher Aquarelle in diesem Katalog, die während des Studiums entstanden) Nachdem Klee nicht dem Wunsch Peiffer Watenpuhls entsprechen wollte, ihn zu unterrichten – „er sei doch kein Lehrer" – empfahl dessen Frau, Lily Klee, Max Peiffer Watenphul noch 1919 nach Weimar, wo im Oktober des Jahres das Bauhaus unter Walter Gropius seine Pforten geöffnet hatte. Gropius suchte das Bauhaus zu einer zukunftsorientierten Schmiede für Gestaltung zu entwickeln und damit eine tragende Verbindung zwischen Kunst und Industrie zu etablieren: Funktionalität, Design auch in den freien Künsten waren die Schlagworte. Der Universalismus, den schon die Gruppe „De Stijl" seit ihrer Gründung 1917 propagierte, sollte Einfluss auf alle künstlerischen wie gesellschaftlichen Bereiche nehmen. Peiffer Watenphul, von dieser Idee fasziniert, geht nach Weimar und wird Schüler von Johannes Itten, von Walter Gropius aus Wien an das Bauhaus berufen. Auch seinen ‚Wunschlehrer’, Paul Klee, wird Peiffer Watenphul im Januar 1921 als zukünftigen Meister in Weimar wieder treffen.

Zu verschiedenen Gelegenheiten, nicht nur in den Briefen an Maria Cyrenius, einer nach Salzburg gewechselten Mitschülerin bei Itten, hat sich Max Peiffer Watenphul  über sein abwechslungsreiches Dasein in Weimar geäußert und damit auch teilweise merkwürdig anmutende Einblicke in seine Zeit am Bauhaus überliefert wie beispielsweise folgender Bericht: „Jene um die Meister gescharten Schülergruppen des Bauhauses waren nach Alter, Herkunft und Begabung sehr verschieden zusammengesetzt. Am gegensätzlichsten war der Kreis um den immer noch jugendbewegten Itten, der hauptsächlich aus jungen Wiener Intellektuellen, sonstigen Schwarmgeistern und Juden bestand. Es gab oft erhitzte Auseinandersetzungen, weil alle gegen die überkommenen Begriffe rebellierten und ständig Neues suchten. Man war arm, nährte sich von dürftiger Kost und fror in den ungeheizten Ateliers. Aber mit großem Elan versuchte man, mit den Querelen und Freuden des Lebens fertig zu werden und darauf eine beinahe religiös zu nennende Weltanschauung  zu formen. Wir kleideten uns in billige Fetzen, die wir malerisch drapierten. Manche von uns bemalten sich Tag für Tag die Schuhe mit einer anderen Farbe oder trugen Russenkittel, die mit großen, an Halsketten hängenden Brustkreuzen geschmückt waren. Die vielen Feste, bei denen zur Musik der Bauhauskapelle barfuß getanzt wurde, hatten oft einen geradezu kultischen Einschlag." „Der Unterricht war nicht fest umrissen, sondern sehr beweglich", so Max Peiffer Watenphul an anderer Stelle. „Es wurde experimentiert und die Umwelt in den Unterricht einbezogen. Beispielsweise kochte man nach Mazdaznan – ein Lebensführungssystem [von Johannes Itten propagiert], das die Weisheit Zarathustras erneuern will und in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg viele Anhänger hatte –, trieb Gymnastik, um vor dem Aktzeichnen beweglich zu sein und hörte die Lehre von Gertrud Grunow2 zur Stärkung der produktiven Kräfte des Menschen. Wanderprediger traten auf, wurden verhöhnt oder schlugen einige in ihren Bann, die dann mitwanderten oder ins Kloster gingen. Im Sommer fanden stimmungsvolle Laternenfeste statt, und bei Mondschein badeten wir nackt in der Ilm. Das waren romantisch-harmlose Vergnügen, die aber von den Bürgern Weimars als tollste Ausschweifungen der schon sattsam bekannten und berüchtigten Bauhäusler angesehen wurden. ... Anregend, kurzweilig und mitunter aufregend fanden wir die Abendveranstaltungen – Vorträge, Aussprachen oder Konzerte –, zu denen Dichter, Philosophen und Künstler von Rang und Ruf aus Deutschland, Österreich und der Schweiz kamen. Ich erinnere mich noch genau an die Lesung der Else Lasker-Schüler. Die Wiener Gruppe [gemeint sind die Schüler von Johannes Itten, die er nach Weimar mitgebracht hatte] hatte den Saal mit Gebetsteppichen und jüdischen Leuchtern geschmückt. Die kleine Dichterin mit dem zigeunerhaften Gesicht trat höchst würdevoll auf und sprach ihre Gedichte, die uns tief erschütterten. Auch ihr Freund Theodor Däubler las aus seinen gedankenschweren, von visionären Geschichten erfüllten Dichtungen vor. Franz Werfel kam, gefolgt von seiner Gattin Alma Mahler, der Witwe des Komponisten, die uns interessierte, war sie doch von Kokoschka gemalt und sehr berühmt. Die Tage in Weimar waren jedenfalls immer bunt, bewegt und nie langweilig."3

