Wichtrach/Bern


PREKÄRES ARKADIEN II:

GROSZ IM AMERIKANISCHEN EXIL

9. Mai - 22. August 2015

Mini-Katalog

  • Grosz-1937-1G-Selbstportrait-mit-Akt 02

    George Grosz
    Selbstportrait mit Akt - Selfportrait with Nude.
    Öl auf Leinwand 1937.
    72 x 58 cm.
    Obj. Id. 66723

  • Grosz 1939 2A  Liebespaar in den Duenen UC-339-10 01

    George Grosz
    Liebespaar in den Dünen.
    Mischtechnik 1939-1940.
    51,7 x 66,2 cm.
    Obj. Id. 66797

  • Grosz-1940-2A-Unbekleidetes-Modell 1-A16-3

    George Grosz
    Unbekleidetes Modell.
    Öl und Mischtechnik 1940.
    49,9 x 39,1.
    Obj. Id. 79455

  • Grosz-1938-2A-Zwei-weibliche-Akte UC-335-16

    George Grosz
    Two female Nudes (Zwei weibliche Akte).
    Aquarell 1938.
    58,5 x 39,7.
    Obj. Id. 78752

  • Grosz-1940-2A-Erotische-Szene-mit-Voyeur UC-337-3

    George Grosz
    Erotic Scene With Voyeur
    (Erotische Szene mit Voyeur).
    Öl und Mischtechnik 1940. 39,2 x 50 cm.
    Obj. Id. 78754

  • Grosz-1946-2A-Sitzende-Nackte 1 A14-8

    George Grosz
    Sitzende Nackte.
    Mischtechnik 1946.
    65,2 x 48,5.
    Obj. Id. 79460

 

PREKÄRES ARKADIEN II:
GROSZ IM AMERIKANISCHEN EXIL

 

Die ältere Generation der Künstler unserer Galerie, die Expressionisten, mussten die grosse Weltkatastrophe nach 1933 in der zweiten Hälfte ihres Lebens mit grossen Verlusten für ihr geschaffenes und entstehendes Werk in einem inneren Exil durchstehen, wenn sie nicht wie Ernst Ludwig Kirchner eher durch Zufall bereits im Exil lebten. Die mittlere Generation unserer Künstler, zu der, wenn auch Expressionist, von seinem Lebensweg her auch der 1893 geborene George Grosz zählt, musste sich zwischen Kriegsdienst oder Schlimmerem und Emigration entscheiden, wie Bargheer, Bott, Peiffer Watenphul, Purrmann. Bei der erzwungenen Wahl des Exillandes gaben sie dem Land ihrer Träume den Vorzug, wenn möglich. Frankreich und Italien wurden durch die nachfolgende deutsche Besetzung bald zum äusserst prekären Exil, Russland, das Land der Träume der deutschen Linken durch den Stalinismus erst recht. Der Kommunist Grosz hatte erstaunlicherweise jedoch ein anderes Land der Träume: Sein Arkadien war seit Lederstrumpf-Lektüre in frühester Jugend Amerika.

So wollte es einer der Zufälle, die Fügungen sind, dass Grosz Anfang 1933, als Deutschland die Grundlagen zu seiner eigenen Perversion und der grössten Katastrophe der Menschheit schuf, im Land seiner Träume war und dort bleiben konnte, als Lehrer der Art Students League in New York und zwar für die Akt-Klasse. Mehr als ein Vierteljahrhundert sollten diese beiden Fakten sein Leben und seine Kunst bestimmen, davon handelt diese Ausstellung: Amerika und Akt in einem - auch dort - prekären Arkadien.

