RIEHEN / BASEL

WIRR WARR
Besondere Werke aus unseren Beständen
im Dialog

1. September bis 12. November 2022

Online Katalog (PDF)

 

 

  • Bargheer 1968 1G H1968-5 Afrikanische Vegetation 1

    Eduard Bargheer
    Afrikanische Vegetation

    Öl auf Leinwand, 1968. Henze 1968/05
    Unten links signiert und datiert.
    33 x 40 cm. Rückseitig betitelt und datiert.
    Obj. Id: 66234

     

     

     

  • Kirchner 1921 1G G0664 Berghirte im Herbst  Berghirte mit Ziegen  02

    Ernst Ludwig Kirchner
    Berghirte im Herbst (Berghirte mit Ziegen)
    Öl auf Leinwand, 1921. Gordon 0664
    Oben links in Tinte signiert. 120 x 90,5 cm.
    Rückseitig auf der Leinwand in Pinsel in Dunkelblau
    signiert und mit "Berghirte mit Ziegen" betitelt
    sowie mit dem grossen Nachlass-Stempel
    und der Numerierung "KN-Da/Aa 37".
    Obj. Id: 67942

     

     

     

     

  • REW Tango

    Raymond E. Waydelich
    Argentine - Tango
    Aquarell, Tusche und Siegellack, 2011/2022.
    Auf handgeschöpftem und -koloriertem Prägedruck.
    Signiert und datiert rechts in Bleistift. 49 x 37 cm
    Obj. Id: 80880

     

     

  • Schultze 1987 1G Prothesen-Jemand

    Bernard Schultze
    Prothesen-Jemand

    Öl auf Leinwand, 1987. Herrmann 87/49
    Unten rechts signiert und datiert.
    200 x 140 cm.
    Obj. Id: 66653

     

     

     

  • Feininger 1914 4Z Thuringian Village AMFA 0887

    Lyonel Feininger
    Thüringer Dorf (Thuringian Village)
    Buntstift auf Papier., 1914. AMFA 0887
    Oben links mit "19 IV 14" datiert 15,6 x 20,0 cm
    Obj. Id: 80848

     

     

  • Indianergrab

    Georg Baselitz
    Indianergrab

    Linolschnitt, 2002.
    Auf Papier. Auflage 6. Exemplar 3/6.
    201 x 150 cm auf 228 x 170 cm.
    Obj. Id: 80307

     

     

     

WIRR WARR.
Besondere Werke aus unseren Beständen im Dialog

1. September – 12. November 2022

Chaos, Durcheinander, Gewirr: Die Synonyme des «Wirr Warr» beschreiben allesamt einen Zustand, der die Ordnung untergräbt. Statt den oftmals geforderten Wünschen nach System, Struktur und Regel, welche Übersichtlichkeit und damit Sicherheit suggerieren, widersetzt sich das Wirr Warr dem Planbaren und frönt dem Ungewissen.[1] Hierin zeigt sich auch sein ganz besonderer Reiz. Während Ordnung und Struktur eine gewisse Voraussicht beinhalten, wohnt dem Wirr Warr ein überraschender Moment inne. In seinem bunten Durcheinander, im zusammengewürfelten und sich der Logik entziehenden Ganzen, lassen sich neue Betrachtungsweisen und Verbindungen finden, die zu frischen Ideen und Gedanken anregen können. Als lautspielerische Bildung zum Verb «wirren», welches dem Mittelhochdeutschen «werren» und dessen Bedeutung des «Verwickelns» entlehnt ist[2], kann das Wirr Warr dabei auch für die Kunst interessante Wirkungen entfalten: Werden Gattungen, Stile, Künstler:innen und Werke plötzlich und ohne erkennbaren Grund – in der Kunstgeschichte ist dies beispielsweise eine gemeinsame Epoche oder unterschiedlich bearbeitete Themen – gemischt, so wird das menschliche Auge auf wundersame Art zu einem neuen Hinsehen, zu einem neuen «Verstehen» aufgefordert. Das Wirr Warr zwingt gar unweigerlich dazu, Althergebrachtes hinter sich zu lassen und neu zu bewerten.

Ebendiesem Moment der Überraschung und der Neuerkundung wird die Ausstellung «WIRR WARR. Besondere Werke aus unseren Beständen im Dialog» nachspüren. In einem gänzlichen Durcheinander und bunten Zusammenkommens aus Bestandswerken der Galerie wird die Vielfalt der von uns präsentierten Künstler:innen und ihrer Werke vorgestellt. Ohne Struktur und Ordnung treffen kunsthistorisch bedeutsame Positionen der Klassischen Moderne, der Abstraktion und des Informel, der Neuen Figuration und Gegenwart aufeinander und laden zu einem spannungsreichen Dialog ein.

