Wichtrach/Bern

 

Meeresrauschen

Das Wasser und die Kunst

 

verlängert bis zum 12. Januar 2019

 

Onlinekatalog

Diashow der Ausstellung

  • Bargheer 1938 1G H1938-4 Watt

    Eduard Bargheer
    Watt. (Nordsee)
    Öl auf Leinwand 1938. Henze 1938/04.
    74 x 107 cm.
    Obj.Id 65559

     

     

  • Kirchner 1910 7L D195 Drei Akte im Wasser

    Ernst Ludwig Kirchner
    Drei Akte im Wasser.(Moritzburger Teiche)
    Lithographie 1910. Dube L 195.
    32,6 x 38,4 auf 37,7 x 45,5 cm.
    Obj.Id 80155

  • Kirchner 1928 1G G0916 Ruderer

    Ernst Ludwig Kirchner
    Ruderer. (Der Rhein in Basel)
    Öl auf Leinwand 1928/1929. Gordon 916.
    120 x 134 cm.
    Obj.Id 64959

  • Peiffer Watenphul 1938 2A P0291 Strand bei Terracina

    Max Peiffer Watenphul
    Strand bei Terracina. (Mittelmeer)
    Aquarell und Deckweiss 1938. Pasqualucci A 291.
    34,7 x 48,5 cm.
    Obj.Id 66090

     

     

  • Purrmann 1938 1G Billeter 1938-15 Brunnen der Villa Romana

    Hans Purrmann
    Brunnen in der Villa Romana. (Quelle)
    Öl auf Leinwand 1938. Billeter 1938/15.
    81 x 100 cm.
    Obj.Id 79219

  • Schmidt-Rottluff 1950 1G Weg in Ascona 08

    Karl Schmidt-Rottluff
    Weg in Ascona. (Lago Maggiore)
    Öl auf Leinwand 1950. Grohmann S. 274.
    76 x 112,3 cm.
    Obj.Id 76707

     

     

 

MEERESRAUSCHEN

Das Wasser und die Kunst

Bargheer, Basso, Bott, Brodwolf, Eble, Grosz, Hartung, Heckel, Kirchner, Kubach-Wilmsen, Mueller, Nolde, Panayotidis, Pechstein, Peiffer Watenphul, Salomé, Schmidt-Rottluff, Schultze, Serra, Spoerri, Ursula, Werthmann, Winter, Zimmer
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Ein Sommerthema, sicher, aber ein gutes, ergiebiges und bedeutendes, das z. b. in diesem Sommer auch Gottfried Knapp in einer Serie unter dem Motto „Am Wasser (gemalt)“ in der Süddeutschen Zeitung beschäftigt und schon in Teil I (21. Juli) mit Konrad Witz‘ Genfer See eine Sternstunde der Darstellung von Wasser in der Kunst analysiert.

Eine persönliche Anmerkung sei vorausgeschickt: „Meeresrauschen“ war eine Ausstellungsidee unseres Schwiegersohnes Marc Triebold für unsere Teilnahme an der Art Cologne im Frühjahr 2018, die selbst von der Neuen Zürcher Zeitung als „hinreissend“ apostrophiert wurde. Eine Ausstellungsidee hervorragend geeignet für den Sommer in Wichtrach, die jetzt zu einer Spätsommer-Ausstellung wurde, was allerdings den Vorteil hat, dass ich diesen kleinen Text durch einen guten Zufall am Meer schreiben kann, „Meeresrauschen“ also immer im Hintergrund.

Aus diesem Grunde für einmal eine andere Frage an die Bilder: Nicht, was sagen sie uns, was erzählen sie uns, sondern was lassen sie uns hören? Musik und Wind kann erklingen aber die vielfältigen Geräusche des Wassers vom Meeresrauschen, dem Brausen eines Wasserfalles, bis zum leiseren Fliessen und Plätschern und zum lautlos flachen See. Das „Hören“ eines Bildes, es gehört auch dazu, ist heute aber für mich eine neu entdeckte Dimension, hier mit dem Hintergrundrauschen des Meeres.

Wir Apostel der visuellen Künste haben vergessen, dass vor dem Sehen das Hören war, dass wir die Augen schliessen können, die Ohren nicht. Dass sich zu jedem Bild, das wir sehen, ob real, abgebildet oder dargestellt, sogleich eine Geräuschkulisse einstellt, ob wir wollen oder nicht. Geräuschkulissen, die abhängig sind von den Tages- und Jahreszeiten und von den Ereignissen, die das Auge sieht. Nachts hören wir weit entfernte Glocken, die vom Geräuschpegel des Tages völlig übertönt werden. Im Winter einen einzelnen brechenden Ast im Wald, der in der sommerlichen Natur nicht zu hören wäre. Hier geht es also um den Ton zum Bild.

Aber noch eine Zwischenbemerkung aus dem Land, in dem es immer schon „Suoni e Luci“ für die Kunst gegeben hat: Tomaso Montanari schrieb gerade in „La Repubblica“ über das in Italien phantastisch grassierende Phänomen der „immersive experiences“, panoptikalen auf alle Wände eines Grossraumes reproduzierten Kunstwerken oder ganzen künstlerischen Werken mit Ton - aber auch mit Geruch. Das erinnert daran, dass jedes Bild auch Gerüche evoziert und dass wir auch die Nase nicht schliessen können. Aber in dieser Ausstellung soll es um den Ton zum Bild gehen, um die Töne eines Elementes, eines so wesentlichen, des Wassers.

