Emil Nolde
Frauenporträts
Ein Online Viewing Room zur weiblichen Präsenz in ausgewählten Werken von Emil Nolde
Dieser Viewing Room vereint eine konzentrierte Auswahl von Werken Emil Noldes aus den Jahren der Brücke bis hin zu Arbeiten der 1920er Jahre. Im Zentrum steht das Thema der Frau: Die Auswahl beleuchtet die unterschiedlichen Rollen und Erscheinungsformen weiblicher Figuren in Noldes Arbeiten — von der bäuerlichen Frau aus dem ländlichen Raum über die Intellektuelle Rosa Schapire bis hin zu den Berliner Großstadtjahren, der tänzerischen Bühnenfigur und dem intimen Familienporträt.
Im Mittelpunkt der Präsentation steht das frühe Gemälde Blumengarten. Strickende Bäuerin (1908), entstanden in einer entscheidenden Phase von Noldes künstlerischer Entwicklung, als er sich zunehmend der expressiven Freiheit des deutschen Expressionismus zuwandte. Zugleich verweist das Werk auf die Herkunft des Künstlers als Sohn einer Bauernfamilie.
Die Radierung Fräulein Dr. Sch. (Rosa Schapire) von 1907 entstand während Noldes kurzer Zugehörigkeit zur Brücke, der er 1906 beitrat und die er bereits im November 1907 wieder verließ. Das Porträt zeigt die einflussreiche Kunsthistorikerin, Sammlerin und Frauenrechtlerin Rosa Schapire, eine der wichtigen Förderinnen des deutschen Expressionismus.
Mädchenprofil (Mädchen mit Hut) ist eine Radierung, die in Berlin entstand ist, wo Nolde das urbane Leben und seine Bewohner aufmerksam beobachtete. Um 1911 schuf er eine Reihe von Arbeiten, die Menschen der Großstadt zeigen — flüchtige Eindrücke von Straßenszenen und Begegnungen.
Das Blatt Der Tod als Tänzerin greift das spätmittelalterliche Motiv des Totentanzes auf und zeigt groteske Figuren, die ein tanzendes Mädchen umringen, in dem bereits die Knochen durchscheinen. Die spätere Radierung Eva von 1923 offenbart hingegen eine ruhigere und psychologisch verdichtete Form des Porträts.
Header: Blumengarten. Strickende Bäuerin, 1908


