URSULA & BERNARD SCHULTZE - F√ľnf Jahrzehnte Kunst-Duett

Gemälde und Arbeiten auf Papier der Jahre 1992 - 1997
(Kurztext zur Ausstellung vom 25.4. bis 8.8.1998)

Die Galleria Henze zeigte 1990 und 1991 in Campione d‚ÄôItalia Retrospektiven von Bernard Schultze und Ursula. Die am 25. April 1998 er√∂ffnete Doppelausstellung in der Galerie Henze & Ketterer in Wichtrach/Bern gibt einen √úberblick √ľber das seitdem entstandene Werk.

Diese bei einer 77j√§hrigen und einem 83j√§hrigen vielleicht erstaunende Konzentration auf das j√ľngste Schaffen ist durch dessen hohe Intensit√§t nicht nur m√∂glich, sie f√ľhrt zudem zu zwei Ausstellungen von hoher visueller Koh√§renz. Bernard Schultze hatte, als er 75 wurde, sogar die geradezu das Schicksal herausfordernde Idee, jetzt seine Ausstellung zum 80sten zu malen. Jeder andere ist froh √ľber eine umfassende und gelungene Retrospektive, er aber malte seine Jubil√§ums-Ausstellung und das auch noch in neuen √ľbergrossen Dimensionen. Hieraus entstand die Ausstellung ‚ÄěDas Grosse Format", welche 1994 und 1995 im Museum Ludwig in K√∂ln und dann in weiteren Museen Europas gezeigt wurde. Seit der letzten Ausstellung in der Galleria Henze erschien auch der umfassende Band von Lothar Romain und Rolf Wedewer zum Werk von Bernard Schultze. Ursula zeigte ebenso kurz nach der Ausstellung von 1991 ihr Lebenswerk im Von der Heydt-Museum in Wuppertal, im Stadtmuseum K√∂ln und in der Kunsthalle Bremen. √úber das jeweilige Gesamtwerk informieren die Kataloge dieser Ausstellungen und das erw√§hnte Buch, s√§mtlich opulent vom Hirmer-Verlag ausgestattet. (Diese und weitere Literatur zu beiden K√ľnstlern liegen in der Kunst-Buchhandlung der Galerie aus.) Die Doppel-Ausstellung zeigt einen neuerlichen H√∂hepunkt im Schaffen beider K√ľnstler, die ‚ÄěSumme" zweier Lebenswerke, die beide um 1950 einsetzten.

Ursula und Bernard Schultze erlebten den Niedergang und Zusammenbruch Mitteleuropas hautnah in ihrem pr√§genden dritten Lebensjahrzehnt. Bernard hatte zuvor einige sterile gleichgeschaltete Akademiejahre in Berlin und D√ľsseldorf absolviert. Seine Antwort auf das Kriegserlebnis und das seit 1948 wieder m√∂glich erscheinende Menetekel eines dritten Weltmordens war die √ľbliche seiner Generation, n√§mlich die Hinwendung zur Abstraktion in einem Tachismus und Informel eigener Pr√§gung von vexierbildhaften √úberlagerungen. Ursula begegnete als Leiterin der Kulturabteilung des Amerika-Hauses in Frankfurt der Kunst - und eben auch Bernard Schultze. Sie fand Anfang der 50er Jahre allerdings von der fl√§chigen Abstraktion etwa Willi Baumeisters ausgehend zu einer pers√∂nlichen Konkretion im Spannungsfeld von art brut und naiver Malerei. Beider Positionen n√§herten sich - trotz f√ľnfzig Jahren Arbeitens in einem Raum - nie aneinander an, entwickelten sich vielmehr individuell in st√§ndiger Diskussion und Konfrontation. Bernard wurde zu einem der bedeutendsten Repr√§sentanten des Informel in Europa, Ursula schuf ihre ‚Äěindividuelle Mythologie" als Frau, die sie einsam und gross in ihrer noch v√∂llig vom Mann beherrschten Generation erscheinen l√§sst.

Beide √ľberschritten schon fr√ľh die Grenzen der Malerei. In den sp√§ten 50er Jahren wuchern aus Ursulas Bildern phantastische Figuren, gepelzt und gefiedert, die zu raumgrossen Assemblagen wuchsen. Bei Bernard dr√§ngt Form und Binnenzeichnung aus dem Bild ins Relief. Mit dem ‚ÄěMigof", einer weiblichen Schaufensterpuppe, aus deren Verletzungen seine Form-Masse quillt, werden seine Vexier-Formen k√∂rperlich. Auch sie wuchsen zu raumgreifenden Environments. In bildhaft begleitenden Dichtungen erf√§hrt ihre Kunst eine vierte Dimension.