Natürlich kommt es in all der Pluralität in der Ausstellung auch zu unvermeidbaren Überschneidungen, insbesondere bei Betrachtung der Künstlergruppe «Brücke». Die Kunst ihrer Mitglieder um Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938), Erich Heckel (1883-1970), Karl Schmidt-Rottluff (1884-1976) und Emil Nolde (1867-1956), welche auch ausgestellt sind, brachte ab 1905 die intensivste Ausprägung der expressiven Malerei hervor und fand mit dem «Brücke»-Stil um 1910 die eigentliche, bis heute gültige Gestalt des (deutschen) Expressionismus. In der gemeinschaftlich entwickelten Übersteigerung von Form, Farbe und Gebärde als eine der grundsätzlichen Möglichkeiten der Moderne im 20. Jahrhundert wiederholen sich Techniken, Themen und Farbenauftrag, was auch in der Ausstellung nachverfolgbar ist. Kirchners farbenprächtiges Ölgemälde «Berghirte im Herbst (Berghirte mit Ziegen)» (1921) bildet hier ein Highlight.

 

Gleichzeitig zeigt sich in Lyonel Feiningers (1871-1956) «Notizen nach der Natur» (ab 1906), wie der Künstler selbst die Serie an kleinformatigen Zeichnungen nannte, eine weitere Ausprägung der Moderne zeitgleich zu den Expressionisten. Bereits vor seiner Tätigkeit als Leiter der graphischen Werkstätten des Bauhauses in Weimar besuchte der Künstler die Region und schuf Zeichnungen vor der Natur, eine Art visuelles Tagebuch, welches das Gesehene auf Papier in abstrahierender Weise festhielt. Kirchen, Türme, Strassenzüge mit Häusern und die offene Landschaft fanden Eingang in Feiningers Dokumentation, um Inspiration für Ölgemälde und Holzschnitte zu geben.    

Im «wirren» Geflecht unterschiedlicher Werke aus unserem Bestand stehen auch Eduard Bargheers (1901-1979) Ölgemälde «Afrikanische Vegetation» (1968), George Grosz’ (1893-1959) in Öl dunkel gefasste Landschaft «Rocks at Bornholm, Denmark» (1940) sowie drei organische, aus Bronze gearbeitete Plastiken (zwischen 1939-1950) Karl Hartungs (1908-1967). Sie ergänzen die expressiven «Brücke»-Künstler und zeugen im Kleinen (im Feld der Klassischen Moderne) vom grossen Ganzen (dem kuratorischen Ausstellungskonzept): Ein durchmischtes Zusammenkommen, ein regelrechtes Wirr Warr an künstlerischen Positionen, Techniken und Themen.

Dieser Ansatz des wirren, jedoch intendierten Aufeinandertreffens unterschiedlicher Werke setzt sich auch in den Kunstrichtungen fort, die auf die Moderne folgen und die wir in der neuen Ausstellung präsentieren: Als Abkehr vom abstrakten Ansatz des Informel, welches in der Ausstellung durch Fred Thieler (1916-1999), Bernard Schultze (1915-2005) und Fritz Winter (1905-1976) vertreten wird, entstand die «Neue Figuration», die figürliche Malerei nach dem Zweiten Weltkrieg beschreibt. Es ging dabei um die Überwindung der Abstraktion durch eine neuerliche Annäherung an den «verlorenen» Gegenstand. Dies mündete zum Teil in einer Radikalität, indem der vorgefundene Gegenstand selbst zum Kunstwerk erhoben wurde. So wie wir dies bis heute in Daniel Spoerris (*1922) Werken wiederfinden. Von seinen Assemblagen fertigt er teilweise Bronzegüsse an und verleiht den alltäglichen Gegenständen dabei eine Dauerhaftigkeit, wie in «Cephalopode» (1989) oder in «Testa di Bue – Stierschädel» (1989) zu sehen ist.

Jürgen Brodwolf (*1932) klammerte sich 1959 ebenfalls im wahrsten Sinne des Wortes an den einzigen konkreten Gegenstand in seinem eigentlich «abstrakten» Atelier, nämlich an eine Farbtube aus Blei. Er verformte sie dabei spielerisch, sie wurde zu einer menschenähnlichen Figur. Diese Tubenfigur wurde ihm zum Thema, das er seitdem in allen Techniken, Dimensionen und Bedeutungen unendlich variiert: Figur pur. So nutzt er die Tubenfigur bis dato in seinem Werk, wie etwa in der Gruppe der «Pigmentfiguren» aus den Jahren 2000/2001.