1908
– Blumengarten. Strickende Bäuerin
Im Zentrum des Viewing Rooms steht das Gemälde "Blumengarten. Strickende Bäuerin" (1908) von Emil Nolde. Es zeigt eine weibliche Figur, die ganz in ihre Handarbeit vertieft ist und scheinbar in eine üppige, überwucherte Gartenlandschaft eingebettet erscheint. Die Figur ist nicht als individualisiertes Porträt aufgefasst, sondern vielmehr als Teil eines farbgesättigten, vegetabilen Organismus. Der Bildraum ist durch geschichtete Ebenen strukturiert; die Tiefenwirkung entsteht weniger durch Perspektive als durch Farbzonen. Dominant sind leuchtende Rot-, Gelb- und Grüntöne, pastos aufgetragen und in markanter Gegenüberstellung gesetzt. Die Konturen erscheinen teilweise aufgelöst, während die Vegetation zu flimmern scheint. Mensch und Natur stehen nicht in einem hierarchischen Verhältnis — die Bäuerin ist sowohl farblich als auch formal in das Blumenfeld integriert. Das Motiv verbindet Intimität, ländliche Schlichtheit und eine beinahe ekstatische Farbigkeit.
Das Gemälde gehört zur frühen Phase des deutschen Expressionismus und lässt sich chronologisch im Kontext der Künstlergemeinschaft der "Brücke" verorten, mit der Nolde 1906/07 eng verbunden war. Charakteristisch sind die Abkehr vom Naturalismus, die expressive Eigenständigkeit der Farbe und die Tendenz zur formalen Vereinfachung. Der Garten fungiert nicht als topographischer Ort, sondern als emotional aufgeladener Farbraum. Die malerische Sprache zeigt Verwandtschaften zu Vincent van Gogh in der Intensivierung der Palette und im gestischen Farbauftrag, zugleich jedoch eine spezifisch nordische Sensibilität: weniger urban-modern als vielmehr von einem mystischen Naturverständnis geprägt. Das Motiv der arbeitenden Bäuerin verbindet ländliche Genredarstellung mit expressionistischer Subjektivität — kein sozialrealistischer Bericht, sondern eine Vision ursprünglicher Authentizität. Das Gemälde steht damit an der Schwelle zwischen Spätimpressionismus und autonomer expressionistischer Bildsprache.
Innerhalb von Noldes Œuvre markiert das Werk eine frühe Ausprägung jener Themen, die später zentral werden sollten: Gärten, Blumen, leuchtende Pigmentierung und die Verschmelzung von Figur und Natur. Noldes eigener Garten wurde in seinem Werk wiederholt zu einem ikonischen Bildraum; die Provenienz über die Nolde Stiftung Seebüll unterstreicht zusätzlich die Bedeutung des Gemäldes innerhalb der Künstlerbiographie. Die Szene bewahrt noch eine gewisse Ruhe und gegenständliche Klarheit; in späteren Blumenbildern lösen sich gegenständliche Elemente zunehmend zugunsten farblicher Ekstase auf. "Strickende Bäuerin" zeigt somit einen Übergangszustand: zwischen erzählerischem Motiv und reiner malerischer Intensität. Das Werk dokumentiert den Moment, in dem Nolde die Farbe endgültig als primären Bedeutungsträger etablierte — ein entscheidender Schritt hin zu seinen späteren, beinahe visionären Blumenbildern.

Emil Nolde
Blumengarten. Strickende Bäuerin
1908
Öl auf Leinwand
65 x 83.5 cm
Rückseitig auf dem Keilrahmen signiert und mit "Strickende Bäuerin" betitelt.
Urban 247
1907
– Fräulein Dr. Sch. (Rosa Schapire)
Die 1907 entstandene Radierung Fräulein Dr. Sch. (Rosa Schapire) ist ein frühes und expressives graphisches Werk von Emil Nolde und zeigt eine der bedeutendsten intellektuellen Förderinnen des deutschen Expressionismus. Rosa Schapire (1874–1954) war eine wegweisende deutsche Kunsthistorikerin, Schriftstellerin, Sammlerin und Verfechterin der modernen Kunst. Als engagierte Frauenrechtlerin gehörte sie zu den ersten Frauen in Deutschland, die 1904 promovierten, und wurde zu einer wichtigen Förderin der Künstler der Die Brücke, insbesondere von Karl Schmidt-Rottluff.
Das Jahr 1907 markiert zugleich Noldes Verbindung zur Künstlergruppe Brücke, wodurch dieses Porträt ein besonders eindrucksvolles Werk aus der gefeierten Brücke-Periode des Künstlers darstellt. In dieser markanten Radierung erfasst Nolde sowohl die Individualität als auch die intellektuelle Intensität Schapires durch eine direkte graphische Sprache, die für seine frühe Druckgraphik charakteristisch ist. Die expressive Behandlung von Linie und Schatten spiegelt den experimentellen Geist wider, der die Entstehung des deutschen Expressionismus begleitete.
Rosa Schapire (1874–1954) war eine wegweisende deutsche Kunsthistorikerin, Schriftstellerin, Sammlerin und Verfechterin der modernen Kunst.

Fräulein Dr. Sch. (Rosa Schapire)
1907
Radierung
30,8 x 23,8 auf 62 x 41,4 cm
Eines von mindestens sechs Exemplaren. Unten rechts signiert. Im Papierunterrand links bezeichnet "I.15".

