EXPRESSIV!
Der Akt in der Moderne &
 Zeitgenössischen Kunst
GALERIE HENZE & KETTERER
Riehen/Basel

EXPRESSIV!
Der Akt in der Moderne & Zeitgenössischen Kunst

Die Präsentation "Der Akte in der Moderne & Zeitgenössischen Kunst" zeigt, wie der Akt als Ausdruck innerer Stimmungen und Gefühle zu einem der beliebtesten und häufigsten Motive der deutschen Expressionisten wurde. So ist ein Schwerpunkt unseres Standes eine Gruppe von bisher nicht gezeigten großformatigen Zeichnungen von Ernst Ludwig Kirchner aus dem Jahr 1914. Was im frühen 20. Jahrhundert begann, entwickelte sich in der zeitgenössischen Kunst zu einer abstrakteren Darstellung des nackten Menschen - diese Entwicklung wird exemplarisch anhand zeitgenössischer Positionen aufgezeigt.

Der Akt als selbständige Darstellung in der Kunst begann mit dem Impressionismus. Die französischen Impressionisten lösten die Darstellung des nackten menschlichen Körpers von einem bestimmten, vorgegebenen Thema und schufen sie als ein selbständiges Motiv. Das Modell war oft bekannt, was wie schon in den Anfängen - bei Praxiteles - zu heftigen Diskussionen führen konnte. Sie erhoben den Akt zu einem eigenen Genre und malten sowohl männliche wie auch weibliche nackte Menschen im Atelier und im Freien.

Der Siegeszug des Aktes als selbständige Darstellung hatte begonnen und wurde im Expressionismus, als Ausdruck innerer Stimmungen und Gefühle, zu einem der beliebtesten und häufigsten Motive. Ob stehend, sitzend, kniend, liegend mit gestreckten oder gebeugten Beinen und Armen, im Atelier oder im Freien, als ruhendes Modell oder in einer Bewegung verwickelt, als Badende oder Tanzende: nackte Frauen und nackte Männer bevölkerten die kreativen Fantasien der Künstler und inspirierten sie zu Zeichnungen, Graphiken, Aquarellen, Gemälden und Plastiken, und auch zu Fotografien.

Text: Auszug auf dem Text "EXPRESSIV! Der Akt in der Moderne" von Alexandra Henze

Ernst Ludwig Kirchner, Fotografien um 1929 (Brücke Museum, Berlin)
Quelle: Ernst Ludwig Kirchner, Das fotografische Werk, hrsg. von Roland Scotti, Kirchner Museum Davos, Benteli 2005, S. 210-211

Ernst Ludwig Kirchner
– die Brücke Künstler

Die Künstler um Ernst Ludwig Kirchner herum und der Meister selbst erhoben die „Badenden“, also Aktdarstellungen im Freien, zu einem der beliebtesten Themen ihrer Kunst und machten von Dresden aus regelmässige Ausflüge zu den benachbarten Moritzburger-Teichen, später von Berlin aus auf die Insel Fehmarn mit ihren typischen runden Steinen am Strand, woran sich die Lebensgefährtinnen und Freundinnen lehnten oder sich darauf setzen.

Das Bild des Menschen in der freien Natur sollte Kirchner zeitlebens begleiten, denn auch nach seiner Übersiedlung nach Davos fertigte der Künstler in allen ihm zu Verfügung stehenden Techniken Bilder von nackten Frauen am Bach und im Wald. Vorbilder dabei waren den Künstlern sicherlich die berühmten „Badenden“ von Cézanne und die Werke von Gauguin und den Fauves in Frankreich.

Kirchner ist diesem Themenkreis zeit seines Lebens treu geblieben und hat auch später in Davos immer und immer wieder seine Lebensgefährtin Erna sowie Freundinnen, die zu Besuch kamen, einzeln oder miteinander nackt in der freien Natur und im Innenraum dargestellt und fotografiert.

Ernst Ludwig Kirchner
Badende Frauen und Kinder
1925/32

Öl auf Leinwand
130 x 110 cm
Gordon 0825

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Ernst Ludwig Kirchner, Fotografien um 1929.
Quelle: Ernst Ludwig Kirchner, Das fotografische Werk, hrsg. von Roland Scotti, Kirchner Museum Davos, Benteli 2005, S. 210-211

Ernst Ludwig Kirchner, Fotografien, in: Ernst Ludwig Kirchner, Das fotografische Werk, hrsg. von Roland Scotti, Kirchner Museum Davos, Benteli 2005.