Unter den wenigen für die Weimarer Zeit gesicherten Gemälden Peiffer Watenphuls sind die Stilleben im Atelier und der Blick in das Atelier und aus dem Fenster dominierend und auffallend. Das Fenster wird allem Anschein nach zum Fluchtpunkt einer nicht näher zu beschreibenden Sehnsucht, sich in einer Landschaft zu verlieren oder geistig über den Meeren zu wandeln, etwa mit dem festgehaltenen „Blick auf das Tyrrhenische Meer". Ein Verlangen scheint den Künstler zu ergreifen, aus der Enge seines Ateliers auszubrechen aber zugleich auch den Ort, an dem er vor der Staffelei sitzt, mit einzubeziehen. Ein flüchtiger Augenblick verdichtet sich zu einem kleinen, zarten Gemälde - und als wäre dies noch nicht ausreichend, kopiert der Künstler die Szenerie des Augenblicks nochmals als Bild im Bild zu einem Stilleben. Bisweilen auch unbenommen von der Realität, so scheint es, an ihr offensichtlich völlig desinteressiert, malt der Künstler seine Vorstellung von Gesehenem. Es sind nur wenige Details, dann auch allenfalls nur Zitate einer Wirklichkeit, die mit wenigen Linien nachgezogen auf der Leinwand erscheinen, etwa ein Tisch mit Blumenvase, aufgezogene und geraffte Spitzengardinen oder der Blick aus dem dunklen Diesseits in eine von Licht durchflutete Landschaft. Und zahlreiche Damenporträts oder Porträtstudien mit auffallenden Hüten, einer Modistinnen Kollektion entliehen, haben sich aus dem Anfang der 20er Jahre in bunten Aquarellfarben über zartem Bleistift erhalten.

Künstlerisch ließe sich Max Peiffer Watenphul am ehesten von Henri Rousseau ableiten, in dessen Werk eine neue „Innigkeit und Weltliebe" ihre Erfüllung noch im 19. Jahrhundert gefunden hat. In der Einfachheit seines Kleinbürgertums konnte Rousseau in genialer Weise romantische Sehnsucht mit märchenhaft Geheimnisvollem zu besonderen und großen  Kunstwerken vereinen, von deren späterer Bedeutung und Wertschätzung er kaum dunkle Ahnung hatte. Max Peiffer Watenphul darf wohl kaum jene naive Unberührtheit und Unbeschwertheit eines Rousseau für sich in Anspruch nehmen, seine Bilder entstanden in bewusstem Gestalten, absichtsvoll, wenngleich ein zartes und behütetes Lebensgefühl bewahrend.