Wo und wie auch immer die Künstler der älteren und der mittleren Generation unserer Galerie die grosse Weltkatastrophe erlebten, diese veränderte ihr Leben und ihre Kunst völlig. Kirchner ertrug schon ihre Anfänge nicht und machte 1938 seinem Leben in Davos ein Ende. Alle zogen sich in das Land ihrer Träume zurück, in ihr Arkadien, in ihre Liebe. Die einen in innere Oasen an der Peripherie wie etwa Dix, Heckel und andere am Bodensee oder Beckmann in Amsterdam, einigen blieb nur das Arkadien ihrer Kunst in wenigen Fronturlauben wie 1944 die „Triebkräfte der Erde“ für Fritz Winter. Andere gingen nach Prag wie Kokoschka und Paris wie Bott oder Kandinsky und mussten weiterziehen oder untertauchen. Sehr viele gingen oder blieben in der grösseren Freiheit Italiens, dem künstlerischen Sehnsuchtsland der Deutschen, wie Gilles, Levy oder Purrmann, Bargheer und Peiffer Watenphul, die wir in unserer Parallel-Ausstellung zeigen.

George Grosz wurde noch 1933 durch Deutschland ausgebürgert und erhielt die Staatsbürgerschaft der USA. Er setzte in den dort verbrachten sechsundzwanzig Jahren seine Satire und Kritik von Politik und Gesellschaft der Weimarer Jahre durchaus fort, wenn auch nicht mit dem Biss der zwanzig vergangenen Jahre. Die Weimarer Republik gab es nicht mehr. Deutschlands Gleichschaltung sah er aus der Ferne, ebenso erlebte er die Desillusion seiner kommunistischen politischen Ansichten durch die Säuberungen Stalins in Russland. Beides blieb auch in der Gesellschaft der USA nicht ohne Folgen. Ein anderer Strang der Kunst von Grosz, der in seinem Werk schon immer breiten Raum einnahm, vor 1933 allerdings hinter seinem aufsehenerregenden und umstrittenen gesellschaftskritischen zeichnerischen und malerischen Werk überlagert war, trat in den USA nun zumindest gleichwertig auf: Der sensuell-sexuelle Akt, Erotica bis Pornographica. Wir hatten im Jahre 2006 in einer Ausstellung mit Katalog bereits auf den Akt im gesamten Werk von Grosz hingewiesen, dieser Hymne auf die Weiblichkeit, die Liebe und die Sexualität in den Körpern seiner Frau Eva und deren Schwester Lotte, die es so neben Brutal-Versionen des Aktes in der Sozialsatire in allen Perversionen eben doch auch im Werk von Grosz immer schon gab.

Lotte blieb in Deutschland, Eva ging mit Grosz in das Land seiner Träume. Sie scheint in allen amerikanischen Akten von Grosz auf. Diese waren jedoch keineswegs neu in seinem Werk, setzten nur die Weimarer Akte konsequent fort, wurden – vor allem in den Mischtechniken auf Papier – zu Experimentiertafeln.

Zentrales Werk dieser „amerikanischen Akte“ ist das vielfach ausgestellte und publizierte Gemälde des Jahres 1937 „Selbstporträt mit Akt“, das wir in unserer Ausstellung zeigen können: Der Dreiviertelakt zeigt die Rückenansicht einer rubensartigen Frau von den Oberschenkeln bis zu den Schultern. Während sich ihr Kopf oberhalb des Bildfeldes befindet, hat sich der Maler am rechten Bildrand selbst porträtiert. Das Geviert der Leinwand, an der er gerade arbeitet, vor sich, schaut er, prüfend konzentriert zu seinem Aktmodell auf. Das Gemälde spielt somit auch mit den Perspektiven, mit dem Schauen selbst. Während der Maler die Vorderansicht seines Modells eingehend studiert, um diese im Bild festzuhalten, bietet er dem Betrachter gleichzeitig den Anblick ihrer Rückseite. Zudem inszeniert der Künstler am unteren rechten Bildrand ein Stilleben mit den abgelegten Kleidern seines Modells. Bekrönt werden die farbigen Stoffe durch eine abgelegte bestickte Handtasche. Die Stofflichkeit der Gegenstände erzeugt einen reizvollen Kontrast zur dargestellten Haut des nackten Körpers. Ganz in barocker Mal-Tradition, in der die unterschiedlichen Sinne angesprochen wurden, reizt Grosz in seinem Gemälde den Seh- ebenso wie den Tast-Sinn des Betrachters und zeigt sich als Meister der Aktmalerei.