Nach einem ganzen Jahrhundert wird das bedeutende Gemälde "Nackte Frau, die vom Berg steigt (Erna)" von Ernst Ludwig Kirchner zum ersten Mal seit 1922 exklusiv auf der TEFAF 2024 zu sehen sein.

Das Kunstwerk wurde zuletzt 1922 im Kunstsalon Schames in Frankfurt anlässlich der großen Kirchner-Ausstellung "Schweizer Werke von E.L. Kirchner" gezeigt.

Erst 1975 entdeckte Roman Norbert Ketterer die hinter einem anderen Gemälde versteckte Leinwand. Er trennte die beiden Gemälde und ließ "Nackte Frau, die vom Berg steigt (Erna)" auf einen neuen Rahmen spannen.

Auf dem Bild ist Erna Kirchner in einer Davoser Landschaft zu sehen, als Kirchner nach einem Besuch der Tänzerin Nina Hard 1921 in Davos zum ersten Mal wieder Badeszenen in der Natur malte. Dies ist ein wichtiger Moment in Kirchners Werk, der die Davoser Zeit mit den Motiven der frühen Brücke-Jahre verbindet.

Ernst Ludwig Kirchner
– "Viertelstunden-Akt"

Die Expressionisten der Künstlergruppe „Brücke“ entwickelten den sogenannten „Viertelstunden-Akt“, was die Darstellungsweise prägte und revolutionierte. Nicht mehr stundenlanges Verharren in einer Position, sondern maximal eben 15 Minuten Stillhalten, sodass die Künstler in wenigen, prägnanten Strichen und Linien die Umrisse auf dem Papier festhalten mussten. Dies führte zu einer raschen Arbeitsweise und zu einer skizzenhaften Darstellung. Details konnten nicht mehr ausgearbeitet werden, Schattierungen wurden durch eine „nervöse“ Zick-Zack-Schraffur ersetzt. Graphische und farbliche Ausarbeitung wurde ins Atelier verlagert und später aus dem Gedächtnis vervollständigt.

Ernst Ludwig Kirchner
Sechs grossformatige Zeichnungen entstanden 1914
(mehr Details, klick auf "vergrössern")

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Heckel, Mueller, Pechstein & Nolde
– Akt Darstellungen

Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts verbreitete sich die sogenannte „Lebensreform“-Bewegung auch in Deutschland, die für gesunde Nahrung und Kleidung, sowie für den gesundheitsfördernden Aufenthalt und körperliche Ertüchtigung in der freien Natur warb, was sich stark auf die Arbeitsweise der Künstler auswirkte.

Damit wandten sie sich völlig von den gängigen akademischen Vorstellungen ab und wählten eine freie Welt für freie Künstler und freie Modelle. Sie entschieden sich für die Freikörperkultur, die sie in jedmöglicher Facette auf Papier, Leinwand und als Plastik festgehalten haben.

Erich Heckel
Kind und nackte Frau‍‍
1910

Öl auf Leinwand
69 x 79.7 cm
Recto: "Landschaft bei Prerow"
Hüneke 1911-15

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Georg Tappert
– Tänzerin Betty

Georg Tappert hatte in seiner Lebensgefährtin und der Tänzerin Betty ein bevorzugtes Modell für sich gefunden. Der Berliner Maler und Graphiker gehörte im Frühjahr 1910 zu den Gründern der "Neuen Secession". Hermann Max Pechstein, dann auch Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner und Karl Schmidt-Rottluff zogen kurz darauf von Dresden nach Berlin, das vor und nach dem Ersten Weltkrieg zum Zentrum aller expressionistischen Künste wurde.

In den Jahren 1912-1913 war die üppige Tänzerin Betty sein bevorzugtes Modell, für Tappert ein überwältigendes Erlebnis, das er in allen Techniken - Zeichnung, Aquarell, Holzschnitt, Radierung, Lithographie und Fotografie - darstellte. Die Serie der rund zehn grossformatigen Gemälde erreichen eine Intensität der Darstellung des damals überbordenden Berliner Lebensgefühles, die nur vergleichbar ist mit der Serie der Strassenszenen - allerdings anderer Intention - von Ernst Ludwig Kirchner.

