Emil Nolde
Blumengarten, Strickende Bäuerin
Öl auf Leinwand
Unten rechts signiert.
65 x 83,5 cm.
Rückseitig auf dem Keilrahmen signiert und mit "Strickende Bäuerin" betitelt.
Das Gemälde zeigt eine weibliche Figur, die ganz in ihre Handarbeit vertieft ist und scheinbar in eine üppige, überwucherte Gartenlandschaft eingebettet erscheint. Die Figur ist nicht als individualisiertes Porträt aufgefasst, sondern vielmehr als Teil eines farbgesättigten, vegetabilen Organismus. Der Bildraum ist durch geschichtete Ebenen strukturiert; die Tiefenwirkung entsteht weniger durch Perspektive als durch Farbzonen. Dominant sind leuchtende Rot-, Gelb- und Grüntöne, pastos aufgetragen und in markanter Gegenüberstellung gesetzt. Die Konturen erscheinen teilweise aufgelöst, während die Vegetation zu flimmern scheint. Mensch und Natur stehen nicht in einem hierarchischen Verhältnis — die Bäuerin ist sowohl farblich als auch formal in das Blumenfeld integriert. Das Motiv verbindet Intimität, ländliche Schlichtheit und eine beinahe ekstatische Farbigkeit.
Das Gemälde gehört zur frühen Phase des deutschen Expressionismus und lässt sich chronologisch im Kontext der Künstlergemeinschaft der "Brücke" verorten, mit der Nolde 1906/07 eng verbunden war. Charakteristisch sind die Abkehr vom Naturalismus, die expressive Eigenständigkeit der Farbe und die Tendenz zur formalen Vereinfachung. Der Garten fungiert nicht als topographischer Ort, sondern als emotional aufgeladener Farbraum. Die malerische Sprache zeigt Verwandtschaften zu Vincent van Gogh in der Intensivierung der Palette und im gestischen Farbauftrag, zugleich jedoch eine spezifisch nordische Sensibilität: weniger urban-modern als vielmehr von einem mystischen Naturverständnis geprägt. Das Motiv der arbeitenden Bäuerin verbindet ländliche Genredarstellung mit expressionistischer Subjektivität — kein sozialrealistischer Bericht, sondern eine Vision ursprünglicher Authentizität. Das Gemälde steht damit an der Schwelle zwischen Spätimpressionismus und autonomer expressionistischer Bildsprache.
Innerhalb von Noldes Œuvre markiert das Werk eine frühe Ausprägung jener Themen, die später zentral werden sollten: Gärten, Blumen, leuchtende Pigmentierung und die Verschmelzung von Figur und Natur. Noldes eigener Garten wurde in seinem Werk wiederholt zu einem ikonischen Bildraum; die Provenienz über die Nolde Stiftung Seebüll unterstreicht zusätzlich die Bedeutung des Gemäldes innerhalb der Künstlerbiographie. Die Szene bewahrt noch eine gewisse Ruhe und gegenständliche Klarheit; in späteren Blumenbildern lösen sich gegenständliche Elemente zunehmend zugunsten farblicher Ekstase auf. "Strickende Bäuerin" zeigt somit einen Übergangszustand: zwischen erzählerischem Motiv und reiner malerischer Intensität. Das Werk dokumentiert den Moment, in dem Nolde die Farbe endgültig als primären Bedeutungsträger etablierte — ein entscheidender Schritt hin zu seinen späteren, beinahe visionären Blumenbildern.
Als einer der führenden Maler, Aquarellisten und Graphikern des Deutschen Expressionismus im 20. Jahrhundert ist Emil Nolde insbesondere für seine ausdruckstarken und intensiven Farben bekannt. Gleichzeitig sind in seinen flächigen Kompositionen mit harten Konturen in leuchtenden Farben Tendenzen zur Abstraktion sichtbar.
1867 in Nolde, Schleswig-Holstein, geboren, absolviert Nolde 1884 eine Lehre zum Schnitzer und Zeichner an der Kunstgewerbeschule in Flensburg und arbeitet ab 1898 als freischaffender Künstler, zunächst mit kleinen farbigen Zeichnungen der Schweizer Berge. Nach einem Studium an der Malschule Adolf Hölzels in Dachau sowie an der Académie Julian in Paris lässt Nolde zunehmend die lyrischen Landschaftsbilder hinter sich und widmet sich farbfroheren Blumen- und Gartenbildern. Einer Einladung der expressionistischen Künstlervereinigung «Brücke» folgt Nolde 1906 und etabliert in der Gruppe eine weitere Graphiktechnik, die Radierung, stellt Kontakte zu Sammlern her und initiiert die kostenpflichten «passiven Mitgliedschaften» sowie «Jahresgaben» der Gruppe. Nach seinem Austritt 1907 schliesst sich Nolde 1909 der «Berliner Secession» an und wird wenig später Mitbegründer der «Neuen Secession». Es entstehen erste religiöse Werke mit christlichen Themen und Bilder vom Nachtleben Berlins. Nolde bereist Europa und nimmt an einer knapp einjährigen Deutsch-Neuguinea-Expedition des Reichskolonialamtes teil. 1926 übersiedeln Nolde und seine Frau Ada schliesslich nach Seebüll, wo er sich intensiv der Malerei widmet.
Die Rolle von Emil Nolde im Nationalsozialismus wird in der Forschung rege diskutiert. Neu ist, dass Emil Nolde, obwohl ab 1937 als „entarteter“ Künstler verfemt und 1941 mit Berufsverbot belegt, bis zum Zusammenbruch des Dritten Reiches Anhänger des NS-Regimes blieb. Das belegen erste Ergebnisse einer von der Nolde Stiftung unterstützten historischen Studie über die Verbindungen Emil Noldes zum Nationalsozialismus. Die Stiftung sieht sich in der Verpflichtung, in der Vergangenheit entstandene Fehleinschätzungen um die Person Emil Noldes als Phänomen deutscher Nachkriegsverdrängung aufzuklären. Des Weiteren sollen neue Erkenntnisse und Rückschlüsse in die wissenschaftliche Aufarbeitung des umfangreichen Werkes eines der wohl bekanntesten deutschen Expressionisten eingebracht werden.
1956 stirbt Nolde in Seebüll.













