Wichtrach/Bern

 

Georg Baselitz - Ernst Ludwig Kirchner

Arbeiten auf Papier

verlängert bis zum 12. Januar 2019

Onlinekatalog

Diashow der Ausstellung

     

  • Baselitz 1984 2A Ohne Titel 6X84 75146 03

    Georg Baselitz
    Ohne Titel (Hände).
    Gouache 1984.
    65,5 x 47,7 cm.
    Obj.Id 75146

     

     

  • Baselitz 2002 Indianergrab 5H 80307

    Georg Baselitz
    Indianergrab.
    Linolschnitt 2002.
    201 x 150 auf 228 x 170 cm.
    Obj.Id 80307

  • Baselitz 2002 5H La Nuit mit Marie gerahmt in der Ausstellung 2018 in Ri

    Georg Baselitz
    La nuit de Marie.
    Linolschnitt 2002.
    202 x 150 auf 228 x 170 cm.
    Obj.Id 80311

     

     

  • Kirchner 1916 2A Dame vor Waldstueck

    Ernst Ludwig Kirchner
    Dame vor Waldstück.
    Aquarell über Bleistift 1916.
    53 x 36 cm.
    Obj.Id 65547

  • Kirchner 1918 5H D330 II-III Kopf Ludwig Schames 76977 orig

    Ernst Ludwig Kirchner
    Kopf Ludwig Schames.
    Holzschnitt 1918. Dube H 330.
    56,5 x 26,5 auf 57 x 44,5 cm.
    Obj.Id 80021

     

     

  • Kirchner 1937 5H D673 II Die Empfindungen

    Ernst Ludwig Kirchner
    Die Empfindungen.
    Holzschnitt 1937. Dube H 673.
    50 x 36,9 auf 60,5 x 43,5 cm.
    Obj.Id 67087

     

     

 

 

GEORG BASELITZ - ERNST LUDWIG KIRCHNER

Arbeiten auf Papier

Holz- und Linolschnitte, Radierungen, Lithographien, Zeichnungen, Aquarelle
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Georg Baselitz erlebte in diesem Jahr, durch zahlreiche Ausstellungen und Publikationen geehrt, seinen 80. Geburtstag. Dennoch ist er einer der „gegenwärtigsten“ Künstler geblieben und dies obwohl sein Werk aus stärksten Wechselwirkungen zur Zeit- und Kunstgeschichte lebt, zu einzelnen Künstlerpersönlichkeiten, neben Edvard Munch und Emil Nolde insbesondere Ernst Ludwig Kirchner. Beider Werke konnten sich vor fünf Jahren in „Besuch bei Ernst Ludwig“ im Kirchner Museum Davos begegnen, einer Ausstellung, die noch von Karin Schick entriert und dann von Thorsten Sadowsky dort ausgerichtet wurde. Im begleitenden Katalog haben sich Günther Gercken, Anselm Wagner und Dieter Koepplin präzise mit den ebenso komplizierten wie fruchtbaren Interdependenzen der Werke und der Persönlichkeiten auseinandergesetzt.

In eben dem Jahr, 1938, in welchem Kirchner in Davos aus dem Leben schied – nicht zuletzt, weil die Politik ihn und damit auch seine Kunst wieder einmal existentiell bedrohte – wurde Baselitz in das lebens- und kunstbedrohende Deutschland geboren und zwar im östlichen Teil, in dem dies auch nach 1945 ähnlich bleiben sollte. Zwischen den beiden künstlerischen Positionen, die wir hier gegenüberstellen, liegen also zwei Generationen, zwischen den frühesten Werken von Kirchner und den spätesten von Baselitz sogar drei - fast ein Jahrhundert.