Georg Tappert
Mädchen am Tisch (Betty mit Fächer)
1913

Öl auf Leinwand
109,5 x 91,5 cm
Wietek 147

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George Grosz
– Eva als Eherfrau und Model

Ebenfalls in einer Serie von Aktdarstellungen festgehalten hat George Grosz seine Ehefrau Eva. Diese Serie ist Teil einer intensiven und fruchtbaren Auseinandersetzung mit dem Thema während der Zeit, die der Künstler fern von Deutschland in Amerika verbracht hat, wohin er bereits Anfang 1933 übergesiedelt ist.

Aktzeichnen und –malen war Grosz seit seiner Ausbildungszeit bekannt: Der mehr oder weniger nackte Körper, oft nur mit Hut, Strümpfen oder Schuhen, taucht unter anderem gerne in den für den Künstler so bekannten früheren satirischen, sozial- und gesellschaftskritischen Arbeiten auf. Die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Berlin künstlerisch so beliebten Grossstadtmotive, wie Strassenszenen, Revue, Ballett, aber auch Rummelplätze und andere Vergnügungsstätten, dienten als Vorlagen für einige der frühen Meisterwerke des Künstlers.

George Grosz
Selbstportrait mit Akt
1937

Öl auf Leinwand
72 x 58 cm

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George Grosz in seinem Studio in Amerika, Videostill aus: Life's Fine in the Labyrinth - George Grosz in America, A Film by Norbert Bunge, Christine Fischer-Defoy (1991/92)

Was bewog jedoch Grosz während seines Aufenthaltes in Amerika, sich in mehreren hundert Arbeiten auf Papier und Gemälden vorzugsweise mit dem Thema Akt auseinanderzusetzten?

Ausschlaggebend war mit Sicherheit die Tatsache, dass ihm ein geduldiges und inspirierendes Modell zur Verfügung stand: seine eigene Ehefrau Eva, der er 1918 zum ersten Mal begegnete und die er 1920 heiratete. Allein oder gemeinsam mit ihrer Schwester Lotte beflügelte sie die Phantasie des Künstlers und erscheint in unterschiedlichsten Posen im Innen- und Aussenraum, oft mit Requisiten oder in Kombination mit einem Selbstbildnis in Zeichnungen, Aquarellen, Mischtechniken und Gemälden. Bevorzugt hat Grosz stets üppige Formen, wobei er durchaus in der Darstellung diese wohl übertrieben und seinen künstlerischen Vorstellungen angepasst hat.

Auffallend ist die Fülle der in Amerika entstandenen farbigen Fassungen: Aktzeichnungen entstanden schon in Deutschland, aber seit der Übersiedlung nach Amerika findet sich eine ganze Reihe von mehreren Hundert Aquarellen und Mischtechniken, in denen besondere Aufmerksamkeit der Ausarbeitung der individuellen Merkmale gewidmet ist, sodass Eva als Modell eindeutig identifiziert werden kann.

Karl Hartung
– Amorphe Formen

Auch in der Abstraktion kam es zur Auseinandersetzung mit dem Akt. Karl Hartung wirkte in einem „Spannungsfeld“ zwischen der gegenstandslosen Form und der Wirklichkeitswiedergabe, in dem er die unterschiedlichen Möglichkeiten der Abstraktion erforschte.

So entstand bereits 1935 die erste abstrakte Plastik, dennoch sind bis zuletzt mehr oder weniger gegenständliche Darstellungen in seinem Werk zu finden. Darstellungen von reduzierten menschlichen Figuren und Tieren sowie amorpher Formen geben einen Einblick in die Arbeitsweise des Künstlers, der sich selbst und sein Werk immer wieder in Frage stellte und Motive des Öfteren wieder aufgriff, neu prüfte.

George Baselitz
– Tête-á-tête

Bis in die heutige Zeit bildet der «Akt» ein reizbares Thema für Künstlerinnen und Künstler. So präsentiert Georg Baselitz in «La nuit mit Marie» in typischer Manier «auf dem Kopf» eine entblösste Frau und einen Mann mit heruntergelassener Hose. Die Technik des schwarz-weissen Linolschnitts untermauert das nächtliche tête-á-tête des Paares, das von einer Kerze, die auf dem Rock der Frau platziert ist, beleuchtet wird.