Ein weiterer Vertreter der zeitgenössischen Position ist Giovanni Manfredini (*1963). Das Werk des italienischen Künstlers zeichnet sich durch seine besondere Technik aus, die er selbst entwickelt hat. Manfredini setzt Feuer ein und schwärzt damit Oberflächen, die er zuvor mit einer Mischung aus Muschelmehl und Harz bedeckt. Auf dem Bildträger drückt er dann u. a. Teile seines Körpers ab, wie etwa in dem grossformatigen Werk ohne Titel von 2009. So entstehen helle, das Licht reflektierende Stellen, die einen starken Kontrast zu dem russigen Bildträger bilden und ein faszinierendes Chiaroscuro schaffen.

 Auch der drei Jahre jüngere spanische Künstler Darío Basso (*1966) hat eine eigene Bildersprache und vor allem Technik für sich entdeckt, während er sich in seinem Werk hauptsächlich mit der Natur auseinandersetzt. Der Autodidakt bedient sich völlig unkonventioneller Mittel, malt, giesst seine Bilder oft im Freien in der Natur waagerecht auf dem Boden, bezieht die Umgebung und auch das Wetter sowie direkte oder indirekte Naturgewalten mit ein. In dem ein Meter auf ein Meter grossen Werk «Persamoz» (2008) entsteht durch die vielen Schichten und integrierten natürlichen Materialien regelrecht ein Relief.

Der 1938 in Strassburg als Sohn eines Bildhauers geborene Raymond-Émile Waydelich gilt sicherlich als die humorvollste Position in der Ausstellung. Bekannt ist der Künstler insbesondere für seine aquarellierten Collagen, in denen er real existierende Lebewesen, Tiere, verfremdet, dies meist auf einem besonderen und unüblichen Bildträger, wie antiken Briefen, die er zum Teil auf Reisen z. B. nach Kreta erworben hat: In der Ausstellung zu sehen in «Hotel Kreta – Good Morning» (2006/2022). Seinen Werken liegt dabei eine Vielfach-Perspektive zu Grunde, die Motive und Elemente sind angelehnt an prähistorische Höhlenmalereien oder die griechische Mythologie. Oft finden sich Wörter oder gar ganze Sätze in den Werken wieder, die diesem mitunter den erwähnten Humor verleihen. Eine ganze Reihe von neuen, noch nie zuvor gezeigten Werken aus dem Jahr 2022 ist dabei in unserer Ausstellung zu sehen.

Georg Baselitz (*1938) gilt als polarisierender Künstler, der Mitte des 20. Jahrhunderts mit seiner Rückbesinnung auf die nach dem Zweiten Weltkrieg verfemte Figuration, zu einem radikalen Umbruch in der Kunstgeschichte beitrug und dabei einen Ausweg aus der zeitgenössischen abstrakten Malerei bot. Der grossformatige Linolschnitt «Indianergrab» von 2002 zeigt ein auf den Kopf gedrehtes Motiv – das Markenzeichen des Künstlers.

In der Ausstellung ist zudem eine neue Position der Galerie zu sehen: Claire Ochsner (*1948). Die Plastiken der Schweizerin bilden durch ihre Form und Farbigkeit ein besonderes Augenmerk. Ein wichtiges Anliegen der Künstlerin ist es, dass ihre Kunst mit leuchtenden Farben, Schwung und Optimismus Freude bringt. Kleine und grosse Skulpturen, die wie Fabelwesen auf einem Bein balancieren sowie ein beschwingtes Mobile scheinen aus einer anderen Welt zu stammen.

Die Gegenüberstellung der zahlreichen Kunststile und -positionen erschafft eine neue Denkwelt und ermöglicht dabei neue Perspektiven und Auseinandersetzungen mit dem Œuvre und den Motiven der Künstler:innen. Unerwartet sind vor allem Parallelen sowie neue Erkenntnisse, die hierbei zutage treten.

Entdecken Sie in der Ausstellung Werke aus über einem Jahrhundert Kunstgeschichte in einem spannenden Dialog, lassen Sie sich dabei vom «Wirr Warr» überraschen und erleben Sie einen neuen Blick auf unsere Bestände.                                                                                                                                                                                                               

Susanne Kirchner und Katharina Sagel


 

[1] Vgl. Wörterbuch Duden, online abrufbar unter dem Link: https://www.duden.de/rechtschreibung/Wirrwarr

[2] Ebd., online abrufbar unter dem Link: https://www.duden.de/rechtschreibung/wirren

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