Die Bilder des jungen, literarisch wie kunsthistorisch gebildeten Bauhäuslers Peiffer Watenpuhl jedoch als nur naiv zu sehen, würde die raffiniert inszenierte Malerei verkennen, da sie sich im übertragenen Sinn weniger an eine vorgeschobene, durchaus glaubhafte Realität hält, sondern vielmehr davon geleitet ist, das Gesehene aus einer intensiven Erinnerung wiederzugeben, eine Mischung aus nobilitierter und trivialer Bilderwelt darzustellen, ganz gleichgültig ob in den Frauenporträts mit den exaltierten Hüten, den viel geliebten Blicken aus dem Atelierfenster in Weimar oder einem der verwunschenen, poetisch arrangierten Stilleben.

Max Peiffer Watenphuls Zeit am Bauhaus in Weimar kann eigentlich nur als ‘inoffizieller Studienaufenthalt’ bezeichnet werden, wenngleich er den Vorkurs von Johannes Itten erfolgreich abschloss, in verschiedenen Werkstätten hospitierte, unter anderem in der Töpferei und Weberei, und sich zudem dort intensiv für das Medium der Photographie zu interessieren begann. Die Bauhausleitung gewährte dem promovierten Juristen unter den vielen jungen Schülern am Institut Sonderstatus. Peiffer Watenphul hatte die Möglichkeit, an allen Veranstaltungen teilzunehmen und darüber hinaus das Privileg, ein eigenes Atelier bewohnen zu können. Nur so ist dieses von den Lehren des Bauhauses eher unberührte Frühwerk zu verstehen, dessen Besonderheit schon der umtriebige Kunsthändler Alfred Flechtheim sehr wohl erkannte und der deshalb den Künstler schon früh vertraglich an seine Galerie zu binden suchte. Auch die gesellschaftlichen Beziehungen zu damals bekannten Sammlern, Dichtern, Schöngeistern und Lebenskünstlern zwischen Berlin, Düsseldorf, München, Rom und Paris zeigen nicht den originären Bauhausschüler, sondern einen jungen Intellektuellen, dem die Atmosphäre des künstlerischen Aufbruchs und die Gegenwart der ersten Bauhausmeister entgegenkam.

1922 besuchte er Maria Cyrenius, seine ehemalige Kommilitonin bei Johannes Itten, in Salzburg, eine Stadt, die ihn auch Jahre später, vergleichbar mit Venedig, nicht mehr loslassen wird. Hier entstehen schon erste typische Veduten und Stadtlandschaften, deren weitere stilistische Verfeinerung in Richtung späteren Peiffer Watenphul erst einmal durch die Reise nach Mexiko quasi unterbrochen wird. Sein Stil wird sich in dem mittelamerikanischen Land von der bildhaften Strenge der „Neuen Sachlichkeit" lösen und sich zu einer emotional expressiven Malerei entwickeln. Vor allem seine Farbpalette wird sich in Mexiko deutlich verändern; von Licht durchflutet  und malerisch bunt erzählt Peiffer Watenpuhl von seinen Erlebnissen in dem südamerikanischen Land. Seine Begabung, sich mit der illustrierten Malerei auch auf die Temperamente der Länder einzustellen, wird von nun an seine besondere Stärke ausmachen.

So kehrt Peiffer Watenphul etwa bei den Werken, die in Hattingen entstehen werden, als er 1927 an die soeben gegründete „Folkwangschule für Gestaltung" in Essen berufen wird, um dort bis 1931 „allgemeinen künstlerischen Entwurf" zu lehren, vom temperamentvollen Flair Mexikos über die südlich mediterranen Landschaften um Dubrovnik mit Blick auf das Meer bei Ragusa in die damals triste und graue Industrielandschaft an Rhein und Ruhr zurück. Das Umfeld, eben auch Wärme und Kälte der von Kohle und Stahl gezeichneten Industrieregion nehmen deutlichen Einfluss auf seine Malerei, drückt sich auch davon abhängig in den Motiven seiner Gemälde aus. Jede freie Zeit nutzt Peiffer Watenphul in südliche Gefilde zu reisen, an die jugoslawische Mittelmeerküste, an die französische Riviera – und immer wieder fährt der Künstler nach Italien, nach Ischia, Cefalù, Venedig und Rom.

