RIEHEN / BASEL

DEUTSCHER EXPRESSIONISMUS UND KLASSISCHE MODERNE

29. April - 27. August 2016

Einladungskarte (PDF)


Minikatalog (PDF)

  • Kirchner 1921 1G G0664 Berghirte im Herbst 06

    Ernst Ludwig Kirchner
    Berghirte im Herbst (Berghirte mit Ziegen).
    Öl auf Leinwand 1921.
    Gordon 664, 120 x 90,5 cm.
    Obj. Id. 67942

  • Hofer 1936 1G W1219 Maedchen mit Amaryllis

    Karl Hofer
    Mädchen mit Amaryllis.
    Öl auf Pappe, auf Spanplatte um 1936.
    Wohlert 1219. 91 x 71 cm.
    Obj. Id. 80025

  • Kirchner 1921 1G G0720 Hohe Kiefern vor Huegellandschaft

    Ernst Ludwig Kirchner
    Hohe Kiefern vor Hügellandschaft.
    Öl auf Holz 1921-1923.
    Gordon 720. 70 x 37 cm.
    Obj. Id. 64932

  • Heckel 1953 2A Stilleben mit Blumen und arabischem Krug

    Erich Heckel
    Stilleben mit Blumen und arabischem Krug.
    Aquarell 1953.
    63 x 48,5 cm.
    Obj. Id. 77258

  • Mueller-Oerlinghausen 1952 8PL Henze 254 Erwartung 04

    Berthold Müller-Oerlinghausen
    Erwartung (Sitzender Jüngling).
    Bronze 1952.
    Henze 254. Höhe: 73-77cm
    Obj. Id. 66603

  • Rohlfs-1921-1G-Saengerin-I 01

    Christian Rohlfs
    Sängerin I (Vier Menschen).
    Tempera auf Leinwand um 1921.
    Vogt 668. 80 x 60 cm.
    Obj. Id. 80004


DEUTSCHER EXPRESSIONISMUS UND KLASSISCHE MODERNE

29. April - 27. August 2016

 

Ein sitzender Hirtenbube, vom Betrachter abgewandt, hütet seine Ziegen, die hinter ihm gestaffelt am Berghang entlang grasen. Der Jüngling ist grün gekleidet, trägt einen grünen Hut, braune, niedrige Stiefel und führt einen Stock. Er beherrscht den Vordergrund und beobachtet und hütet seine kleine Herde. Hinter ihm, ebenfalls im Vordergrund auf der linken Seite des Bildes sieht man wohl Enziane. Ebenfalls blau gefasst ist die Holzhütte im Mittelgrund hinter dem Hirten. Ganz prominent in der Mitte des Bildes befinden sich drei Geröllhalden oder alte Lawinenkegel, die wie Verletzungen des Berges in Erscheinung treten und in der Farbe Rosa bis Altrosa schimmern. Dies wohl ein Wiederschein der sich im Abendlicht befindlichen, rosa bis altrosa gefärbten Wolken am Himmel. Rechts davon am Berghang übereinander gestaffelt grasen die Schützlinge unseres Berghirten. Sie sind leuchtend gelb und bedeutungs-perspektivisch übergross dargestellt.
Darüber die beiden Bergkuppen mit braunen Felsen und etwas grüner Wiese sowie abschliessend ein wunderbarer blauer Abendhimmel mit rosa Wolken.

Das Gemälde „Berghirte im Herbst (Berghirte mit Ziegen)“ hat der expressionistische Künstler Ernst Ludwig Kirchner 1921 geschaffen, also wenige Jahre nach seiner Übersiedlung von der Deutschen Grossstadt Berlin in die Schweizer Berglandschaft nach Davos. 1917 kam er zum ersten Mal nach Davos, übersiedelte aber erst später definitiv in die Bergstadt. Die Sommermonate verbrachte er regelmässig auf der Stafelalp, wo er eine der Hütten für sich und seine Leinwände und Farben mietete. Hier entstand wohl diese Komposition, die noch sehr stark vom städtischen Stil zehrt. Kirchner vermochte seinen in Dresden und dann besonders in Berlin entwickelten raschen und zackigen Pinselstrich in seine in Davos entstandenen Landschaften zu übertragen. Seinen für ihn typischen Stil behielt er bei und wandte diesen an der neuen Umgebung an. Nicht mehr das unstete Stadtleben, sondern die besinnliche Berglandschaft mit ihren Bewohnern inspirierte den Künstler nun zu seinen grandiosen Bildwelten. Typisch für Kirchners expressionistischen Stil bleiben hier in dieser Darstellung die kontrastreichen Farben sowie die streng perspektivisch nicht korrekte Wiedergabe der Einzelheiten. Gelbe Ziegen, rosarote Tali (aus dem lateinischen „Talus“ für Geröllhalde), blaue Hütte, und altrosa Wolken widerspiegeln hier nicht die vom Künstler gesehene Realität, sondern eine von ihm zu einem expressiven Bild komponierte erdachte Realität und noch eindrücklicher die relative Grössenordnung der Elemente untereinander ist vom Künstler interpretiert und so wiedergegeben, dass man von Bedeutungs-Perspektive reden muss: Alles erscheint in dem Gemälde übereinander gestaffelt und nicht hintereinander angeordnet. Besonders die Ziegen sind viel zu gross an dem fernen Berghang. Der Berghang erscheint auch zu steil und die Bergkuppen zu prominent, als sei alles in Richtung Betrachter nach vorne gekippt. Dies etwas, was man im Werk des Künstlers oft beobachten kann. Die strenge Perspektive wird völlig aufgehoben zugunsten einer Anordnung, die nach Bedeutung und Wichtigkeit strebt: Was der Künstler besonders betonen möchte, erscheint einfach prominenter und grösser und wird durch leuchtende Farben hervorgehoben. Dieses Werk ist noch völlig durchtränkt von dem expressionistischen Berliner Stil.


