Riehen/Basel


ERNST LUDWIG KIRCHNER

Seine Ausbildung zum Architekten einschliesslich Diplom
Die gesammelten Architekturzeichnungen

9. November 2018 - 16. Februar 2019

 Einladungskarte (PDF)

  • 78793 05

    Ernst Ludwig Kirchner
    Entwurf eines Malerateliers. "Maleratelier II".
    Tuschfeder über Bleistift 1903.
    Signiert. 47 x 62,5 cm. Verso Nachlass-Stempel
    Obj. Id. 78793

  • 78825 05

    Ernst Ludwig Kirchner
    Entwurf eines Rauchzimmers.
    Tuschfeder über Bleistift, laviert, Aquarell- und Sprühtechnik 1903/04.
    Signiert.  38,1 x 68 cm. Verso Nachlass-Stempel
    Obj. Id. 78825

  • 78833 04

    Ernst Ludwig Kirchner
    Innenräume. Innenraum mit Liege.
    Aquarell über Bleistift 1904/05.
    13,6 x 21 cm. Verso Nachlass-Stempel.
    Obj. Id. 78833

  • 78853 01

    Ernst Ludwig Kirchner
    Ornamente. Entwurf für eine Vorsatzpapier.
    Tuschzeichnung über Bleistift um 1904.
    Signiert. 16,7 x 12,6 cm. Verso Nachlass-Stempel
    Obj. Id. 78853

  • 78788 01

    Ernst Ludwig Kirchner
    Studienarbeiten - Schlösschen für einen Kunstliebhaber, Blatt 4.
    Tuschfeder über Bleistift , Gouache, Sprühtechnik um 1904/05.
    96 x 60,4 cm. Verso Nachlass-Stempel
    Obj. Id. 78788

  • 78779 01

    Ernst Ludwig Kirchner
    Studienarbeiten - Entwurf für ein Museum. Blatt 1.
    Tuschfeder über Bleistift um 1904/05.
    114 x 64 cm. Verso Nachlass-Stempel
    Obj. Id. 78779

 

ERNST LUDWIG KIRCHNER

Seine Ausbildung zum Architekten einschliesslich Diplom
Die gesammelten Architekturzeichnungen

9. November 2018 - 16. Februar 2019

Am 15. April 1901 begann Ernst Ludwig Kirchner sein Architekturstudium an der Königlich Sächsischen Technischen Hochschule in Dresden. Als Zeichner, Maler, Graphiker und Bildhauer des deutschen Expressionismus ist Kirchner in die Kunstgeschichte eingegangen, dass er aber ausgebildeter und diplomierter Architekt, also Diplom-Ingenieur war, ist den meisten unbekannt. Die gesammelten Architekturzeichnungen aus der Ausbildung bis einschliesslich Diplomarbeit sind erhalten geblieben und zeugen mit Entwürfen zu unterschiedlichen Gebäuden aus dem privatem und öffentlichem Bereich, mit Grund- und Aufrissen, perspektivischen Ansichten und Vorschlägen für die Innenausstattung von seiner Könnerschaft. Mit der Abgabe des Diploms, einem Entwurf für eine Friedhofsanlage, beendete Kirchner seine noch nicht einmal begonnene Karriere als Architekt. Auf Wunsch seiner Eltern hätte er Ingenieur werden sollen, statt sich der brotlosen Malerei zu widmen.

Eine Ausbildung zum Architekten war zur Zeit Kirchners in Dresden sowohl an der Kunstakademie wie auch an der Technischen Hochschule möglich. Die Ausbildung an der Kunstakademie war auf den freischaffenden, künstlerischen, die an der Technischen Hochschule auf den nach strengen Normen arbeitenden Architekten, auf den Ingenieur, ausgerichtet. Dies bedeutete für Kirchner, seinen Freund Bleyl und deren Studienkollegen einen enggesteckten, straff strukturierten, verschulten Studienplan, den Sie jedes Semester mit ausführlichen Grundkursen und darauf aufbauenden Übungen und Seminaren einhalten mussten. Das Studium umfasste acht Semester mit einer Diplom-Vorprüfung nach vier Semestern. Im Grundstudium befasste man sich mit allgemeinwissenschaftlichen und technischen Fragen, darunter höhere Mathematik, Physik, darstellende Geometrie und Chemie, während das Hauptstudium nach dem Vordiplom vor allem das Entwerfen zum Ziel hatte sowie kunst- und architekturhistorische Veranstaltungen.

