RIEHEN / BASEL

Eine Oase der Ruhe

Liegende und Ruhende vom Expressionismus bis heute

1. September 2017 bis 13. Januar 2018

Einladungskarte (PDF)

Minikatalog (PDF)

  • Kirchner 1926 2A Liegende Frau auf Sofa

    Ernst Ludwig Kirchner
    Liegende Frau auf Sofa.
    Aquarell über schwarzer Kreide um 1926.
    34 x 50 cm.
    Obj. Id: 79849

     

     

  • Kirchner 1927 5H D556 Liegende Frau auf Sofa

    Ernst Ludwig Kirchner
    Liegende Frau auf Sofa.
    Holzschnitt 1926.
    36,5 x 47 cm. 
    Obj. Id: 79593

     

     

     

  • Heckel 1911 5H D220 Liegende auf schwarzem Tuch 02

    Erich Heckel
    Liegende auf schwarzem Tuch.
    Farbholzschnitt 1911.
    27,7 x 42,4 auf 40,5 x 50 cm.
    Obj. Id: 80263

  • Mueller 1921 7L K146 I Maedchen auf dem Kanapee 76669

    Otto Mueller
    Mädchen auf dem Kanapee.
    Lithographie 1921-1922.
    43,5 x 56 cm.
    Obj. Id: 76669

     

     

  • Hartung 1948-49 8PL K411 Liegende mit ueber dem Kopf verschraenkten Armen

    Karl Hartung
    Liegende mit über dem Kopf verschränkten Armen.
    Bronze um 1948/49.
    78 cm.
    Obj. Id: 67509

     

     

  • Brodwolf 1981 Figuren-Entfaltung 01

    Jürgen Brodwolf
    Figuren-Entfaltung (Bewegungsablauf).
    Drei Figurentafeln 1981.
    91 x 51 x 5 cm.
    Obj. Id: 66213

     

     

     

 

Eine Oase der Ruhe
Liegende und Ruhende vom Expressionismus bis heute


1. September 2017 bis 13. Januar 2018

 

Idealisierte Darstellungen von Verstorbenen, liegend wie bei einem Gelage, zierten schon Sarkophage der Etrusker, später der Römer. Stilisiert finden wir die aufgebarten Toten in den Vasendarstellungen der frühen geometrischen Kunst der Griechen. Frühe Beispiele liegender Darstellungen in der bildenden Kunst, die nicht dem Totenkult verpflichtet sind, finden wir hingegen beispielsweise seitlich in den Zwickeln der altgriechischen Tympana. Unter den als Elgin Marbles in die Geschichte eingegangenen Fragmenten des Bildschmucks vom Parthenon der Athener Akropolis beispielsweise die Darstellung eines Flussgottes und des Dionysos. Zahlreich überliefert sind dann aus der klassischen römischen Kunst Darstellungen in Skulptur und Malerei von Gelagen, wie sie bei den alten Römern sehr beliebt waren. Es seien hier die wunderbaren Darstellungen in Pompeji erwähnt, die Innenräume ehemaliger Wohnhäuser zieren.

Die darauffolgende christliche Kunst entwickelte neue Formen von Liegenden in der Kunst; hier waren es vor allem die Geburten der Maria oder von Jesus, mit Maria im Wochenbett. Selbstverständlich wurden auch hier Tote liegend dargestellt, wie in der Pietà oder der Grablegung Christi. Verbreitet waren auch liegende Tote auf dem Schlachtfeld.

Emanzipiert hat sich die Liegende in der Kunst wohl aber erst Ende des XVIII. Jahrhunderts mit Künstlern wie Francisco de Goya mit seinem doppelten Bildnis „Maja vestida“ („Bekleidete Maja“) und „Maja desnuda“ („Nackte Maja“), wobei die Bezeichnung „Maja“ sich nicht auf eine bestimmte, identifizierbare Person bezieht, sondern für ein attraktives Mädchen oder eine junge Frau steht. Goya bricht in diesen Darstellungen mit der Tradition der bis dahin schamhaft sich verhüllenden Frau und wurde hierfür von der Inquisition vorgeladen, die ihm daraufhin den Titel „Königlicher Hofmaler“ aberkannte. Bis dahin wurden nackte Körper nur in Verbindung mit mythologischen, symbolischen oder religiösen Themen dargestellt, dies beispielsweise bei den liegenden, unbekleideten Venus-Darstellungen von Giorgione, die „Venere dormiente“ und von Tizian, „Venere di Urbino“, von Velazquez, „Venere Rokeby“ oder „Venus vor dem Spiegel“. Dies ändert sich nun und die autonome Darstellung von liegenden (Akten) verbreitet sich in der bildenden Kunst. Es mehren sich dann liegende Akte im XIX. Jahrhundert als Odalisken beispielsweise bei Künstlern wie Ingres, „Grande Odalisque“ und Boucher, „Odalisque“.

Einen weiteren Skandal löste Eduard Manet 1865 mit der Präsentation seiner „Olympia“ im Pariser Salon aus. Die Darstellung einer den Betrachter direkt in die Augen schauenden (bekannten) Prostituierten wurde vom Publikum mit Entsetzen aufgenommen. Sujet und Malweise wurden aufs schärfste kritisiert. Manet eröffnete aber gerade mit diesem Bild den Weg für die darauffolgenden künstlerischen Entwicklungen, wie wir sie aus dem vergangenen Jahrhundert bis zum heutigen Tage kennen.

Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner, Emil Nolde, Otto Mueller und Christian Rohlfs folgten dieser Tradition: Mit dem wunderbaren, wohl 1912 auf der Insel Fehmarn entstandenen Holzschnitt „Liegende auf schwarzem Tuch“, schuf Heckel eine aufs Elementare reduzierte Akt-Darstellung vor den für den Strand auf Fehmarn so typischen runden Steinen. Die junge Frau in schwarz-weiss gehalten, liegt auf einem am Boden ausgebreiteten schwarzen Tuch mit angewinkelten Armen und Beinen vor Hellbraun eingefärbten Steinen und etwas grüner Vegetation. Die Binnenzeichnung besteht „nur“ aus wohl eher zufällig stehengebliebenen schwachen, kurvenförmigen Stegen. Wie so oft zu beobachten bei den Künstlern der „Brücke“, hat man den Eindruck, es sei eher eine Skulptur als ein lebender Körper dargestellt. Die Umrisse der Liegenden sind stilisiert und scharfkantig. Etwas anders verhält es sich im fast gleichzeitig entstandenen Holzschnitt von Kirchner „Liegender Akt“, in dem die Binnenzeichnung etwas ausgeprägter ist mit den fast durchgehenden Doppelkonturen, die der Liegenden Plastizität verleihen. Hier posiert das Modell etwas freizügiger in einem Innenraum umgeben wohl von Plastiken oder Masken. Auch hier liegt die Abgebildete auf einem schwarzen Tuch, dieses aber mit Ornamenten versehen.

Von Karl Hartung gibt es sowohl als Plastik, wie auch als Zeichnung Liegende in unterschiedlichen Positionen: Die Köpfe auf einen Ansatz reduziert, die Körperformen dafür umso ausgebildeter, wirken diese Liegenden von allen Seiten vollplastisch ausgearbeitet. Man kann um sie herumschreiten, ohne dass sie an Wirkung verlieren. Auch die Werke auf Papier weisen eine ausgeprägte Binnenzeichnung auf, die für starke Plastizität sorgt. Ebenfalls rundplastisch ausgearbeitet sind die Werke von Kubach-Wilmsen, die liegend präsentiert werden müssen. Dies insbesondere bei den Büchern der Serie „Ikaros“, die geöffnet auf dem „Bauch gelandet“ sind. Ganz besondere Gesteine sind dafür gesucht und ausgewählt worden und sie wirken so echt, dass man am liebsten gerne das Buch aufheben würde und in ein Regal versorgen möchte.

Liegend erscheinen auch die Tubenfiguren, Papp-Gaze-Figuren und Bronze-Figuren von Jürgen Brodwolf. Die ursprüngliche Tubenfigur, die all den Figuren-Typen zu Grunde liegt, besitzt keine Form der Halterung, kann demnach nicht aufgestellt werden. Sie besitzt keine Standfläche, die eine aufrechte Haltung ermöglichen würde. So finden wir sie gemeinsam mit anderen Fundobjekten als Assemblage, als Pappmaché-Ausführung in Reliefbildern oder Kästen oder in Bronze gegossen vollplastisch oder als Erhebung auf einem zerklüfteten Untergrund.

Jüngst sind noch von Caravaggio und Mantegna inspirierte Werke des Gegenwartskünstlers Giovanni Manfredini entstanden, die den liegenden Christus zeigen. Er hat hierfür Details aus Werken der grossen Meister der Vergangenheit photographisch reproduzieren lassen, um diese mit einer subtil darüber gesetzten Bleistift-Zeichnung zu verfremden und zu überarbeiten. In seiner Serie „Forse mai, o forse in Paradiso“ finden wir eine Verfremdung des berühmten “Cristo in scurto” von Mantegna, des liegenden Christus von den Füssen aus gesehen. Darüber legt sich wie ein Schleier der mit Bleistift von Manfredini gezeichnete Christus ebenfalls mit den Füssen zum Betrachter dargestellt. Etwas Poetisches hat dieses Werk an sich, wie ein Hauch legt sich der gezeichnete auf den photographisch wiedergegebenen gemalten Leib Christi.

Liegende, Ruhende, Schlafende und Tote bevölkern die Kunst vergangener Jahrhunderte bis zum heutigen Tage. Ein weit verbreitetes Motiv in der westlichen Kunst, von den alten Griechen und Römern bis zu zeitgenössischen Künstlern. Eine ausdrucksstarke Möglichkeit, den menschlichen Körper wirkungsvoll in Szene zu setzen und zu verewigen.

Alexandra Henze Triebold

 

Wir laden Sie und Ihre Freunde herzlichst ein zur Vernissage, am Freitag, dem 1. September, zwischen 12.00 und 20.00 Uhr, oder auch gerne zu einem späteren Besuch der Ausstellung.

Verbinden Sie doch einen Besuch in unserer Galerie mit einem Gang durch die wunderbaren Ausstellungshallen der Fondation Beyeler, die sich nur wenige hundert Meter von uns entfernt in Riehen befindet. Bis 12. November können Sie hier die Ausstellung zu „Tino Seghal“ besuchen sowie bis 1. Oktober die Ausstellung zu Werken von „Wolfgang Tillmans“. Ab 1. Oktober zeigt die Fondation Beyeler Werke von Paul Klee. Werke aus der ständigen Sammlung sind immer zu sehen.

Wir würden uns sehr freuen, Sie und Ihre Kunstfreunde in unserer Galerie begrüssen zu dürfen.

Für weitere Informationen über Programm und Aktivitäten der Galerie, laden wir Sie herzlich auf unsere Webseite ein: www.henze-ketterer-triebold.ch

Galerie Henze & Ketterer
Kirchstrasse 26, CH 3114 Wichtrach
Tel. +41 (0)31 781 06 01
Galerie Henze & Ketterer & Triebold
Wettsteinstrasse 4, CH 4125 Riehen
Tel. +41 (0)61 641 77 77