Pizzi Cannella: Regine, 2007

(Text zur Ausstellung)

Der römische Maler Piero Pizzi Cannella hat sich von einer frühen naturalistischen Darstellung recht bald abgewendet, ist jedoch nie zur völligen Gegenstandslosigkeit übergegangen. Wenn zu Beginn der 80er Jahre die räumlichen Bezüge noch in Erscheinung traten als Schrank, Kommode oder Schmuckschatulle, so verzichtete er später darauf und liess seine bevorzugten Motive in einer Art Schwebezustand erscheinen. Mehr und mehr entledigte sich Pizzi Cannella des Überflüssigen und widmete sich dem Wesentlichen. Was ist aber dieses Wesentliche in den Werken Pizzi Cannellas?

Die „Regine" zeigen es beispielhaft. Es handelt sich um 34 Arbeiten auf Papier, die eine Variation auf ein Thema, eine in sich geschlossene Werkgruppe bilden. Wiederum erleben wir die sonst auch im Werk feststellbare Verselbständigung von Details bis zur Bilddominanz, hier: das Kleid, das Collier, die Kette mit Anhänger oder die Perlenkette. Ebenso charakteristisch ist der Umgang mit dem Material, die Experimentierfreudigkeit sowie die Erzeugung von Bildtiefe durch Schichtungen.

Nebst Vasen, Eidechsen, Fächern, trockenen Blumen und Kacheln gehören das Kleid und Schmuckstücke zu den beliebtesten Darstellungsgegenständen, die seit Jahrzehnten Pizzi Cannellas Werke beleben. Wenn ein schwarzes, langes Kleid mit V-Ausschnitt 1983 in Bella Coppia noch von einer verträumt blickenden jungen Dame getragen wird, so erscheint dieses bereits im darauffolgenden Jahr an einem Bügel aufgehängt erst in einem Schrank, dann schwebend. Seitdem ist das Kleid immer wieder allein oder kombiniert mit anderen Motiven in Erscheinung getreten, wobei immer frei schwebend. Auf jegliche Form der Halterung, wie es der Kleiderbügel noch sein konnte, wurde verzichtet. Dies hatte auch eine Änderung in der Ausführung zur Folge: Die Kleider verloren ihr Rückenteil, sodass nur noch die Vorderseite mit dem Ausschnitt zur Darstellung kam.

Die Kleider in „Regine" sind aus schwarzem, weissem, beige bis goldenem Stoff, ärmellos mit rundem, tiefem Ausschnitt. Meistens oben eng anliegend und unten breit wallend erinnern sie an Kleidungsstücke vergangener Zeiten. Ergänzt oder begleitet werden diese Kleider von schlichten bis sehr aufwendigen Schmuckstücken. 1985 werden Le perle noch in Schmuckschatullen aufbewahrt dargestellt, danach emanzipieren sich diese und treten verselbständigt wiederholt im Werk Pizzi Cannellas auf. Den Gesetzen der Schwerkraft trotzend dienen diese Ketten als Accessoir der Kleider, können aber auch autonomes Sujet bilden.

Realisiert sind diese „Regine" Pizzi Cannellas als Arbeiten auf Papier, die seine besonders ausgeprägte Experimentierfreudigkeit bezüglich Material und Technik zeigen. Ebenso wie in seinen Gemälden kann in diesen sein Arbeiten in Schichten beobachtet werden. Die Beschaffenheit des Bildträgers, eines besonders schweren Papiers mit starker Struktur, wirkt sich entscheidend auf den Farbauftrag aus, sodass die Konturen zerfasern. Selbst bei flächigem Farbauftrag ergeben sich freie Stellen. Der Bildhintergrund ist oft fast vollständig übermalt, in einigen Fällen stark schattiert. Darin sind Formen zu erkennen, Formen, die aus dem Verborgenen hervorscheinen. Collagierte Stoffragmente, die den Bildrand überragen, können als weitere Ebene hinzukommen. Darüber legen sich die „Regine" – Königinnen -, die sich durch starke Farbkontraste vom Hintergrund abheben. Die nach unten hin sich verflüchtigenden Formen dieser Kleider erwecken den Eindruck, dass es sich bei diesen um Erscheinungen handelt.

Pizzi Cannella wendet hier auf Papier dasselbe Verfahren an wie in seinen Gemälden, die nicht nur wegen ihrer Grösse, sondern eben auch wegen ihrer Technik in übereinandergelagerten Malschichten, an antike Wandmalereien erinnern, an Fresken, die wiederholt in sich wandelnden Stilen übermalt wurden und nun durch die Übermalungen hindurch, wie durch einen Schleier, ihre Präsenz preisgeben. Eben dieses Schicht-Verfahren erzeugt wiederum Räumlichkeit in diesen Werken, Räumliche Präsenz, die Pizzi Cannella zuvor seinen Motiven genommen hatte. Die auf eine Fläche reduzierten Symbol- Gegenstände tauchen schemenhaft aus dem Hintergrund auf, treten wie Visionen aus dem Bildhintergrund hervor und verschwinden wieder in diesem.

Pizzi Cannella verzichtet auf die Darstellung des weiblichen Körpers und konzentriert sich auf die Bekleidung und den Schmuck, auf das fĂĽr ihn Wesentliche. Ganz im Gegensatz zu  „Des Kaisers neue Kleider" sind diese einer Königin wĂĽrdigen Kleider gut sichtbar, ja in ihrer Präsenz derartig dominant, dass die Trägerin nicht mehr in Erscheinung tritt.

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