1931 erhält Peiffer Watenphul den begehrten Rom-Preis, damals die höchste Auszeichnung für junge Künstler - und dies obwohl Peiffer Watenphul bereits 35 Jahre alt und erfolgreich als Lehrer an der „Folkwangschule für Gestaltung" tätig war.

Der Rom-Preis bedeutete ein Jahr Aufenthalt an der Deutschen Akademie in der Villa Massimo in Rom. „Habe also vier Räume plus Atelier und Terrasse. Alles herrlich. Der Park ist eine höchst vornehme, alte Anlage mit alten Plastiken, Zypressen etc. Alles sehr großartig, zehn Leute sind hier. Alle sehr nett. ... Will morgen anfangen zu malen. ... Montag machten wir alle einen Ausflug in die Etruskerstädte Norma und Cori, hoch im Gebirge. Auch herrlich. Ein Blick bis nach Neapel. Seit einer Woche ist das herrlichste strahlende Sommerwetter, das Du Dir denken kannst. Die Luft ist voller Vogelsang und alles grünt und die Blumen blühen. Vollkommen also. Dazu habe ich schon viele Leute kennengelernt. ... Die Freiheit ist so herrlich schön. Niemand sagt einem etwas. Ich genieße aber auch jede Stunde, denn es wird nie wieder so werden. Hoffentlich komme ich nun mit der Arbeit hier weiter. Vorläufig nehme ich erst einmal auf und gebe mich so ganz aus."4

Dieser Romaufenthalt wurde schicksalhaft für den Künstler, hier entscheidet sich in gewisser Weise seine Zukunft nicht nur auf dem Gebiet der Malerei sondern auch privat. Sein Malstil wird sich in Rom festigen, die Garten- und Stadtlandschaften, eine Kombination von Natur und Ruinen, wirken geheimnisvoll, eher surreal übersteigert, manieriert gepaart mit offensichtlichen Klassizismen, spielerisch verwandt mit de Chiricos „pittura metafisica", jenes erzählerisches Zusammentreffen von rätselhaften Dingen.

Seit 1933 lebt Max Peiffer Watenphul – geprägt vom Ruhrgebiet, geprägt vom Bauhaus und von der Folkwangschule –, mehr oder weniger in Italien, in Rom, Ischia und Positano, wo sich damals einige deutsche Künstler wie Eduard Bargheer, Werner Gilles, Rudolf Levy, Karli Sohn-Rethel, Hans Purrmann, Karl Rössing, sowie Schriftsteller, Philosophen und andere Intellektuelle sich niedergelassen hatten. In Italien findet Max Peiffer Watenphul zu einem verfeinerten Stil. Die Ischia- und Cefalù-Landschaften Mitte der 30er Jahre und besonders die gleichzeitig entstehenden Blumenstilleben zeigen einen Lebensfreude spiegelnden Künstler, der die Helligkeit des südlichen Lichts für seine leichte und luftige Malerei zu nutzen weiß. Besonders deutlich sichtbar wird dies bei den Blumenstilleben der 30er Jahre; sie sind in ihrem Reichtum und unverwechselbaren Zusammenstellung etwas ganz außergewöhnliches. Für ein Mohnblumenbild hatte Peiffer Watenphul 1932 den begehrten Preis der Carnegie Hall in Pittsburgh erhalten; mit dem selben Gemälde war der Künstler bis 1937 im Kronprinzen-Palais der Nationalgalerie in Berlin vertreten. Die Nationalsozialisten mochten diese Poesie nicht leiden und ließen unter anderen des Künstlers auch dieses Werk beschlagnahmen; es hing in der berühmt-berüchtigten Ausstellung „Entartete Kunst" in München.