Die pastose Malerei des Inkarnats, die zur Verselbständigung als Relief neigt, weist aus heutiger Sicht bereits auf Lucien Freud hin. Da hatte sich gegenüber der eher flächigen Malerei im  grandiosen Gemälde des Jahres 1929 „Zwei Akte“ (Eva und Lotte) Einiges geändert: Peinture scheint auf und wird geradezu altmeisterlich. Donauschule und Altdorfer lassen grüssen, auch in seinen parallelen Kriegsvisionen (wie übrigens auch im gleichzeitigen Werk von Otto Dix). Die nachfolgenden Akte im Atelier, in den Wäldern um New York oder am Strand von Cape Cod werden zu Experimentiertafeln. Nicht nur wird, wie schon früher, mal ein Stück Papier oder Leinwand abgeschnitten oder angeklebt, um die Komposition fortzusetzen, nicht nur wechselt Ölmalerei mit Tempera und Aquarell vor und zurück, Grosz übermalt auch ständig und lässt Übermaltes teilweise stehen. Mal ist der Maler in „Maler und Modell“ mit leichten Pinselstrichen übergangen, jedoch noch erahnbar. Mal ist eine Körperpartie sehr genau modelliert und andere zerspleissen in einem Infinito, mal ist Alles nur angedeutet und dennoch vollumfänglich und wirkungsvoll erfasst: Malerische Erotik pur.

Unwillkürlich denken wir bei so viel Nacktheit an den Titel von Max Ernst „Die Nacktheit der Frau ist weiser als die Lehre der Philosophen“ und kommen dem ewigen Geheimnis der Umsetzung von erotischer in künstlerische Energie wenigstens ein wenig näher.

Letztlich ist das Arkadien, die mythische Landschaft der Liebe und des Friedens, in die aber durchaus das Memento Mori eindringen kann, nicht - wie für die nach Italien gegangenen Maler dieser Ausstellung - das geliebte Land und die Landschaft, nicht - wie für George Grosz in seinem Sehnsuchtsland Amerika - die Körperlandschaft der geliebten Frau, es ist das Arkadien aller Künstler, nämlich ihr Werk, ihr Schaffen, in diesen Fällen die Tafeln, auf denen sie arbeiten, die Leinwand und das Papier, dem sie alles abringen, was sie erleben, spüren und fühlen.

Das allbekannte Motto unergründlicher Herkunft „Et in Arcadia ego“, das auch Goethe seiner „Italienischen Reise“ voranstellte, es ist das Motto eines jeden künstlerischen Werkes. Aus diesem Grunde haben wir unserer Doppelausstellung zum „Prekären Arkadien“ vier grosse Mischtechniken eines Künstlers vorangestellt, der sich in den vergangenen Jahren ganz besonders mit dieser Thematik beschäftigt hat: „Arkadien - Elegie - Diana - Nausikaa - Circe“ von Markus Lüpertz.

Und das schon bei Poussin erscheinende Memento Mori, es ergab sich zwangsweise und ganz konkret durch den Krieg. Den Akten von George Grosz haben wir daher auch sein altmeisterliches Gemälde „Peace I“ vorangestellt, in welchem er 1945 selbst als Überlebender, fast schon Skelett, in einer Umgebung totaler Kriegszerstörung erscheint.

Wolfgang Henze

Text zur 108. Ausstellung in der Galerie Henze & Ketterer, Wichtrach/Bern

 

 

Galerie Henze & Ketterer
Kirchstrasse 26, CH 3114 Wichtrach
Tel. +41 (0)31 781 06 01
Galerie Henze & Ketterer & Triebold
Wettsteinstrasse 4, CH 4125 Riehen
Tel. +41 (0)61 641 77 77