Als „Brücke“- und insbesondere Kirchner-Spezialisten beziehen wir in unsere Arbeit auch die gesamte nachfolgende expressive oder „heftige“ Malerei bis in die Gegenwart ein. Konsequenterweise haben wir im Winter 2007/08 eine umfassende Ausstellung des bedeutendsten Exponenten der Wiederbelebung expressiver Malerei nach 1960, nämlich Georg Baselitz, gezeigt und fragen in dieser Ausstellung nach einer ersten solchen im Jahre 2009/10 in ihren Arbeiten auf Papier nach der Vergleichbarkeit von Unvergleichbarem, nämlich von Kunstwerken, die völlig unterschiedlichen Zeiten entstammen und doch von Künstlerpersönlichkeiten geschaffen wurden, die in Methode und Strategie merkbare Ähnlichkeiten aufweisen.

Prädestiniert, einen Beitrag zur figurativen Malerei bzw. zu deren Wiederbelebung zu leisten, war er bereits als Student der Kunsthochschule in Ost-Berlin in den 50er Jahren, lehnte man doch in der DDR jede nichtfigurative Malerei als reinen Formalismus mit „Nachdruck“ ab. Allerdings sollte es auf ganz andere und Aufsehen erregende Weise dahin kommen. Hans-Georg Kern wurde nämlich 1957 wegen „gesellschaftspolitischer Unreife“ von der Hochschule verwiesen, wechselte an die entsprechende Hochschule in West-Berlin, geriet dort aber mitten in die intensivste Phase der weltweiten Abstraktion und wurde Schüler von einem ihrer Exponenten, nämlich Hann Trier, schloss sogar als Meisterschüler ab.

Dann wechselte er allerdings den Namen in Georg Baselitz nach seinem Geburtsort und malte Bilder, welche öffentliches Ärgernis erregten und jahrelange Prozesse nach sich zogen, weil sie eben direkt und expressiv waren. Das war man damals nicht mehr gewohnt und es war überhaupt eine Zeit vor 1968, in der man sich empören wollte, vornehmlich im Bereich des Sexuellen. Baselitz malte sich Obsessionen intimer und allgemeiner Erlebnisse vom Leibe, von „Die grosse Nacht im Eimer“ über seine „Helden-Bilder“ zu „Die grossen Freunde“, das er selbst zu einem „guten Bild“ begründet deklarierte.

Im Jahre 1969 vollzog sich Ausserordentliches in seiner Malerei: Vom Gemälde „Der Wald auf dem Kopf“ an malte er alles auf dem Kopf. Zu den Gründen hierfür wurde viel gefragt und gesagt. Eine Konsequenz scheint wesentlich: Das Motiv ist zwar klar erkennbar, jedoch nicht so rasch. Es bestimmt zwar nach wie vor das Bild, tritt jedoch zurück zugunsten der Wirkung der reinen Malerei nach dem Motto: „Bitte, bitte, verstehen Sie mich nicht allzu schnell.“

Das Verdikt der DDR-Professoren wegen „gesellschaftspolitischer Unreife“ traf doch wohl den Kern, denn Baselitz geht es selbst bei seinen jüngsten „Russenbildern“ im Portrait von Josef Stalin, der doch leidvoll seine Jugend bestimmte, vor allem und zunächst darum, daraus ein gutes Bild zu machen. Was Baselitz macht, ist eben grandiose Malerei, selbstverständlich Kunst, die immer subversiv gegen die Macht arbeitet, wie spätestens seit dem Konflikt Ovid-Augustus allenthalben bekannt, auch gegen die Macht der (staatlichen) Kunsthochschulen.

Solchen hatte sich Kirchner, wenn auch der zwei Generationen Ältere, von vornherein entzogen. Die „Brücke“-Ateliers wurden zur Akademie, in der aber durchaus pausenlos gearbeitet, geübt und vor allem gezeichnet wurde. Leben und Kunst hätten jedoch antibürgerlicher, provokanter gar nicht sein können. Dennoch war das kaiserliche Deutschland aber wohl anders als sein Ruf, denn weder hatten die „Brücke“-Künstler wegen ihrer wilden Ehen und ihres nackten Treibens in den Ateliers und im Freien irgendwelche Schwierigkeiten, noch wurden z. B. von der kaiserlichen Post ihre vielfach mit prächtigen Akten bemalten Postkarten beanstandet. Kirchner erlebte allerdings dann während des Ersten Weltkrieges einen Angriff staatlicher Macht auf sein Leben, aber erst am Ende seiner Karriere 1936 den Zugriff des Staates auf sein künstlerisches Werk, das gesamte in deutschen Museen befindliche. Dieser Zugriff wurde 1938 mit dem Einmarsch der Nazis in dem nur wenige Kilometer von seinem Davoser Haus entfernten Österreich zum existentiellen Würgegriff.