Das Meeresrauschen, es ist am stärksten im Tosen eines Sturmes auf See, wenn sich die Wellen übereinander brechen, wie in „Boot und Regenbö“ von Erich Heckel 1922 in der Flensburger Förde. Von höchst unterschiedlicher Intensität kann es am Ufer sein, dort rhythmisiert durch die in der Brandung auflaufenden Wellen, ein unendliches Auf und Ab wie in „Brandung“ ebenfalls von Erich Heckel 1915 während seines Kriegsdienstes an der Küste von Flandern. Das regelmässige Brandungsrauschen hören wir in den zahlreichen Küsten- und Strandbildern von Eduard Bargheer (Nordsee), George Grosz (Bornholm, Cape Cod), Erich Heckel (Ostsee), Ernst Ludwig Kirchner (Fehmarn), Otto Mueller (Dünenlandschaft), Nakis Panayotidis (Kielwasser im Mittelmeer), Max Pechstein (Ostsee), Max Peiffer Watenphul (Mittelmeer), Karl Schmidt-Rottluff (Ostsee) und Bernd Zimmer.

Die Häfen gewähren Schutz vor der für Schiffe gefährlichen Brandung. In ihnen reduziert sich das Meeresrauschen auf leises Plätschern gegen die Kaimauern und die Rümpfe der Schiffe, die wiederum bisweilen gegen diese und andere Schiffe reiben, während der Wind durch die Tagelagen pfeift. Hafenbilder zeigt die Ausstellung von Dario Basso, Theo Eble (Sestri Levante, La Spezia, Schiffsketten), Erich Heckel (Ostende, Amsterdam), Emil Nolde (Hamburger Hafen), Max Peiffer Watenphul (Venedig), und Karl Schmidt-Rottluff (Nidden).

Das Wasser fliesst durch Flüsse und Bäche dem Meere zu. Abgesehen von  Stromschnellen, Wasserfällen und Gebirgsbächen ist ihr Fliess-Rauschen eher gering, oft nur ein leises Plätschern und Glucksen. Flüsse zeigt diese Ausstellung von Erich Heckel (Elbe in Dresden, Alsterlandschaft), Ernst Ludwig Kirchner (Rhein bei Basel), Otto Mueller (Waldbach), Nakis Panayotidis (Aare), jedoch tosendes Wasser der Bergbäche von Davos bei Ernst Ludwig Kirchners Badenden in den dortigen Tobeln.

Die Flüsse wiederum fliessen durch Teiche und Seen, in denen sie sich völlig beruhigen, in den frühen Morgenstunden bisweilen zur Spiegelglätte wie in Erich Heckels „Am See“ der Bodensee, der Ort seiner Rettung, von 1950, in Ernst Ludwig Kirchners „Badenden“ an den Moritzburger Teichen bei Dresden, in den Teichen bei Otto Mueller, in den Lago-Maggiore-Ansichten von Christian Rohlfs und Karl Schmidt-Rottluff

Weil wegen des geringen Reibungswiderstandes schwere Lasten vor Erfindung der Eisenbahn nur auf dem Wasserwege zu bewegen waren und weil es im Wasser Fisch für die Verpflegung gab, siedelte der Mensch sich am Wasser an, arbeitete mit und auf ihm wie Bargheers „Seemansschüler“, Heckels „Matrose“, die Uferjäger in Kirchners „Stilleben mit Ente und Schnepfen“, Müller-Oerlinghausens „Matrosenliebe“, Pechsteins „Fischer“, Schmidt-Rottluffs Frauen „Bei den Netzen“ oder sein „Angler“. Die weitaus häufigste Nutzung der Uferlandschaften durch den Menschen, die diese Ausstellung zeigt, ist jedoch das erst Ende des 19. Jhs. erfundene Baden. Lange nachdem er sein schützendes Körperhaar verlor kehrt der Mensch nackt in die Natur zu einer neuen Natürlichkeit zurück und wird in seiner Schönheit dort direkt dargestellt ohne die Künstlichkeit des Ateliers, der neue Mensch, vor allem bei Heckel und Kirchner.

Die Ausstellung zeigt aber auch einige eher abstrakte Näherungen an die Thematik Wasser: Jürgen Brodwolfs „Boot“ kann sicher nicht schwimmen und die Steine der Bücher von Anna und Wolfgang Kubach-Wilmsen fixieren ein Meeresrauschen von vor vielen Millionen Jahren. Angenehmes Plätschern verbreiten wie die realen von Daniel Spoerri und Friederich Werthmann aber auch gemalte Brunnen wie der von Hans Purrmann in der Villa Romana von Florenz. Dagegen stellen sich bei den abstrakten „Ondes“ von Francis Bott und „Ewiges Strömen“ von Fritz Winter sowie dem „Kaleschen-Meer“ von Ursula sogleich die Töne eines Meeresrauschens wieder ein.

Wolfgang Henze

Text zur 119. Ausstellung in der Galerie Henze & Ketterer, Wichtrach/Bern

Galerie Henze & Ketterer
Kirchstrasse 26, CH 3114 Wichtrach
Tel. +41 (0)31 781 06 01
Galerie Henze & Ketterer & Triebold
Wettsteinstrasse 4, CH 4125 Riehen
Tel. +41 (0)61 641 77 77