Fräulein Dr. Sch. (Rosa Schapire), 1907 - Bildmotiv mit 30,8 x 23,8 cm
1911
– Mädchenprofil (Mädchen mit Hut)
Mädchenprofil (Mädchen mit Hut) ist eine Radierung von Emil Nolde, die vermutlich in Berlin entstand, wo der Künstler das urbane Leben und seine Bewohner aufmerksam beobachtete. Um 1911 schuf Nolde eine Reihe von Arbeiten, die Menschen der Großstadt zeigen — flüchtige Eindrücke von Straßenszenen und Begegnungen — hier ein Mädchen mit Hut.
Zurück im Atelier überführte Nolde diese Beobachtungen in prägnante, stark verdichtete graphische Formen. Mit nur wenigen entschiedenen Linien verwandelt er die Unmittelbarkeit urbaner Wahrnehmung in eine raffinierte und expressive Radierung, die charakteristisch für sein graphisches Werk ist.

Mädchenprofil (Mädchen mit Hut)
1908
Radierung
8 x 11 cm auf 14,3 x 20 cm
Auf Vélin. Eines von mindestens sechs Exemplaren. Unten rechts signiert. Im Papierunterrand links bezeichnet "I.15".

Mädchenprofil (Mädchen mit Hut), 1908 - Bildmotiv mit 8 x 11 cm

"Emil Nolde. Das graphische Werk I.". Das Werkverzeichnis zeigt Mädchen mit Hut zusammen mit anderen Berliner Szenen aus dem Jahr 1911.
1918
– Der Tod als Tänzerin
Die eindrucksvolle Radierung „Tod als Tänzerin“ von Nolde greift das spätmittelalterliche Motiv des Totentanzes auf und zeigt groteske männliche Figuren, die ein tanzendes Mädchen umringen, in dem bereits die Knochen durchscheinen. Mit energischen und zugleich prägnanten Linien fängt Nolde die Vitalität und psychische Intensität der Tänzerin ein.
Raffiniert und perfide, die Camouflage des Todes als jugendlich schöne Nacktänzerin mit langen wehenden Haaren im Kreise zuschauender, recht betagter Herren, die vielleicht das Skelett des Todes, das durch den schönen zarten Körper durchscheint, gar nicht bemerken. Man ahnt, was passieren wird, wenn der Tanz zu Ende geht.

Der Tod als Tänzerin
1918
Radierung
20,9 x 26,5 cm x 59,9 x 50,7 cm
Auf Velin. Mit Bleistift signiert unten rechts. zweiter (letzter) Zustand. Schiefler verzeichnet mindest 18 Abzüge dieses Zustands.

Der Tod als Tänzerin, 1911 - Das Bildmotiv mit 20,9 x 26,5 cm
1923
– Eva
Eine seltene und intime Radierung von Nolde aus dem Jahr 1923, die Eva, die Nichte seiner Frau Ada Nolde, zeigt. Das Werk offenbart Noldes bemerkenswerte Fähigkeit, die Präsenz von Eva durch eine zarte Linienführung einzufangen.
Anders als seine dramatischeren religiösen und floralen Motive besitzt Eva eine stille Unmittelbarkeit und persönliche Wärme und gewährt einen Einblick in den privaten Kreis des Künstlers. Der subtile Charakter der Radierung spiegelt die Sensibilität und emotionale Tiefe wider, die Noldes grafisches Schaffen prägen.
Ein eindrucksvolles und begehrtes Sammlerstück von einem der führenden Vertreter des deutschen Expressionismus.

Eva
1922
Radierung
47,9 x 31,1 cm auf 63 x 45,3 cm
Auf schwerem Büttenpapier. Eines von mindestens neun Exemplaren. Signiert und betitelt „Eva“ unten links.

Eva, 1922 - Das Bildmotiv mit 47.9 x 31.1 cm