Trotz der schwierigen Lebensbedingungen für in Deutschland als „entartet" erklärte Künstler kehrt Peiffer Watenphul 1941 zurück, um in Krefeld an der Textilfachschule bis 1943 in der Nachfolge von Georg Muche zu unterrichten. Diese Textilfachschule war – ähnlich wie die Farbenfabrik Herberts in Wuppertal – eine offiziell bekannte Einrichtung, an der nicht „geliebte" Künstler während der Zeit der Nationalsozialisten einer geduldeten künstlerischen Beschäftigung und Lehrtätigkeit nachgehen konnten. Hierzu zählten unter anderen Oskar Schlemmer, Johannes Itten, Max Burchartz, Georg Muche und auch Max Peiffer Watenphul. Nach 1943 wechselte Peiffer Watenphul an die Kunstgewerbeschule in Salzburg, wo er das Ende des Krieges unbeschadet erleben durfte.

Von Salzburg machte sich der Künstler auf nach Venedig, wo seine jüngere Halbschwester Grace lebte, seit Mitte der 30er Jahre verheiratet mit einem italienischen Architekten und Ingenieur. In der Stadt an der Lagune – in der die klassische Vedute im frühen 18. Jahrhundert ihre Geburtsstunde feierte –, wird auch Peiffer Watenpuhl zum Vedutenmaler in einer ganz besonders charaktervollen Art und Weise. Er löst sich von dem, was wir beispielsweise von Guardi, Bellotto oder Canaletto kennen. Peiffer Watenphul geht es nicht mehr um eine getreue Wiedergabe der malerischen Plätze, der Schilderung des bunten Treibens auf den Kanälen und engen Gassen von Venedig, sondern er ist vielmehr an der Stimmung interessiert, die sich über die Stadt, über die Fassaden der wunderbaren Palastbauten an den Wasserstraßen ausbreitet, einer Stimmung, die Vitalität und Melancholie, die Wehmut und Freude, die Poesie und Geist einer seit Generationen auf unterschiedlichste Weise geliebte und verehrte Stadt widerspiegelt. Stimmungen der Tages- und Jahreszeiten werden von Peiffer Watenpuhl eingefangen und mit dem Charakteristikum dieser Stadt, in einer wohl einzigartigen und unverwechselbaren Weise vereint. „Seit Wochen male ich Bilder von Venedig, die nun anfangen ganz gut zu werden. Aber ich musste erst hineinkommen. Früher malte ich Landschaften, jetzt Architektur, Wasser und Menschen".5 „Es ist alles so unglaublich oft photographiert worden und auf Postkarten abgebildet worden, dass es einem wirklich davor graut, immer wieder die übliche Vedute von San Giorgio, der Piazza oder dem Rialto zu sehen. Ich habe mich ein ganzes Jahr bemüht und immer wieder alles, was ich an einem Tag gemalt habe, abends zerstört, nur weil es mir einfach nicht gelingen wollte, all diese so unglaublich oft abgebildeten Dinge neu zu sehen und eine persönlich gefärbte Darstellung von ihnen zu geben."6 Die so gewünschte Überwindung der Postkartenansicht gelang Peiffer Watenpuhl zweifelsfrei mit seiner besonderen Maltechnik, den gewählten Ausschnitten und der damit einhergehenden Auflösung des räumlichen Kontextes. Ungewöhnlich wird auch die Wahl der Formate seiner Leinwände. Nicht mehr das klassische Hoch- oder Querformat, sondern der Künstler wählt das überstreckte Hochformate analog der schmalen Paläste und intendiert mit dem Format bereits die Besonderheit venezianischer Palastarchitektur. Peiffer Watenphul folgt, etwa an dem Gemälde „Venedig, Blick von der Piazzetta auf San Giorgio" zu beobachten, mit dem Format der Leinwand dem Motiv. Auch die Qualität derselben wird sich in Venedig verändern, das schon früher immer mal wieder verwendete gröbere Sackleinen erhält nun fortlaufend den Vorzug des Künstlers. Auf ihr malt Peiffer Watenpuhl mit sehr verdünnten Farben, fast in Aquarelltechnik. Seine Werke erscheinen eben nicht in üblicher Ansichtskarten-Apotheose, sondern in einem eigenartigen, wie ich meine nur von Peiffer Watenphul gezeigten, impressionistischen Schwebezustand, in dem die Verfremdung von Schönheit und Spiritualität geleitet ist.