Die Erfahrungen der beiden Künstler gründen also nicht nur in völlig unterschiedlichen Zeiten sondern verlaufen auch in umgekehrter Reihenfolge, sozusagen auf den Kopf gestellt. Zudem wurde Kirchners Leben mit 58 Jahren abgeschnitten, so dass er zu einem Resumée, zu einer Zusammenfassung keine Gelegenheit mehr hatte, wie sie in den vergangenen Jahren Baselitz in seiner Werkgruppe „Remix“ geleistet hat, einer Wiederaufnahme seiner (noch nicht umgekehrten) Motive der Mitte der 60er Jahre mit neuen Mitteln.

Wir zeigen die Ergebnisse beider Werke auf Papier in allen Techniken. „Papier ist geduldig“, wie allgemein für den Textdruck kolportiert, Papier ist für den Künstler jedoch gar nicht geduldig sondern eine gewaltige Herausforderung, lässt es doch – im Gegensatz zu den Möglichkeiten der Malerei von den Pentimenti bis zur völligen Übermalung – kaum Korrekturen zu, das Aquarell und die Druckgraphik schon gar nicht. Arbeit auf Papier ist sofort definitiv und ein einmal vollzogener Strich auf Papier, auf der Radierplatte oder ein Schnitt im Linol- oder Holzstock ist nicht mehr korrigierbar. Daher ist für den Peintre-Graveur, und solche sind Baselitz und Kirchner beide, die Arbeit auf Papier und insbesondere die Druckgraphik nicht Vor- oder Zwischenstufe ihrer Auseinandersetzung mit einer Komposition sondern deren Endergebnis. Dies ist bei beiden sehr genau zu beobachten.

Baselitz‘ Holzschnitte können sehr grossformatig sein, in dieser Ausstellung bis zu 2 m hoch. Kirchners grösster Holzschnitt erreicht mit 85 cm kaum die Grösse der kleinsten Formate von Baselitz. Noch grösser ist die Grössen-Diskrepanz bei den Radierungen, die bei Kirchner meist nur 25 cm erreichen, bei Baselitz in dieser Ausstellung dagegen 100 cm. Ein Faktum, das vor allem bei der Betrachtung von Abbildungen immer beachtet werden sollte.

Ähnlichkeiten und Übereinstimmungen werden sogleich augenfällig sowohl bezüglich der Techniken wie auch bezüglich der stilistischen Methodik, der künstlerischen Umsetzung, welche eben die des Expressiven ist, der Übersteigerung von Form, Farbe und Gebärde. Die ins Holz gerissenen Schnitte in den weiten schwarzen Flächen zeugen von übereinstimmender künstlerischer Grundhaltung beim Holzschnitt wie auch die mit dem Tuschpinsel in reinstem horror vacui zugemalten Blätter oder die in heftigem Strich abgetasteten Baumstrukturen.

Was für Kirchner allerdings reale und direkt erlebte Gegenwart oder gar Zukunft war, ist bei Baselitz Vergangenheit. Das inzwischen Geschehene wiegt zu schwer. Gerade weil in der gleichen expressiven Methode geschaffen, zeigen uns diese beiden künstlerischen Werke ihre jeweiligen unterschiedlichen Befindlichkeiten um so eindringlicher. Im Vergleich wird das Unvergleichliche offenbar.

Wolfgang Henze


Text zur 119. Ausstellung in der Galerie Henze & Ketterer, Wichtrach/Bern
 

Galerie Henze & Ketterer
Kirchstrasse 26, CH 3114 Wichtrach
Tel. +41 (0)31 781 06 01
Galerie Henze & Ketterer & Triebold
Wettsteinstrasse 4, CH 4125 Riehen
Tel. +41 (0)61 641 77 77