Wichtrach/Bern


STILLEBEN
vom Expressionismus bis in die Gegenwart

bis 23. August 2014

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  • Heckel-1944-2A-Wilder-Schneeball

    Erich Heckel
    Wilder Schneeball.
    Aquarell über Kreide 1944.
    Signiert, datiert und betitelt. 61,5 x 48 cm.
    Obj. Id. 67922

  • Schmidt-Rottluff-1949-1G-G-S-304-Stilleben-mit-Holzplastik

    Karl Schmidt-Rottluff
    Stilleben mit Holzplastik.
    Öl auf Leinwand 1949.
    Grohmann S.304. Signiert. 80 x 80 cm.
    Obj. Id. 67905

  • Kirchner-1925-2A-Blumenstrauss-mit-Plastik-vor-Fenster

    Ernst Ludwig Kirchner
    Blumenstrauss mit Plastik vor Fenster.
    Aquarell 1925.
    44x 32 cm. Rückseitig mit Nachlass-Stempel.
    Obj. Id. 75233

  • Rohlfs-1920-2A-Vase-mit-Blueten

    Christian Rohlfs
    Vase mit Blüten.
    Wassertempera 1920/1927.
    Monogrammiert und datiert. 66,5 x 49,7 cm.
    Obj.Id. 67897

  • Brodwolf 1970 8 PL Die Schuessel web

    Jürgen Brodwolf
    Die Schüssel (Figurine).
    Figuren in verglastem Holzkasten 1970.
    Signiert. 62 x 53 x 12,5 cm.
    Obj.Id.  78760

  • Peiffer-Watenphul-1930-1G-P0132-Stilleben-mit-Krug

    Max Peiffer Watenphul
    Stilleben mit Holzkrug.
    Öl auf Leinwand 1930.
    Pasq. G0132, monogrammiert, 60 x 77 cm.
    Obj. Id. 66087

     

     

 

STILLEBEN
vom Expressionismus bis zur Gegenwart

 

Das Stilleben, neben den Aufgaben Akt, Porträt, Historienbild, Landschaft, Genre, eine der wesentlichen und klassischen Gattungen der Kunst in der Malerei scheint in der Gegenwart kaum noch geübt zu werden. Jedoch nur scheinbar, denn das Stilleben hat in der jüngeren Vergangenheit und in der Gegenwart eine geradezu exponentielle Vermehrung in der Kunst erfahren, beherrscht diese geradezu und dürfte zudem ein wesentlicher Faktor in einem Erklärungsmodell der Kunst der Gegenwart sein.

Das schon in der Antike geübte und sich seit 1400 in der europäischen Malerei zu Eigenständigkeit entwickelnde Stilleben stellte bewegungslose (still) oder tote (natura morta) Gegenstände dar, die in dieser Zusammenstellung der Maler entweder vorgefunden oder arrangiert hatte. Das Stilleben fixiert die Gegenstände und ihre Zusammenstellung in Malerei oder Plastik für die Ewigkeit. Heute werden vorgefundene Situationen im Fallenbild z. B. von Daniel Spoerri oder Assemblagen z. B. von Thomas Hirschhorn als originale Gegenstände fixiert, Bilder – nicht Abbilder.

Die umfangreiche Literatur zum Stilleben verweist einhellig auf die Vorformen in der Malerei der Spätantike und im Mittelalter, auf das Entstehen des Stillebens unserer Vorstellung im 15. Jh. in den Niederlanden und in Italien und seine Blüte in Europa in den nachfolgenden Jahrhunderten. Zusammenstellungen von unbelebten Gegenständen und ihre Darstellung mit künstlerischen Mitteln gab es jedoch schon sehr viel früher und auch hier bewahrheitet sich nochmals der schreckliche Satz des Heraklit vom Krieg als dem Vater aller Dinge: Seit dem 5. Jh. v. Chr. stellten die Sieger an der Stelle, an welcher sich in einer Schlacht die Feinde zur Flucht wandten, mit den Rüstungen und Waffen der Besiegten auf einem Holzstumpf ein „Tropaion“ zusammen, Trophäensammlungen, regelrechte Assemblagen von hoher Bedeutung, die bald in der Plastik, vor allem in Reliefs, möglicherweise aber auch in den – sämtlich nicht erhaltenen – Pinakes, den antiken Tafelbildern, dargestellt, also als erste Stilleben verewigt wurden. Am anderen Ende der Entwicklung steht in der Gegenwart Environment, Assemblage, Installation, jedoch als Gegenstände im Original, nicht als Abbild in Malerei oder Plastik, und teilweise von ausufernden Massen.

Die Werke unserer Ausstellung gehören zum grössten Teil zu den letzten Äusserungen der europäischen Malerei im Sinne der uns scheinbar so wohlbekannten Gattung. Chronologisch endet die Reihe der Exponate jedoch mit Beispielen der Assemblagen der Gegenwartskunst, Trophäen-Ansammlungen, fixierten - nicht dargestellten - Stilleben.