Georg Baselitz
La nuit mit Marie
2002

Linolschnitt
202 x 150 cm auf 228 x 170 cm
Exemplar 2/6

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Markus Lüpertz
– Mensch & Natur

"Et in Arcadia ego" - unter diesem Sehnsuchtsmotto haben Künstler seit Jahrhunderten Idyllen der Harmonie zwischen Mensch und Natur geschaffen. Auch Markus Lüpertz ist seit Jahrzehnten auf der Suche nach Arkadien - jenem utopischen Ort der Vollkommenheit, der Freiheit und der Unsterblichkeit, die Landschaft, die Markus Lüpertz für seinen bedeutenden gleichnamigen Zyklus wählte und in der er eine ganze Reihe von Figuren aus der antiken Mythologie versammelte, um Zeugnis von der conditio humana abzulegen.

Markus Lüpertz
Arkadien - Circe
2013

Mischtechnik auf Papier
186 x 150 cm. 195 x 164 x 5 cm
(inkl. Künstlerrahmen)

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Jürgen Brodwolf
– Tubenfiguren

Die Tubenfiguren, die durch den Anblick einer ausgedrückten und eigentümlich verformten, figürlich anmutenden Farbtube im Malatelier ausgelöst wurden, sind bis heute noch Teil seiner Kunstwerke. Das Fundstück kann als Weiterentwicklung des Ready-mades angesehen werden. Die Verwendung der Tubenfigur hat er im Laufe der Jahre stets weiter entwickelt. So entstanden 1965 die ersten Figurenkästen, das sind kastenartige Werke, die verschiedene Tubenfiguren beinhalten. Figuren im grösseren Format schafft der Künstler ab dem Jahr 1972, indem er die Figuren aus Blei formt und somit nicht mehr an die vorgegebene Tubengrösse gebunden ist.

Die «Tubenfiguren» werden seither immer wieder verwendet und weiterentwickelt, meist entstehen weibliche Körper, die in den Raum dringen. Die Figuren werden in Menschengrösse aus Blei geformt wie das Werk „Bleifigur“.

Jürgen Brodwolf
Ohne Titel - Bleifigur
1978

Geformtes Bleiblech
150 x 32 x 21,5 cm

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Jürgen Brodwolf, Ohne Titel - Bleifigur, 1978, 3d Scan

Giovanni Manfredini
– Ganzkörper-Abdrücke

Charakteristisch für die figürlichen Darstellungen sind Negativ-Abdrucke von einzelnen Körperteilen oder des gesamten Körpers, die seit 1995 das Werk des Künstlers beleben. Die Auseinandersetzung mit dem Feuer und mit dem eigenen Körper steht in engem Zusammenhang mit starken Verbrennungen, die sich Manfredini in seiner Kindheit zugezogen hat.

Keine traditionellen Malwerkzeuge wie Pinsel und Farbe, Kreide, Kohle oder Bleistift, sondern Brust, Arme, Beine und Gesicht wurden an die von Russ bedeckten Oberflächen gepresst, an diesen abgerollt, um so an Fotografie, beziehungsweise Röntgenaufnahmen erinnernde Bilder des eigenen Körpers in der Gesamtansicht oder in fragmentarischer Form zu verewigen. Die schwarze Russschicht wird durch Ganzkörper-Abdrücke oder Teile davon wieder von den dunklen Partikeln befreit. Unter der Dunkelheit kommt wieder das helle Licht zum Vorschein. Manfredini presst Gesicht, Torso, Arme, Hände und Beine auf die geschwärzte Fläche und erzeugt einen „Negativ-Abdruck“, der für sein Werk so typisch geworden ist.

Nach einer weiteren Überarbeitung, meist mit Fingern, aber auch mit echten Pinseln, werden die Werke stark gefirnisst, was deren Erhaltung und Konservierung gewährleistet.

Giovanni Manfredini
Senza titolo. Ohne Titel
2009 (86082)

Mischtechnik auf Holz
200 x 150 cm

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