Wichtrach/Bern

 

OTTO MUELLERS LANDSCHAFT

 

28. Oktober 2017 - 11. Januar 2018

Mini-Katalog (PDF)

  • Mueller 1923 1G VLP 282 Landschaft mit drei Baeumen - Kopie 04

    Otto Mueller
    Landschaft mit drei Bäumen.
    Leimfarbe auf Leinwand. 1923 
    1923.107 x 77 cm.
    Obj. Id: 80266

     

     

  • Mueller 1921 7L K145 Zwei Figuren am Waldbach 2

    Otto Mueller
    Zwei Figuren am Waldbach 2 (Waldlandschaft).
    Lithographie 1921-1922.
    29,3 x 39 auf 43 x 54,5 cm
    Obj. Id: 67973

  • Mueller 1919 7L K083 Fuenf Maedchen am Waldteich 2 03

    Otto Mueller
    Fünf Mädchen am Waldteich (2).
    Lithographie um 1919.
    38,4 x 28,8 auf 50,2 x 38 cm.
    Obj. Id: 67911

     

     

  • Kirchner 1919 2A Berglandschaft bei Davos

    Ernst Ludwig Kirchner
    Berglandschaft bei Davos
    (Landschaft mit Tannen).
    Aquarell über Kohlezeichnung um 1919.
    28,2 x 44,3 cm.
    Obj. Id: 67499

     

     

     

     

  • Kirchner 1921 1G G0664 Berghirte im Herbst  Berghirte mit Ziegen

    Ernst Ludwig Kirchner
    Berghirte im Herbst (Berghirte mit Ziegen).
    Öl auf Leinwand 1921.
    120 x 90,5 cm.
    Obj. Id: 67942

     

     

  • Schmidt-Rottluff 1950 1G Weg in Ascona 01

    Karl Schmidt-Rottluff
    Weg in Ascona.
    Öl auf Leinwand 1950.
    76 x 112,3 cm.
    Obj. Id: 76707

     

     

 

OTTO MUELLERS LANDSCHAFT

 

Jahrhundertelang war Arkadien der Sehnsuchtsort, an den man sich träumte, um den gesellschaftlichen Zwängen des Hofes und der Stadt zu entkommen. Im Spiel und in der Dichtung stellte sich vor allem der Adel vor als Hirte in bedürfnisloser Einfachheit im Einklang mit der Natur zu leben, dem anderen von gleich zu gleich zu begegnen und frei von gesellschaftlichen Zwängen lieben zu können. In diesem Leben würde er die Musse haben die Liebesdichtung hervorzubringen, die er im realen Leben in der Pastoralen Dichtung tatsächlich hervorbringt. In der Pastorale ist damit der Unterschied zwischen Dichtung und Wahrheit, Spiel und Wirklichkeit aufgehoben, die Einheit zwischen Mensch und Natur wiederhergestellt und damit die Ganzheit und die Harmonie des Kosmos. Da dies aber immer nur für einen kurzen Moment und nur im Spiel gelingen kann, mischt sich in diese Dichtung ein elegischer Ton, eine melancholische Stimmung, in der das Bewusstsein ihrer Flüchtigkeit enthalten ist. In der Malerei findet das Arkadien der Pastorale seine Umsetzung eher in der schwebenden Leichtigkeit der „Galanten Feste“ Watteaus, als in der schweren Klassik Poussins.

Solange die aristokratischen Verhältnisse bestanden wurde die Pastorale als Dichtung und Spiel betrieben und in unendlichen Variationen wiederholt. Schliesslich jedoch macht Rousseau ernst und fordert den Rückzug aus der Gesellschaft, um in der äusseren Natur die eigene innere Natur verwirklichen zu können. Vor dem Hintergrund der Pastorale gesehen, fordert er naturgemässe Verhältnisse nicht nur im Spiel und in der Kunst, sondern auch im realen Leben. Für die Französische Revolution ist er damit ein Vorkämpfer für die Befreiung von den gesellschaftlichen Verhältnissen.