1956 siedelt Peiffer Watenpuhl um nach Rom und wohnt in einer Seitengasse in der Nähe der Spanischen Treppe mit Blick auf den Pincio. Sizilien, Ischia und andere Orte der Magna Graeca, wie Positano oder Paestum, später ab 1964 auch die griechische Insel Korfu bleiben seine Lieblingsziele für Landschaftsmotive, die nun in hell durchflutetem Licht in zarten Farben das wiedergeben, was der Italienkenner gemeinhin mit diesem Land verbindet: hügelige Landschaft, Architektur mit den weiß gekalkten Wänden, Pinien- und Zypressenbäume, Säulen und Basen vergangener Hochkulturen, Blick auf ewig blaue Meere. Die Melancholie, die bisweilen wie ein Schleier über seinen Venedigbildern liegt, scheint im Süden in Licht aufzugehen, genährt von großer Empfindsamkeit für diese mit Pathos getränkte Kulturlandschaft.

Peiffer Watenphul wusste natürlich um die Problematik der Wirklichkeit in seinen Bildern. Durch Verfremdung mit gestischen Kritzeleien, sei es in die nasse Farbe mit dem Pinselstil oder Radiergriffel entzog er seine Bilder der Kritik, etwas Kitschiges an sich zu haben. Mit diesem, die Oberfläche der Malerei zerstörenden Akt verleiht Peiffer Watenphul seinen Bildern jene Atmosphäre, jenen virtuosen Charakter, der für seine Arbeiten zur besonderen, unverwechselbaren Kennung wird. Der Künstler versucht gegen die Schönheit seiner Motive anzugehen, er will sie im wahrsten Sinn verletzen und gewinnt gerade darin eine Ästhetik, in der die ganze Sensibilität des Künstlers und der Schöngeist Peiffer Watenphul innewohnt. In der immer wieder anzutreffenden künstlerischen Wahrheit und emotionalen Offenheit zugleich liegt auch ein Geheimnis für die Wirkung seiner Arbeit

Mario-Andreas von Lüttichau


__________

1 Zit. nach Alfred Salmony, Max Peiffer Watenphul, in „Das Kunstblatt", 5. Jg., 1921, S. 272.

2 Gertrud Grunow (1870 - 1944) war Musikpädagogin und als Meisterin für Formenlehre am Bauhaus; vgl. Cornelius Steckner, in: Ausst.-Kat. Das frühe Bauhaus und Johannes Itten, Weimar (Kunstsammlungen zu Weimar, Bauhaus-Museum)1994, S. 200 ff.

3 Zit. nach Bert Bilzer, Peiffer Watenphul, Göttingen 1974, S. 8 und 9.

4 Brief an Maria Cyrenius, Herbst 1931, zit. nach Grace Watenphul Pasqualucci und Alessandra Pasqualucci, Max Peiffer Watenphul, Werkverzeichnis, Band 1, Köln 1989, S. 28f.

5 Brief an Maria Cyrenius vom 15. Mai 1947, zit. nach Pasqualucci, wie Anm. 4, S. 48.

6 Zit. nach Max Peiffer Watenpuhl, Ein neues Venedig, zit. nach Pasqualucci, wie Anm. 4, S. 57.

Galerie Henze & Ketterer
Kirchstrasse 26, CH 3114 Wichtrach
Tel. +41 (0)31 781 06 01
Galerie Henze & Ketterer & Triebold
Wettsteinstrasse 4, CH 4125 Riehen
Tel. +41 (0)61 641 77 77