Wichtrach/Bern


ERICH HECKEL

20. Mai 2017 - 22. September 2017

Mini-Katalog

  • Heckel 1913 1G V1913-45 Alsterlandschaft 01

    Erich Heckel
    Alsterlandschaft (Die Alster bei der Mellingburger Schleuse).
    Öl und Tempera auf Leinwand 1913.
    69,5 x 79 cm.
    Obj. Id: 80008

  • Heckel 1917 2A Ostende  Casino

    Erich Heckel
    Ostende, Casino.
    Aquarell auf Velin 1917.
    43 x 30 cm.
    Obj. Id: 66375

     

     

  • Heckel 1911 5H D220 Liegende auf schwarzem Tuch

    Erich Heckel
    Liegende auf schwarzem Tuch. Farbholzschnitt auf festem Velin 1911.
    27,7 x 42,4 auf 40,5 x 50 cm.
    Obj. Id: 80263

     

     

  • Heckel 1929 2A Moissac 01

    Erich Heckel
    Moissac.
    Aquarell 1929.
    54 x 69 cm.
    Obj. Id: 65562

     

     

  • Heckel 1912 5H D234 a I  von II  Stehende

    Erich Heckel
    Stehende.
    Holzschnitt, aquarelliert 1912.
    54 x 19 auf 58 x 35 cm.
    Obj. Id: 80020

     

     

  • Heckel-19221GGebirgslandschaft 03

    Erich Heckel
    Gebirgslandschaft.
    Öl auf Leinwand 1922.
    83 x 96,5 cm.
    Obj. Id: 67906

  • Heckel-1944-2A-Wilder-Schneeball 04

    Erich Heckel
    Wilder Schneeball.
    Aquarell über Kreide 1944.
    61,5 x 48 cm.
    Obj. Id: 67922

  • Heckel 1910 7L D153 Szene im Wald

    Erich Heckel
    Szene im Wald - Akte in der Waldlichtung.
    Lithographie 1910.
    27,6 x 34 auf 40 x 53,7 cm.
    Obj. Id: 67848

 

ERICH HECKEL
(Döbeln in Sachsen 1883 - 1970 Radolfzell am Bodensee)
Das gesamte Werk: Der expressiven Gestaltung der Welt zwischen Nietzsche, George und Stahlgewittern folgt Ruhe nach dem Sturm, verhaltene Form, zarte Farbe, inneres Leuchten

 

Das Werk Erich Heckels umfasst weite Räume des Lebens, der Kunst, der Literatur, der Aufenthalte in vielen Ländern, der Themenkreise und der Techniken. Es entwickelt stilistisch aus seinen expressionistischen Ursprüngen eine persönliche Form des Magischen Realismus in den 20er Jahren, die bis in die 60er Jahre hinein nichts von ihrer delikaten Kraft verliert. Es schöpft spirituelle Anregungen aus der Lektüre von Nietzsche, Dostojewski, Jean Paul, Stefan George und Hölderlin. Es beschreibt Städte und Landschaften von Dresden über Rom, Berlin, Flandern, Ostseeküste, Sylt, Südfrankreich, Bodensee, Kärnten bis in das hohe und kühle Engadin der 50er und 60er Jahre. Es nähert sich dem Menschen in einfachen Szenen der Arbeit, des Varietés, des Zirkus, des Badens – aber auch des unmittelbaren Kriegserlebnisses - und der Persönlichkeit des einzelnen Menschen im Porträt. Es nähert sich neben Mensch und Erde auch den Dingen im Stilleben. Wir können in dieser Ausstellung - um es schlagwortartig zu sagen - "den ganzen Heckel" zeigen.

Dies ist nur möglich geworden durch den jahrzehntelangen Einsatz unserer Galerie für und die Beschäftigung mit dem Werk von Erich Heckel auch in Zusammenarbeit mit dem Neffen und Nachlassverwalter von Erich Heckel, Hans Geissler. Dies wurde andererseits aber auch nur möglich durch die Vorgeschichte unseres Hauses, nämlich durch die lange Freundschaft und Zusammenarbeit von Roman Norbert Ketterer und seiner erst kürzlich verstorbenen Frau Rosemarie mit Siddi und Erich Heckel seit den späten 40er Jahren. Nur so konnte eine so umfangreiche und umfassende Ausstellung dieses Malers, dem wir uns hoch verpflichtet fühlen, noch einmal möglich werden.

Als im Winter 1905/1906 unmittelbar nach Gründung der Künstlergruppe "Brücke" in Dresden sich einige Architektur- und Kunstakademiestudenten in der "Bude" von Ernst Ludwig Kirchner trafen, um in immer rascherer Folge Akt zu zeichnen, nämlich den von Ihnen dann so genannten "Viertelstundenakt", wurden die Grundlagen für die besondere dresdnerisch-berlinische Ausprägung des "wilden", des fauvistisch-expressionistischen Stiles gelegt. Dort in der Künstler-Gruppe "Brücke" erarbeitete auch Erich Heckel gemeinsam mit seinen Freunden die Grundlagen seiner Kunst. Er war aber zudem der Organisator dieser Künstlergruppe, die bereits ab 1905 zahlreiche Ausstellungen ihrer Werke im In- aber auch im Ausland zeigte. Bis 1913 waren es insgesamt 120, eine organisatorische Meisterleistung, bedenkt man den zunächst geringen Erfolg und die dementsprechend geringen Mittel. Heckel reiste wohl gern und dies sollte sein Leben prägen. Zum anderen jedoch - und dies scheint mit der Persönlichkeit eines Organisators, eines "Machers", auf den ersten Blick unvereinbar - war er auch das geistig-intellektuelle Zentrum der Gruppe. Heckel schritt laut aus Nietzsches Zarathustra zitierend die Treppe hinauf zu Kirchners Atelier: So lernten die beiden sich kennen.