In der Kunst war es erst John Constable und dann in dessen Nachfolge die Künstler der Schule von Barbizon, die raus aus den Ateliers in die Natur gingen, um frei von akademischen Vorgaben, frei von erzählerischen Inhalten aus Bibel, Mythos oder Historie die Natur um ihrer selbst willen darzustellen und das eigene Erleben unmittelbar festzuhalten. Angesichts der Landschaft, in der sich Wetter- und Lichtverhältnisse in jedem Moment ändern konnten, war eine gewisse Schnelligkeit nötig, um die Landschaft ins Bild zu übersetzen. Diese musste jeder auf seine Weise entwickeln, womit er sich wieder vom Vorbild entfernt, um auf das eigene Handeln beim Malen und die Entstehung des Bildes selbst zu achten. Die Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts kommt also von der äussere Natur über die eigene Natur des Künstlers, zur Natur des Bildes und stellt damit einen wesentlichen Schritt in der Entwicklung des Künstlers und der Kunst zur Autonomie dar, zur Selbstbestimmung frei von äusseren Zwängen. (Die ständige Arbeit der Selbstbestimmung des Künstlers nachzuvollziehen, unterscheidet auch die Kritik vom persönlichen Geschmack.)

„Unmittelbar und unverfälscht“ wollten auch die Künstlergruppe „Brücke“ laut ihrem Manifest wiedergeben, was sie zum Schaffen drängt und haben deshalb u.a. das Zeichnen von Körpern in Bewegung geübt. Im Gegensatz zu den anderen Brücke-Künstlern jedoch entstehen die Bilder Otto Muellers nicht aus dem unmittelbaren Erleben, sondern sind wohlüberlegte Kompositionen. Das hängt u.a. auch mit seiner Technik zusammen: Die Leimfarbe, die er in seinen Gemälden benutzt erlaubt keine Korrekturen: die Konzeption des Bildes muss also von vorherein klar sein. Muellers Gemälde entstehen dann auch weniger nach der Natur, als dass sie der unablässige Versuch sind ein bestimmtes inneres ideales Bild zu realisieren. In diesem Bild geht es vor allem um die Harmonie zwischen Mensch und Natur, was ihn wiederum mit den anderen Brückekünstlern verbindet, die in ihren Bildern von badenden Nackten an den Moritzburger Teichen dasselbe anstreben. Die ständige Wiederholung des Versuchs ein ideales Bild von der Harmonie zwischen Mensch und Natur zu realisieren, erinnert an die Pastorale: Wie bei dieser ist auch die Themenpalette Muellers beschränkt: Neben den Nackten in der Natur finden sich Liebespaare, die berühmten Zigeuner und wenige Landschaften und Selbstporträts. Und ebenfalls wie bei der Pastorale findet sich bei Mueller der elegische, melancholische Ton. Dazu trägt nun wieder die Leimfarbe bei, die mit ihrem grauen Silberschleier einen Eindruck von Entrückung und Verklärung erzeugt. Dass es Mueller nicht um das Erleben individueller Formen geht, sondern die Konstruktion eines Idealbildes, sieht man auch daran dass sich die Züge seiner unterschiedlichen Gefährtinnen, die in seinen Liebespaaren abgebildet sind immer wieder demselben Idealtyp angleichen. Es zeigt sich aber auch in der Wahl seiner Drucktechnik. Die weiche gleitende Lithographie entspricht dem lyrischen Ton Otto Muellers eher als das harte Kratzen und Ätzen auf der Metallplatte in der Radierung, die Nolde bevorzugt oder das Ausmeisseln der Form aus dem widerständigen Holz im Holzschnitt, den Kirchner, Heckel und Schmidt-Rottluff am häufigsten benutzen.

Das Streben nach Harmonie wird bei Mueller nicht nur am Inhalt und der Materialität, sondern auch an der Struktur sichtbar. Eine Grundform aus der sich viele seiner Bilder aufbauen ist das Dreieck bzw. die Verbindung zweier Dreiecke zur Raute. Dies zeigt sich konkret an kauernden Figuren, aufgestellten Beinen liegender Figuren, angewinkelten Armen, geneigten Köpfen, Kopfformen, Kinnformen und Brüsten. Figurenkonstellationen bilden dieselben Dreieckformen wie  Dünen, Grasshügel und Berge oder verlaufen parallel zu Ästen, die wie Blätter und Farne das Bild mit diagonalen Strahlen durchziehen. Körperdrehungen scheinen sich in ein imaginäres Rautenmuster einzupassen, das im Hintergrund einiger Selbstbilder als Wandbemalung tatsächlich auftaucht.