Als früheste Beispiele können wir die klassische Form des Stillebens in expressionistischen Gemälden, Aquarellen und Zeichnungen von Kirchner, Nolde, Heckel, Pechstein, Rohlfs und Schmidt-Rottluff zeigen. Es sind dies Arrangements von Kannen, Tassen, Tellern, Obst, Kerzenleuchtern, Kleinplastiken auf Tischen in ihren Ateliers, manchmal mit Blumen in einer Vase, manchmal nur diese allein. Weil Stilleben eben „stiller“ sind, weniger spektakulär, könnte der Eindruck entstehen, diese hätten in den Werken dieser Künstler lediglich eine Nebenrolle. Dem ist aber keineswegs so. Denn z. B. Kirchner, der trotz progressivster Denkweisen und Lebensformen die hergebrachte Hierarchie der Gattungen sehr ernst nahm und immer zunächst als Figurenmaler gesehen werden wollte, hat die immer eher niedrig eingeschätzte Gattung des Stillebens durchaus geschätzt und von seinen 1.300 Gemälden sind nicht weniger als 61 ausgewachsene und eigenständige Stilleben. Zwei von diesen aus seinen frühen Davoser Jahren können wir anbieten. Eines davon, „Stilleben mit Krügen und Kerze“ von 1917, entstammt der Sammlung von Roman Norbert Ketterer, 1960 in der Wanderausstellung dieser Sammlung durch die Museen Deutschlands und der Schweiz gezeigt und mit Farbtafel im Katalog. Das zweite, „Stilleben mit zwei Holzfiguren und Blumen“ von 1919-20, entstammt ebenfalls dieser Sammlung, wurde in ebendieser Wanderausstellung gezeigt und befand sich zuvor in der in den zwanziger und dreissiger Jahren in Davos zusammengestellten berühmten Sammlung des Arztes und Freundes von Kirchner, Dr. Frédéric Bauer. Das kleine, aber spektakulär intensive Gemälde von Emil Nolde, „Vase mit Blumen“ von 1915, stammt aus der grossen und berühmten frühen Hamburger Expressionisten-Sammlung Rauert, die noch von Gustav Schiefler beraten wurde, ebenfalls in der Wanderausstellung der Sammlung 1999-2000 gezeigt und ebenfalls mit Farbtafel im Katalog. Martha und Paul Rauert waren mit Nolde befreundet und seine engagiertesten Sammler seit 1907. Max Pechsteins Stilleben-Gemälde, „Weintraube (Stilleben in Rot)“ von 1917, gehörte der umfangreichen Pechstein-Sammlung des Glasmalers Gottfried Heinersdorff an, in dessen Werkstätten in Berlin Pechstein, Schmidt-Rottluff und weitere Expressionisten Glasmosaike nach ihren Entwürfen herstellen liessen, auch dieses Gemälde in der Wanderausstellung dieser Sammlung 2001 gezeigt und mit Farbtafel im Katalog. Es handelt sich also bei diesen vier Gemälden, die am Anfang unserer Ausstellung stehen, um Werke, die Kunst- und Provenienz-Geschichte geschrieben haben.

Von Heckel, Kirchner, Nolde, Pechstein, Rohlfs und Schmidt-Rottluff können wir weitere Stilleben als Aquarell, Zeichnung, Holzschnitt oder Lithographie von 1914 bis in die fünfziger Jahre zeigen, mit Schwerpunkten bei den Aquarellen von Erich Heckel und den Wassertempera-Arbeiten von Christian Rohlfs. Einen weiteren Schwerpunkt der Ausstellung und eine Welt für sich bilden die Stilleben von Max Peiffer Watenphul aus den zwanziger Jahren. Durch einen glücklichen Zufall konnten wir eine grosse Anzahl zusammenführen.

Sonderfälle stellen die beiden Gemälde von Karl Schmidt-Rottluff von 1949 oder von Francis Bott von 1978 dar, beides Spätwerke im Leben dieser Künstler. Im „Stilleben mit Holzplastik“ reduziert Schmidt-Rottluff seine Form und Farbe im Sinne der abstrakten Tendenzen der Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. In „Des Sources Cantiques“ kehrt Francis Bott nach seinen Erfahrungen in der Grossen Abstraktion seit 1948 in späten Jahren zu einer Sonderform seiner surrealen Anfänge der 30er und 40er Jahre zurück. Sonderfall auch und zugleich ein Hinweis auf die überbordende Präsenz des Stillebens der Dinge in heutiger Gegenwart die „ Ball-Trophäe“ von Bernard Schultze von 1967, eben tatsächlich eine „Trophäe“.

Noch abbildend die Stilleben der Träger des Wortes in Buch, Schriftrolle oder Zeitung in Stein gemeisselt vom Künstlerpaar Kubach-Wilmsen in den Jahrzehnten der Wiederannäherung an den Gegenstand nach der Grossen Abstraktion ab 1960. Anders erfolgte diese „Neue Figuration“ bei Brodwolf, Panayotidis oder Spoerri: Die gefundenen, gebastelten oder extra gegossenen Gegenstände, die „toten Naturen“ wurden zu „stillen Leben“, in neue Sinnzusammenhänge gestellt, arrangiert, assembliert, eben in den Figurinen von Brodwolf sowie in den Installationen von Panayotidis. Genauso verfuhr Spoerri, wenn er auch 1960 zunächst die von Pierre Restany für den Nouveau Réalisme geforderte Realisierung des Kunstwerkes möglichst ohne Eingriff des Künstlers am radikalsten in seinen „Fallenbildern“ realisierte, schlichte Fixierungen vorgefundener Situationen ohne jedes Arrangement der Gegenstände. Stilleben total, nicht abtasten des schönen Scheins der kunstvoll platzierten Dinge mit malerischen Mitteln, nicht Arrangement der Dinge für eine tiefere Bedeutung, die Dinge an sich, so wie sie sind, Trophäen aus unserem Leben, aus unserer Welt.

Wolfgang Henze

Text zur 103. Ausstellung in der Galerie Henze & Ketterer, Wichtrach/Bern

Galerie Henze & Ketterer
Kirchstrasse 26, CH 3114 Wichtrach
Tel. +41 (0)31 781 06 01
Galerie Henze & Ketterer & Triebold
Wettsteinstrasse 4, CH 4125 Riehen
Tel. +41 (0)61 641 77 77