Bauknecht

In Davos machte Ernst Ludwig Kirchner Bekanntschaft mit einigen weiteren dort lebenden Künstlern, unter Anderem mit Philipp Bauknecht, der schon 1910 aufgrund einer Tuberkuloseerkrankung in die Bergstadt kam. Belegt sind erste Kontakte zwischen den beiden Künstlern aber erst 1919. Eben zu dieser Zeit schuf Bauknecht zwei fast identische Werke: "Hirtenknabe" und "Hirtenjunge mit Ziege", die offensichtliche Parallelen zu dem oben beschriebenen Werk von Kirchner aufzeigen. Wenn man die Werke vergleicht, die ein recht ähnliches Format aufweisen, bemerkt man sogleich gewisse Ähnlichkeiten im Sujet: Auch in Bauknechts Darstellungen befinden sich ein Hirte in der unteren Bildhälfte, der sitzend mit einem Hut und einem Stock die Ziegen in der rechten Bildhälfte hütet. Der Bildaufbau ist etwas anders gelagert, so nehmen die Berge in Bauknechts Versionen eine viel prominentere Rolle ein und die Farbwahl ist noch expressiver mit starken violetten, rosa und roten Akzenten, aber ein direkter Bezug zwischen den Werken ist kaum zu leugnen. Kirchner kannte wohl das Werk "Hirtenjunge mit Ziege", wie eine Fotografie von einem Besuch Bauknechts mit dem Werk bei ihm im Jahre 1919 belegt.
Die Gemälde von Philipp Bauknecht befinden sich in Privatsammlungen.
Copyright Galerie Iris Wazzau Davos


Der Rahmen unseres Werkes ist original aus der Zeit, von Kirchner selbst in Auftrag gegeben und dann farbig gefasst. Der Künstler kaufte oft alte Rahmen oder liess sich diese anhand eigener Zeichnungen anfertigen, schnitt diese auf das richtige Mass zu und bemalte diese dann, so dass die Farben des darin enthaltenen Werkes übernommen wurden. Zeichnungen von Profilen finden sich in seinen Skizzenbüchern.

Weitere Landschaften von Erich Heckel, Conrad Felixmüller, Hans Purrmann und George Grosz sowie Stillleben von Karl Hofer, Christian Rohlfs und Ernst Ludwig Kirchner, Emil Nolde und Max Peiffer Watenphul werden Sie in unserer Kommenden Ausstellung betrachten können. Einige ungegenständliche Werke von Fritz Winter und Ernst Wilhelm Nay werden die Präsentation vervollständigen.

Wir laden Sie und Ihre Freunde herzlichst ein zur Vernissage, die dieses Mal wieder an einem Freitag stattfinden wird, und zwar am 29. April von 12.00 bis 19.00 Uhr, oder auch gerne zu einem späteren Besuch der Ausstellung.

Verbinden Sie doch einen Besuch in unserer Galerie mit einem Gang durch die wunderbaren Ausstellungshallen der Fondation Beyeler, die sich nur wenige hundert Meter von uns entfernt in Riehen befinden. Bis 8. Mai können Sie dort noch die Ausstellung "Jean Dubuffet - Metamorphosen der Landschaft" sehen. Vom 29. Mai bis 4. September werden Sie dort die Möglichkeit haben die Ausstellung von Alexander Calder & Fischli/Weiss zu besuchen. Werke aus der Sammlung der Fondation Beyeler sind immer zu sehen.

Alexandra Henze Triebold

Für weitere Informationen über Programm und Aktivitäten der Galerie, laden wir Sie herzlich auf unsere Webseite ein: www.henze-ketterer-triebold.ch

vers. 16-06-07

Galerie Henze & Ketterer
Kirchstrasse 26, CH 3114 Wichtrach
Tel. +41 (0)31 781 06 01
Galerie Henze & Ketterer & Triebold
Wettsteinstrasse 4, CH 4125 Riehen
Tel. +41 (0)61 641 77 77