Dies sind die drei Wurzeln von Kunst und Persönlichkeit Erich Heckels: Die Miterarbeitung des Expressionismus, der Drang in die Weite, in die Welt und deren Gestaltung in einem „orbis pictus“, und schliesslich grosse Literatur und ihre Gestalten - das Leben mit seinen Ereignissen von Aussen und seinen Wandlungen von Innen tat ein Übriges.

Die beiden grossen Kriege trafen Heckel in unterschiedlicher aber sehr nachhaltiger Weise: Im zweiten besonders das Werk, denn in seinem Atelier in Berlin und in einem verlassenen Bergwerk, wohin ein Teil seiner Werke ausgelagert war, verbrannten zahlreiche Arbeiten, so dass wir über weite Bereiche des frühen Werkes nur lückenhaft unterrichtet sind. Im Verzeichnis der Gemälde sind manchmal 50 bis 70% eines Jahrganges als "verbrannt" oder "verschollen" gekennzeichnet. Dies zu wissen, ist für Beurteilung und Bewertung des Werkes von Erich Heckel eine wichtige Voraussetzung.

Der erste grosse Krieg traf den Menschen. Künstler und Kunsthistoriker scheinen 1914 zu den wenigen gehört zu haben, die spürten, dass dies kein Krieg war wie die vorausgegangenen. Das scheint mir nicht von ungefähr zu kommen, befassen sich Künstler und Kunstkenner doch mit Qualitäten und sind daher sensibel für qualitative Veränderungen. Sie waren manchmal sogar so vernünftig, Furcht zu haben. Sie fürchteten aber vor allem um ihre Kunst, die ohne Sie ohne Fortsetzung bleiben musste. Heckel kam in die legendäre Sanitäts-Abteilung in Flandern, in welcher der Kunsthistoriker Walter Kaesbach eine ganze Reihe von Künstlern zusammengebracht hatte, unter anderem auch Max Beckmann. Dort freundete sich Heckel mit einigen Mitgliedern des Stefan-George-Kreises an. Einer von Ihnen, Ludwig Thormaehlen, erinnert sich an Heckel: "der mich durch seine Geistigkeit, ja fast Weisheit fesselte." Dem Kreis um Heckel gehörten neben diesem vor allem Ernst Morwitz, der Baseler Bildhauer Alexander Zschokke und der Berner Kunsthistoriker Wilhelm Stein an, die Heckel alle porträtierte.

Das Kriegserlebnis und der neue Dichter führten zu einem inneren Wandel Erich Heckels. (Im Übrigen sei Dies und das Folgende mit aller Vorsicht gesagt, denn wir wissen hierüber kaum etwas von Heckel selbst, da er sich nur selten äusserte.) In der 9. Folge der "Blätter für die Kunst" von Stefan George aus dem Jahre 1910 findet sich bereits eine Stelle, die Heckel auf seinem neuen Wege bestärkt haben könnte: "dieses Ringen nach der höchsten formalen Vollendung der Werke, diese Liebe für das Runde (Kosmische), das in sich Vollkommene, das nach allen Seiten hin Richtige, diese Ablehnung des nur Triebhaften, Skizzenhaften, Nicht-Ganz-Gekonnten, deshalb Überschüssigen, halb Unzulänglichen...: diese Liebe und diese Ablehnung setzen mehr voraus als eine Formel - nämlich eine geistige Haltung, ja eine Lebensführung."

Das betont Expressionistische, eben das Stilmittel der Übersteigerung von Form, Farbe und Gebärde, wird mit der Wiederaufnahme der Arbeit nach Kriegsende 1918 in Heckels Kunst immer stärker durchgeistigt, bis hin zu einem "Leuchten von Innen", das seinen Höhepunkt erstaunlicherweise in der Zeit des Grauens während des zweiten Weltkrieges in  seinen Kärnten- und Bodensee-Landschaften erreicht. Ausdruck im Sinne einer starken Wirkung bleibt jedoch immer ein Merkmal der Kunst Heckels, dem ja dieser vermeintliche Stilwandel um 1918/19 so oft vorgeworfen wird. Aber, so darf man fragen, warum hat er denn nicht einfach so weiter gemalt wie vorher? Er hätte dies doch tun können! Die Fähigkeit, Form, Farbe und Gebärde so zu gestalten, wie zuvor, war ihm doch nicht einfach abhanden gekommen. Wir müssen in aller Bescheidenheit nach dem Warum des Wandels bei Heckel fragen. Das haben wir soeben ein wenig versucht.

Und dann doch auch noch dieses: Dass letztlich die Kontinuität im Werk Erich Heckels weitaus grösser und bedeutsamer ist als der Wandel, zeigt nicht zuletzt ein Vergleich des frühen Landschaftsgemäldes "Park von Dilborn II" von 1914, das wir glücklicherweise hier zeigen können, mit allen weiteren Landschafts-Darstellungen dieser Ausstellung - und diese sind zahlreich - bis hin zu der grossartigen Folge der Darstellungen des Engadin der 50er Jahre, die dem Abschluss dieser Ausstellung ihr besonderes Gepräge geben.

Wolfgang Henze

 

Text zur 115. Ausstellung in der Galerie Henze & Ketterer, Wichtrach/Bern

Galerie Henze & Ketterer
Kirchstrasse 26, CH 3114 Wichtrach
Tel. +41 (0)31 781 06 01
Galerie Henze & Ketterer & Triebold
Wettsteinstrasse 4, CH 4125 Riehen
Tel. +41 (0)61 641 77 77