So naiv oder brut die eine, so abstrakt informel der andere, beide erzählen sie etwas von den Verletzungen des Körpers und der Seele, von erlebten und gesehenen, von den eigenen und denen der anderen.

Bernard malt und zeichnet in gleicher Weise unendliche Bildlandschaften, in denen wir lesen und mit den Augen wandern k√∂nnen. St√§ndig erkennen wir etwas. Doch bevor es ganz fassbar zu werden scheint, verkehrt es sich ins Gegenteil. Das Vorn und das Hinten, das Hell und das Dunkel, die Form und die Un-Form und ebenso jede Farbe sind bei ihm ambivalent. Groteskes f√ľhrt er uns vor Augen, das einerseits den Verwesungen der Schlachtfelder des ersten Weltkrieges von Otto Dix, den Reisen in das Selbst eines James Ensor sowie in die Abgr√ľnde der Seele eines Alfred Kubin verpflichtet ist und andererseits in das so Heitere der Fresken Tiepolos und in die Leichtigkeit eines Watteau verweist. So malt er denn sein ‚ÄěKythera"(Diptychon in der Ausstellung), das Kythera der unbeschwerten Liebe der alten Griechen in Gedanken an die ber√ľhmte ‚ÄěEinschiffung nach Kythera" von Watteau. Diesem idyllisch-kreativen Prinzip stellt er das Prinzip sinnlosester Zerst√∂rung in seiner ‚ÄěNonsens-Schlacht" entgegen (grossformatiges Gem√§lde in der Ausstellung). Es gelingt ihm, diese Gegens√§tze mit denselben Mitteln g√ľltig darzustellen: durch den ‚ÄěDoppelblick", den Werner Hofmann in seinem Beitrag f√ľr den Katalog der gerade laufenden Ausstellung ‚ÄěBernard Schultze und die Romantik" im Romantikerhaus in Jena als das ‚Äěentscheidende Strukturmerkmal" der deutschen Romantik bezeichnet. Romantiker ist Schultze auch in seinen Mitteln im Sinne von Friedrich Schlegels Charakterisierung des ‚ÄěRomantischen" als eines Prozesses, als einer steten Ann√§herungsbewegung auf ein unendliches Ziel hin im ‚Äěunaufl√∂slichen Widerstreit des Unbedingten und des Bedingten" und im ‚Äěsteten Wechsel von Selbstsch√∂pfung und Selbstvernichtung".

Auch Ursula befreit sich von Obsessionen. Sie malt jedoch Reminiszenzen konkreter Menschen und konkreter Erlebnisse, spiesst diese auf - ihre Assemblagen enthalten im sanften Pelz des √∂fteren Reisszwecken, N√§gel, gar Rasierklingen, man passe also auf. Man passe auf, denn auch bei ihr l√∂st sich ein scheinbares erstes Verstehen bald in Nichts auf. Auch ihre Szenen werden zu bleibenden Bildern, kondensieren zu visuellen Metaphern, wenn sie auch in ihrer heftigen Form und Farbe durchaus das Gemeinte darstellen. So antwortet sie ganz direkt auf Bernards ‚Äě(Einschiffung nach) Kythera" von 1995 kurz darauf mit ihrer ‚ÄěEifersucht". So verbirgt sich hinter dem Gem√§lde ‚ÄěIm Caf√©" die Bew√§ltigung eines f√ľr sie lebensbedrohenden Erlebnisses. Inhalt, Form und Farbe f√ľhrt sie dennoch zu einer Synthese auf einer ganz anderen als der Ausgangsebene, einer Synthese, die jedoch im Gegensatz zu Bernard nicht ambivalent sondern von eindeutiger Hintergr√ľndigkeit ist.

Aus dem Leben und f√ľnf Jahrzehnten angestrengten und entbehrungsreichen k√ľnstlerischen Arbeitens in langen ‚ÄěUntersuchungsreihen" ist ein drittes Bleibendes entstanden, das Werk der K√ľnstlerin Ursula und des K√ľnstlers Bernard Schultze, unverwechselbar in Form und Aussage, immer wiederzuerkennen, selbst in einer kleinen nebens√§chlichen √Ąusserung. Es dr√§ngt sich bei deren Betrachtung der Gedanke auf, dass wir bez√ľglich j√ľngerer Kunst vielleicht doch wieder nach Stil, innerer Konsequenz und Koh√§renz eines k√ľnstlerischen Werkes fragen und unser Auge an der Tradition schulen sollten.

Wolfgang Henze

Galerie Henze & Ketterer
Kirchstrasse 26, CH 3114 Wichtrach
Tel. +41 (0)31 781 06 01
Galerie Henze & Ketterer & Triebold
Wettsteinstrasse 4, CH 4125 Riehen
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