Das Architekturstudium war selbstverständlich vom Zeichnen geprägt, wobei es sich vornehmlich um technisches Zeichnen handelte, wie die häufigen Pflichtveranstaltungen in den ersten Semestern zur darstellenden Geometrie und zum Bauformenzeichnen, die von den Architekturstudenten als „wissenschaftlich und lebensfremd“ betrachtet wurden. Mehr kreative Freiheit boten das Freihand- und Ornamentzeichnen, wo Kirchner und Bleyl die besten Noten erlangten. Die Freundschaft zwischen Ernst Ludwig Kirchner und Fritz Bleyl ergab sich bereits während des ersten Semesters im Kurs zur darstellenden Geometrie. Sie erkannten rasch ihre Wesensverwandtschaft und begleiteten das Studium durch gemeinsame Ausflüge in die Kunst des Zeichnens sowie der Malerei durch Museumsbesuche und Ausflüge in die Stadt und ihre Umgebung. Besondere Inspiration erhielten Sie von der afrikanischen und polynesischen Kunst, die in Dresden im Völkerkundemuseum zu sehen war.

Zu den von Kirchner gezeichneten Entwürfen gehörten im Sinne des „Gesamtkunstwerkes“ auch Inneneinrichtungen, insbesondere Ornamente, Lampen und Möbel. Die Zeichnungen zum „Herrenzimmer Dr. Münchmeyer“ umfassen Ansichten eines Innenraumes mit durchgehender Ornament-Vertäfelung, aber auch Entwürfe zu Stuhl, Schemel, Polstersessel, Schreibstuhl, Tisch, Sofa und Deckenlüster. Kirchner interessierte sich auch für architektonische Details und Bau-Ornamente wie der Entwurf für ein Wohnhaus am Berghang in den so genannten „Architektur Details“ zeigt, aber auch in der Ansicht der Diele, wo mit akribischer Genauigkeit die gesamte Innenausstattung festgelegt wird, von der Wand- und Deckenvertäfelung bis hin zu verzierten und gepolsterten Möbeln, Tischdecke und Teppichen. Bei dem Entwurf eines Raucherzimmers werden auch die Stuck- und Plüschwandverkleidung vorgegeben, die Kirchner detailreich farbig entwarf. Es sind im Grundsatz diese frühen Architekturzeichnungen, die Kirchner zur Innenausstattung im Sinne des „Gesamtkunstwerkes“ seiner Ateliers zuerst in Dresden, dann in Berlin und zuletzt in Davos inspirierten. Komplett künstlerisch durchgestaltet waren seine Wirkstätten im Innenraum mit von ihm entworfenen Wandverkleidungen, Kissen, Polsterungen, Tischdecken, Sofaüberwürfen, Schemel, Stühlen, Kommode, Türen, Zaun-Pfosten, ja sogar Aschenbecher, Obstschalen und Bett. Ganz zu schweigen von seinen eigenen Kunstwerken, die an den Wänden hingen oder im Raum standen und immer und immer wieder Einzug in seine Zeichnungen, Graphiken und Gemälde als Staffage hielten.

Das Wintersemester 1903/04 verbrachte Kirchner in München an der Königlichen Technischen Hochschule. Hier besuchte er gleichzeitig das Schwabinger Lehratelier für freie und angewandte Kunst, eine Privatschule die sich von den herkömmlichen Grenzen zwischen Architektur, Kunsthandwerk, Malerei und Bildhauerei abwand. Aus dieser Zeit ist leider kaum etwas vom Künstler erhalten, aber nach seiner Rückkehr nach Dresden und der Wiederaufnahme des Studiums an der dortigen Technischen Hochschule entstanden wunderbare Entwürfe für ein Hotel, für ein Museum und für ein Schlösschen für einen Kunstliebhaber mit farbig gefassten Ansichten, Grund- und Aufrissen sowie Schnitten.