Körper und Bewegung sind damit integriert in ein Netz, das alles überzieht, das unten und oben, Erde und Himmel durch aufsteigende Linien und nach oben gerichtete Dreiecke verbindet. In diesem Sinn kontrastiert auch der verklärende-geistige Effekt der Leimfarbe mit dem intensiven materiellen und erdigen Effekt von Rupfen oder anderem groben Material an Stelle von Leinwand. Erklärtes Vorbild Muellers ist das alte Ägypten und dessen Darstellung ewiger Ordnung. Diese mathematische Ordnung, die genau kalkulierte Komposition, die Heckel bei Mueller feststellt, verbindet ihn mit Künstlern wie Franz Marc oder Cézanne. Bei Cézanne ist besonders an dessen Badende zu denken, die als einzelne Figuren Dreiecke bilden und zusammen zum Himmel strebende Dreieckskonstellationen. Franz Marc lässt seine Tierfiguren mit der kristallinen Struktur, der sie umgebenden Natur, zu einer Einheit werden.  Bei Mueller ist die Integration in die Bildstruktur jedoch auf so natürliche Weise gelungen, dass diese nie aufgezwungen wirkt und der hohe Grad an Konstruiertheit seiner Bilder leicht übersehen werden kann. Auf viele wirkt Mueller deshalb wie ein naiver Romantiker. Es ist aber sicher kein Zufall wie sehr seine Bilder in die damals aktuelle Diskussion um „Einfühlung und Abstraktion“ passen. Das Buch gleichnamigen Titels von Wilhelm Worringer war damals in aller Munde und stellt die zwei künstlerischen Prinzipien des Organischen und Kristallinen einander gegenüber, wobei ersteres aus der Bewegung und letzteres aus der Konstruktion hervorgeht.

Vor diesem Hintergrund ist nun auch die „Landschaft mit drei Bäumen“ von 1923 zu betrachten, welche wir im Rahmen unserer Ein-Bild-Ausstellungen zeigen, bei denen wir unsere neuesten Erwerbungen vorstellen. Als Bild in Öl, auf Leinwand, das eine Landschaft ohne Menschen zeigt, ist es gleich dreifach ungewöhnlich für Otto Muellers Schaffen. Auch hier lässt sich jedoch der typische Aufbau aus Dreieckformen erkennen: Besonders in den Grasshügeln und den Bögen, die die Baumkronen über dem Horizont bilden. Die Aufteilung des Bildes durch die drei Bäume, die rechts und links angeschnitten das Bild begrenzen und durch den mittleren Baum das Bild beherrschen, ergibt zusammen mit diesen Bögen die Form eines Kirchenfensters mit Doppelbogen. Die Landschaft wird hier zum negativen Raum, zur Lichtung, Grotte oder Nische. In einer Kirche oder Kathedrale, die Worringer u.a. als Beispiel für den abstrakten Ordnungsdrang anführt, würden sich an dieser Stelle Heilige oder Apostel befinden, in Bezug auf Mueller drängen sie sich als Platzhalter für Adam und Eva auf. Die Landschaft wird zum sakralen Rahmen des Menschen und Otto Mueller mit seinen Bildern zu einem Baumeister des Himmels auf Erden wie die Kathedralenbauer des Mittelalters, auf die sich auch die Utopie des Bauhauses bezieht.

Kai Schupke
Text zur 118. Ausstellung in der Galerie Henze & Ketterer, Wichtrach/Bern

 

 

Galerie Henze & Ketterer
Kirchstrasse 26, CH 3114 Wichtrach
Tel. +41 (0)31 781 06 01
Galerie Henze & Ketterer & Triebold
Wettsteinstrasse 4, CH 4125 Riehen
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