Die Erstellung der Diplomarbeit erfolgte in den Semesterferien nach dem Hauptstudium, also nach dem achten Semester, vor den Prüfungen im neunten Semester. Es war der Leiter des Ateliers für Baukunst, der die Aufgaben für das Diplom stellte sowie dessen Umfang festlegte. Dieses bestand aus einem Erläuterungsbericht, Grundrissen, Aufrissen und Schnitten. Überliefert ist der komplette Erläuterungsbericht zur Diplom-Arbeit von Kirchner, dem die Aufgabe gestellt wurde, eine Friedhofsanlage zu entwerfen. Dieser einführende Bericht befindet sich heute in der Obhut des Kirchner Museum Davos. Ebenfalls erhalten sind der Entwurf des Haupteinganges zur Strasse, der Grundriss der Parentationshalle mit Campo Santo, die Ansichten der Parentationshalle sowie deren Schnitt mit Ansicht der Leichenhallen, der farbig gefasste Grundriss, die Strassenansicht mit Grundriss der Direktoren- und Gärtnerwohnungen, die Ansichten der drei Terrassen mit Columbarien, Urnennischen, Felsengräbern, Brunnen und Rampen sowie ein Schnitt durch die Gesamtanlage. Am 1. Mai 1905 reichten Fritz Bleyl und Ernst Ludwig Kirchner an der Königlich Sächsischen Technischen Hochschule in Dresden ihre Diplomarbeiten ein und erhielten am 1. Juli nach erfolgreichen Prüfungen ihre Zeugnisse zum Diplomingenieur. Die Gründung der Künstlergruppe „Brücke“, gemeinsam mit den Kommilitonen Erich Heckel und Karl Schmidt aus Rottluff, erfolgte kurz zuvor am 7. Juni und besiegelte die Abwendung von der erfolgten Ausbildung. Das Programm der Künstlergruppe schnitt Kirchner im Jahr darauf in Holz: „Mit dem Glauben an Entwicklung, an eine neue Generation der Schaffenden wie der Geniessenden rufen wir alle Jugend zusammen und als Jugend, die die Zukunft trägt, sollen wir uns Arm- und Lebensfreiheit verschaffen gegenüber den wohlangesessenen älteren Kräften. Jeder gehört zu uns, der unmittelbar und unverfälscht das wiedergiebt, was ihn zum Schaffen draengt“.

Mit diesem Befreiungsschlag lösten sich die vier ehemaligen Architekturstudenten von jeglichen einengenden Normen, um völlig frei das darzustellen, was sie beim Anblick eines Motives empfanden. Wie sich alsbald zeigen sollte, begannen sie auch die Grundpfeiler ihrer Ausbildung auszuhebeln und nicht mehr nach den Richtlinien der Perspektive, sondern ganz direkt nach Bedeutung und Wichtigkeit darzustellen. Darstellungen von Tischen, Innenräumen und Gebäuden entstanden, die verzerrt nach inneren Bedürfnissen der Künstler gemalt und gezeichnet wurden, sodass man Objekte nicht hintereinander, sondern übereinander und Räume aufgeklappt in den Bildern wahrnahm. Dies führte zu einer sehr eigenen Sprache der Expressionisten, die nicht von allen auf Anhieb verstanden werden konnte und die mit Sicherheit mitverantwortlich für die geringe Wertschätzung in den Ländern des Mittelmeerraumes ist, wo der Deutsche Expressionismus immer noch nicht in der Form kunsthistorisch anerkannt ist und von dem Publikum geschätzt wird wie es ihm gebührt. Im deutsch- und englischsprachigen Raum schafften die Künstler der „Brücke“ mit zahlreichen Ausstellungen den Durchbruch und erlangten künstlerischen und finanziellen Erfolg, dem selbst die Verfemung während des Dritten Reiches kaum etwas anhaben konnte.

Alexandra Henze Triebold

 

Wir laden Sie und Ihre Freunde herzlichst ein zur Vernissage, am Freitag, dem 9. November 2018, zwischen 12.00 und 19.00 Uhr, oder auch gerne zu einem späteren Besuch der Ausstellung.

Wir würden uns sehr freuen, Sie und Ihre Kunstfreunde in unserer Galerie begrüssen zu dürfen.

Galerie Henze & Ketterer
Kirchstrasse 26, CH 3114 Wichtrach
Tel. +41 (0)31 781 06 01
Galerie Henze & Ketterer & Triebold
Wettsteinstrasse 4, CH 4125 Riehen
Tel. +41 (0)61 641 77 77